Double Feature: Belfast in den 70ern: ‚`71‘ (2014) und ‚Good Vibrations‘ (2013)

Manchmal reicht ein einzelner Film einfach nicht. Ein zweiter muss her. Historische Double Feature paarten üblicherweise einen attraktiven „A-Film“ mit einem „B-Film“, der deutlich weniger Interesse weckte. Heutzutage gibt es als Double Feature im Kino höchstens noch Original mit dem Sequel hinterher. Aber wir machen uns unser eigenes Double Feature mit Blackjack und N. . . thematischer Klammer und hochwertigen Filmen.

Belfast in den 70ern war ein zutiefst gewalttätiger Ort. Ein ethnisch nationaler Konflikt im Gewand eines Glaubenskrieges zwischen Nationalisten (oder Katholiken) und Unionisten (oder Protestanten)  ging seit den späten 60ern in eine (erneute) heiße Phase. Paramilitärische Organisationen, wie die IRA und INLA auf nationalistischer Seite und UVF und UDA auf Unionistischer Seite führten bewaffnete Aktionen und Bombenanschläge mit hoher Brutalität aus. Eine Brutalität, die oftmals auch die Aktionen der staatlichen Organisationen Royal Ulster Constabulary und der British Army kennzeichnete.

In dieses Klima der allgegenwärtigen Gewalt wird in ‚`71‘ der junge britische Rekrut Gary Hook (Jack O’Connell) versetzt. Bei einer ebenso chaotischen wie brutalen Haussuchung in einem katholischen Viertel wird Hook von seinem unerfahrenen befehlshabenden Offizier (Sam Reid) vergessen. Schnell wird er zu einem gesuchten Faustpfand für alle in dem Konflikt beteiligten Fraktionen und für die umstrittene britische Military Reaction Force zu einem Problem.

Das Thema „Soldat allein hinter feindlichen Linien“ ist für den Film alles andere als neu und wurde gerade für die Bereiche 2ter Weltkrieg und Vietnamkrieg häufig (und oftmals propagandistisch) behandelt. Regisseur Yann Demange erfindet deshalb hier auch das Rad nicht neu, sondern liefert einen ebenso geradlinigen wie effektiven Thriller ab, bei dem der Zuschauer zusammen mit Hook durch die verwinkelten Gassen Belfasts eilt und versucht die Zusammenhänge zu durschauen. Propaganda würde ich dem Film in keiner Weise vorwerfen, allerdings sind die Wunden der Troubles in Großbritannien noch frisch genug, dass sich sicherlich Leute verletzt fühlen könnten. Wir sehen den Film fast rein durch Hooks Augen, der sicher kein englischer Nationalist oder auch nur ein besonders begeisterter Soldat wäre. Er ist einfach jemand , der in einer Situation gefangen ist, die er in keiner Weise kontrollieren kann. Wie die meisten Einwohner Belfasts zu der Zeit. Nur das er vielleicht am Ende nach Hause gehen kann.

Von einer ganz anderen Seite nähert sich ‚Good Vibrations‘ dem Konflikt: der Belfaster DJ Terri Hooley (Richard Dormer),der das große Problem hat sich keiner Konfession zugehörig zu fühlen, eröffnet in den frühen 70ern, zur Hochzeit der Troubles, einen Plattenladen mit demselben Namen wie der Film. Als er mit der Underground Punk Szene in Berührung kommt ist für ihn schnell klar: er muss diese Bands veröffentlichen, da es hier in der gefährlichsten Stadt Europas sicherlich sonst niemand tun wird.

Der Film, der auf wahren Tatsachen beruht, begleitet Hooley bei seinen Versuchen Bands wie „The Undertones“ oder „The Outcasts“ bei größeren Labels unterzubringen, bis er schließlich sein eigenes Good Vibrations Label gründet und BBC DJ John Peel mit der Undertones Single „Teenage Kicks“ das unglaubliche tut: er spielt sie aus Begeisterung zweimal hintereinander. Regisseure Lisa Barros D’Sa und Glenn Leyburn begleiten den charismatischen und sympathischen Hooley mit warmherzigem Humor bei seinen Versuchen seine Stadt mit etwas anderes in Verbindung zu bringen als nur Terror. Allerdings werden auch schwierigere Seiten Hooleys nicht ausgeblendet, wie sein eher schulterzuckendes Interesse an Frau und Kind und seine komplette Unfähigkeit im Umgang mit Geld. Es bleibt ein zutiefst gelungenes Musik-Biopic, das niemals vergisst in welchem unschönen Umfeld es spielt: Belfast in den 70ern.

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