Gestern Gesehen: The First Movie (2009)

Goptapa ist ein Dorf im kurdischen Norden des Irak. Es hat 700 Einwohner und in den Straßen findet man Handfeuerwaffen und Teile eines Panzers. Auf den ersten Blick kein schöner Ort für Kinder. Regisseur Mark Cousins ist ebenfalls in einer Stadt geboren, die damals kein schöner Ort für Kinder war: Belfast während der Troubles. Doch erinnert sich Cousins weniger an den Bürgerkrieg als, wie er sagt, an Schönheit und vor allem: an Kino und Filme.

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„Diese Landschaft will gefilmt werden“

Cousins ist ein Cineast durch und durch, ein Mann, der Film lebt und atmet (siehe auch seine Doku Serie ‚The Story of Film‘) und so beschließt er 2009 mit einem kleinen Filmteam nach Goptapa zu fahren, dort ein provisorisches Kino zu errichten und den Kindern Filme von ‚Das singende, klingende Bäumchen bis ‚E.T.‘ zu zeigen. Die ersten Filme, die sie sehen. Die Reaktionen sind begeistert.

Kino

Kino

Doch dann geht er einen Schritt weiter: er teilt Digitalkameras an die Kinder aus und bittet sie selbst Filme zu machen. Dabei ist Amüsantes zu sehen, wenn zum Beispiel ein Junge ein Fußballspiel filmt und die Realität seinem Film direkt nicht mehr genügt und er beginnt Regie-Anweisungen zu geben (‚Hört auf zu fluchen!‘ ‚Könntest Du etwas mehr jubeln, wenn Du ein Tor schießt?‘). Doch die Ergebnisse sind oft beeindruckend: einige Kinder interviewen Eltern und Großeltern über die genozidalen ‚Anfal‘-Angriffe des Baath-Regimes in den späten 80ern, ein Thema, das das Dorf bis heute beherrscht. Ein Film ist eine Fabel von einer Henne, die nach Gerechtigkeit fragt, in einem anderen erzählt ein Junge seine Träume und Sorgen dem Schlamm.

Der Junge und der Schlamm

Der Junge und der Schlamm

Sie alle haben instinktiv verstanden was Film ist: eine Maschine, die Empathie schafft. Ebenso wie dieser Film, der aber gleichzeitig als Erinnerung dient warum wir Filme lieben und welche Filme geholfen haben uns zu formen. Und das Beste ist: Cousins versucht zu keiner Zeit die Kinder zu einem ‚Symbol für Unschuld‘ oder so etwas zu machen. Er zeigt sie wie er sie sieht und sie zeigen sich, wie sie sich selbst sehen. Und das kann ein- oder zweimal durchaus schockierend sein.

Mark Cousins sagt er hätte gern mehr mit den Mädchen des Dorfes zusammengearbeitet doch 'das war nicht so einfach'

Mark Cousins sagt er hätte gern mehr mit den Mädchen des Dorfes zusammengearbeitet, doch ‚das war nicht so einfach‘

Ein möglicher Kritikpunkt an ‚The First Movie‘ ist sicherlich, wie sehr er sein Herz auf der Zunge trägt. Der ganze Ansatz scheint so naiv, dass Cousins sich genötigt sieht diese Naivität in einem Epilog zu diskutieren. Wäre es nicht sinnvoller gewesen für das Produktionsgeld die Schule von Goptapa neu auszurüsten? Oder eine Krankenstation zu bauen? Vielleicht, doch Cousins ist der Meinung, dass Kunst ihren eigenen Wert hat und ich bin geneigt ihm da zuzustimmen.

Zwei kleine Jungen aus Goptapa und Belfast

Zwei kleine Jungen aus Goptapa und Belfast

FAZIT: Großartiger Film für jeden der Film liebt, der selber Filme macht, der sich an seine Kindheit erinnert und sich von blankem Idealismus nicht abgeschreckt fühlt.

9/10 Eseln auf der Straße

PS: ich habe es bislang nicht über mich gebracht zu googlen, wie die Zeitgeschichte seit 2009 mit Goptapa und seinen Bewohnern umgegangen ist.

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