Gestern Gesehen: Ich und Orson Welles (2008)

„Where is thy Ukulele, boy?“

„Some asshole doth stole it!“

Orson Welles revolutionierte mit ‚Caesar‘ die Art und Weise, wie Regisseure am Theater Shakespeare adaptieren, lieferte mit ‚War of the Worlds‘ eine Hörspieladaption der H.G. Wells Geschichte ab, die in Amerika zumindest für eine kleine Panik sorgte, veränderte mit ‚Citizen Kane‘ den Hollywoodfilm unwiederbringlich und feierte dann seinen 26. Geburtstag. Er war fraglos ein Genie und ein Perfektionist aber immer auch jemand, der jeden wissen lassen musste, dass er der cleverste Kerl im Raum war (man frage nur die Macher eines Werbespots für Tiefkühlerbsen aus den 70ern). Letztes Jahr wäre er 100 geworden. ‚Ich und Orson Welles‘ von Richard Linklater (Before… Trilogie, Boyhood) spielt 1937, während der Vorbereitungen zur Premiere von Welles bahnbrechender, antifaschistischen Version von Shakespeares ‚Julius Caesar‘.

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Welles und Richard

Der theaterbegeisterte 17jährige Richard (Zac Efron) begegnet vor dem Mercury Theater in New York zufällig Orson Welles (Christian McKay). Bei dieser Begegnung behauptet er die Ukulele spielen zu können und wird daraufhin für eine kleine, unbezahlte Rolle engagiert. Er muss sich im, für ihn unbekannten, Sonnensystem Mercury Theater zurechtfinden, dessen Zentrum Welles gigantisches Ego bildet. Er begegnet dabei historischen Figuren, wie Jospeh Cotten (James Tupper) und John Houseman (Eddie Marsan) aber auch fiktiven, wie Sonja Jones (Claire Danes), die fast so sehr an Richard interessiert ist, wie an einem Treffen mit Filmproduzent D.O. Selznick.

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Richard und Sonja

Sicher, nominell spielt Zac Efron die Hauptrolle des Films und das macht er auch durchaus nicht schlecht, doch lebt der Film von der brillanten Welles-Interpretation von Christian McKay. Der Schauspieler, der Welles zuvor in einem Ein-Mann-Bühnenstück verkörperte, besitzt nicht nur physische Ähnlichkeit zu Welles, die Fähigkeit seine Stimme ähnlich einzusetzen, nein es gelingt ihm auch, die schwierige Mischung aus Genie, Populist und Womanizer ebenso überzeugend, wie sympathisch herüberzubringen. Ich meine, der Welles des Films (ich weiß nicht, ob das überzeugend überliefert ist) lässt sich mit einem Krankenwagen durch die Stadt fahren, um dem Verkehr zu entgehen. Einen solchen Charakter zu spielen, ohne in die Karikatur abzugleiten, muss wahnsinnig schwierig sein, wird von Mckay aber scheinbar mühelos geleistet. Eine Darstellung, die weitaus mehr Aufmerksamkeit verdient hätte! Ein Großteil des Films spielt im Inneren des Mercury, dass hier durch das sehr ähnlich gebaute Gaiety Theatre, auf der Isle of Man „dargestellt“ wird. Der Rest des New Yorks der 30er wurde, durchaus überzeugend, mittels starkem CGI Einsatz erstellt. Das hat den interessanten und sicher nicht ganz ungewollten Effekt, dass die Szenen im Theater „wahrhaftiger“ wirken als die außerhalb. Für Wellesianer von ganz besonderem Interesse dürften die 15 Minuten sein, die Linklater nach original Bühnenaufbauten und Beleuchtungsplänen des Stückes ‚Caesar‘ hier rekonstruiert. Man bekommt zumindest eine Idee, warum es das Publikum damals so mitgerissen hat.

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Welles und Sonja, oh weh!

Alles in allem bleibt Linklater seiner Maxime treu, dass es eben nicht die großen Ereignisse sind, die uns als Menschen prägen, sondern viele kleine. So ist der Film, im unausweichlichen Vergleich mit Iñárritus ‚Birdman‘ deutlich zurückhaltender und weniger aufdringlich. Das funktioniert aber durchaus zu seinem Vorteil.

FAZIT: gelungener, grundsolider Theaterfilm mit einer grandiosen Darstellerleistung von Christian McKay. Sicher nicht der beste Linklater aller Zeiten aber dennoch absolut sehenswert. Wird er bei Teenager Fangirls von Zac Efron Interesse für Orson Welles wecken, wie die Macher in einem Making-Of hoffen? Nö. Aber jeder, der ein gewisses Maß an Interesse mitbringt wird zufrieden, alle anderen zumindest gut unterhalten sein.

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