Gestern Gesehen: Slow West (2015)

Dass ich Neo-Western mag ist nix Neues. Und Michael Fassbender sehe ich immer gerne, egal ob er einen Zenturio, C.G. Jung, einen Sexsüchtigen, einen Androiden, einen Sklavenhalter, den „Meister des Magnetismus“ spielt oder einen Pappmaschee-Kopp trägt. Er ist immer gut und meistens das Beste am Film. Und jetzt krieg ich gleich beides auf einmal? Ja, ist denn heut scho‘ Weihnachten?

Von der kalten Schulter Schottland ins glühende Herz Amerikas: der 16jährige Jay (Kodi Smit-McPhee) ist seiner großen Liebe Rose (Caren Pistorius) in die neue Welt gefolgt. Hier ist er nun, als das greenhornigste aller Greenhorns auf der Suche nach ihr. Kopfgeldjäger und Indianer kreuzen den Weg des Träumers durch die ebenso schöne, wie tödliche Landschaft. Im Moment größter Not kommt ihm Raubein Silas Selleck (Fassbender) zur Hilfe. Ein Cowboy so Macho, dass er beinah aus rohem Rindfleisch und Zigaretten zu bestehen scheint. Gemeinsam begeben sie sich auf die weitere Suche. Wobei jeder außer Jay ahnt, dass Silas‘ Hilfe nicht ganz uneigennützig ist.

Okay, wenn ihr auch nur im entferntesten etwas mit Western anfangen könnt, auch nur das kleinste bisschen, dann hört ihr genau hier auf diesen Unsinn zu lesen und schaut euch ‚Slow West‘ an! Auf dem größtmöglichen Fernseher, der euch zur Verfügung steht! Noch besser auf ’ner Leinwand. Bis demnächst! Tschüss!

Für den Rest ein paar Worte mehr: Regisseur John McLean (der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet) liefert hier aus dem Nichts, als Erstlingswerk einen der besten Western der letzten Jahre (und einen der besten Filme dieses Jahres) ab. Nicht nur gelingt es ihm mit sicherem Auge die beeindruckende Landschaft einzufangen (Mittelerde Neuseeland spielt hier überzeugend die Rolle des amerikanischen Westens), oft genug in interessanten und innovativen Einstellungen, nein er zeichnet auch zumeist vielschichtige und skurrile Charaktere auf Grundlage typischer Western-Archetypen. Diese erinnern zwangsläufig das eine oder andere mal an ‚True Grit‘ der Coen-Brüder ohne aber jemals plagiiert zu wirken. Der Konflikt zwischen Romantiker Jay und Zyniker Silas zieht sich durch den ganzen Film und auch der Zuschauer sieht die verfolgenden Kopfgeldjäger, Rose (die zum Glück mehr sein darf als nur Objekt der Begierde) und auch die Hauptfiguren mit stets veränderlichem Blickwinkel. Ein tonales Schleudertrauma, das eigentlich nicht funktionieren dürfte zieht sich durch den ganzen Film, der blitzschnell von großer Schönheit zu brutaler Gewalt zu Humor zu Kontemplation wechseln kann. Dies erreicht den Gipfel im dramatisch/tragischen Finale, das für einen Moment in den größten Lacher des Films umschlägt. Aber es funktioniert. Ganz hervorragend sogar. Der Film ist lyrisch, melancholisch, lustig (manchmal sogar Slapstick) und fühlt sich auf schwer definierbare Weise „europäisch“ an. Außerdem hat er mich das eine oder andere Mal an den ebenfalls großartigen ‚Winters Bone‘ erinnert und das will was heißen. Und ich habe mich noch nicht mal über die spärliche aber großartige (meist diegetische) Musik begeistert. Jetzt schaut ihn euch halt einfach an!

Nach diesem Film und den demnächst kommenden ‚Bone Tomahawk‘, ‚Revenant‘ und nicht zuletzt ‚Hateful Eight‘ könnte aus dem Western glatt wieder ein veritables Genre werden.

FAZIT: Visuell großartiger lyrischer Western, mit skurrilen Charakteren und ’ner Menge Humor. Gütesiegel A *Plonk*

9/10

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Ein Gedanke zu “Gestern Gesehen: Slow West (2015)

  1. Pingback: Gestern Gesehen: ‚In a Valley of Violence‘ (2016) | filmlichtung

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