Gestern Gesehen: Ich seh, Ich seh (2014)

 

Das Erste, was ich für diesen Blog geschrieben habe war ein Text über Jessica Hausners ‚Hotel‘, einen österreichischen „Horror“-Film, den ich sehr mag. Da macht ein weiterer österreichischer Film mit Horrorelementen und mit Martin Gschlacht auch noch dem selben Kameramann, der ‚Hotel‘ so gut hat aussehen lassen natürlich mehr als neugierig.

Die zehnjährigen Zwillinge Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) leben in einem einsam gelegenen Haus am Wald. Sie ziehen durch die Natur, überwucherte Friedhöfe, märchenhafte Waldseen, bringen verletzte Tiere zur Pflege nach Hause und verbrennen Insekten mit ’ner Lupe. Was man so macht mit 10. Eines Tages kommt ihre Mutter (Susanne Wuest) von einer Gesichtsoperation aus dem Krankenhaus nach Hause. Ihr Gesicht ist bandagiert und sie wirkt verändert. Sie ist streng und ungeduldig und behandelt insbesondere Lukas mit eisiger Abweisung. In den Kindern keimt ein schrecklicher Verdacht: die Frau, hier im Haus, die nur in abgedunkelten Räumen sitzen will, ist gar nicht wirklich ihre Mutter. Ihre Eltern leben getrennt und in den nahegelegenen Ort sind sie erst ganz frisch gezogen, also müssen sie selbst aktiv werden.

Ein Kammerspiel ist es, das darstellt, wie aus verlorenem Vertrauen immer mehr Aggression erwächst. Wollte man den Film mit ‚Hotel‘ in Zusammenhang bringen (was ich natürlich möchte), so ist die allgemein feindselige Gesellschaft dieses Films auch hier noch gegeben: der benachbarte Bauer schreit die Kinder tonlos an, das Dorf ist wie leergefegt nur ein Lieder grölender Betrunkener ist zu finden, der Priester will nicht helfen, nur den Status Quo erhalten. Doch während in ‚Hotel‘ die Familie eine – wenn auch vielleicht unerreichbare – Rettungsleine darstellte, wird hier die Familie brutal auseinandergenommen. Auf der einen Seite die Kinder, die sich von der mit sich selbst beschäftigten Mutter verlassen und verraten fühlen, auf der anderen die Mutter, die sich von ihren Kindern gefangen und kontrolliert fühlt. Das muss in der gleichgültig/feindseligen Gesellschaft natürlich zu einer Katastrophe führen. Und die tritt ein mit Donnerhall. Ich habe einerseits das Gefühl ich muss vor der zweiten Hälfte des Films warnen, andererseits möchte ich keinesfalls zu viel verraten. Sagen wir so viel: der Film sucht einige unschöne Orte auf, die vermutlich insbesondere für Eltern schwer erträglich sind und nutzt Horror-Tropen deutlich traditioneller und blutiger als ‚Hotel‘ das tut.

Eine gewisse Verwandtschaft zum australischen ‚Babadook‘ kann man schon aufgrund der Mutter/Sohn Thematik nicht absprechen. Auch in ‚Ich seh, ich seh‘ spielen vergangene Traumata eine entscheidende Rolle, doch werden sie weit weniger deutlich umrissen. Übernatürliches ist hier allerdings, wie in ‚Hotel‘ nur für den zu finden, der es finden möchte.

Und ja, Martin Gschlacht lässt den Film hervorragend aussehen. Auf 35mm Film, wie uns Severin Fiala und Veronika Franz, das Regie-Duo, am Ende mit einigem Stolz wissen lassen. Märchenhaft scheint die Natur, mal abweisend mal bedrängend die Villa am Waldrand, verlassen und vernebelt das Dorf. Figuren verschwinden in der Finsternis und kehren daraus zurück und angesteckt vom Misstrauen der Charaktere fragen wir uns: sind sie noch dieselben?

FAZIT: Mann, der österreichische Genre-Film ist in den letzten Jahren wirklich interessant geworden. Neben diesem Horrorfilm ist da zum Beispiel noch der Alpen-Western ‚Das finstere Tal‘. Und so beginnt ‚Ich seh, ich seh‘ mit einer Aufnahme der ‚Trapp Familie‘ aus dem gleichnamigen 50er Jahre Film, in dem sie in braver Tracht „Guten Abend, gute Nacht“ singen. Es ist als wollte der Film uns sagen: der Heimatfilm frisst seine Kinder und gebiert Ungeheuer. Absolut sehenswert.

8/10 Salami-Pizzen

Dinge, die ich aus ‚Ich seh, ich seh‘ gelernt habe:

  1. Liebe Eltern, wenn eure Kinder Fauchschaben als Haustiere wollen, so lautet die korrekte Antwort: „Nein!!!“. „Auf gar keinen Fall!“ und „Du spinnst wohl!“ sind ebenfalls akzeptabel.
  2. Sekundenkleber kommt mir nicht ins Haus. Ich glaube ich bin klebophob, wenn’s das gibt
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Ein Gedanke zu “Gestern Gesehen: Ich seh, Ich seh (2014)

  1. Pingback: Kurz und schmerzlos Folge 6: ‚Spitzendeckchen‘ | filmlichtung

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