Gestern Gesehen: The Lobster (2015)

 

Yorgos Lanthimos ist ein griechischer Regisseur, bekannt für die ungewöhnlichen Themen seiner Filme. In ‚Dogtooth‘ ging es zum Beispiel um Kinder, die von ihren Eltern in kompletten Unwissen um ihre Umwelt erzogen werden und das verquere Weltbild, das diese dadurch entwickeln. Eine unangenehme und fast monströse Parabel. Jetzt hat er seinen ersten englischsprachigen Film ‚The Lobster‘ abgeliefert: einen Film der sich um Liebe und Beziehungen dreht – das kann ja was werden.

Davids (Colin Farrell) Frau hat ihn nach 11 Jahren Ehe verlassen. Laut den Regeln der Gesellschaft bedeutet das, dass er in „das Hotel“ ziehen muss. Hier hat er 45 Tage Zeit eine neue Partnerin zu finden. Sollte das nicht gelingen wird er in ein Tier seiner Wahl verwandelt. David zieht in Begleitung seines Bruders ein, dieser war einige Jahre zuvor im Hotel und ist jetzt ein Border Collie. Sollte David keinen Erfolg haben möchte er ein Hummer werden. Während des Hotelaufenthaltes wird in abendlichen Propagandavorstellungen klar gemacht, wie furchtbar es ist allein zu leben und wie wichtig Partnerschaft ist. Masturbation ist verboten. Paare, die sich finden erhalten Sonderrechte. Die Zeit des Aufenthalts kann verlängert werden indem man erfolgreich Jagd auf sogenannte „Loner“ macht, Menschen, die sich aus der Gesellschaft in den Wald zurückgezogen haben, um nicht in Partnerschaft zu leben.

Mit lakonischem aber tiefschwarzen Humor und jeder Menge absurder aber wohl beobachteter Situationen untersucht Lanthimos hier Individualität, Einsamkeit, Partnerschaft und was wir bereit sind für eine solche zu geben. Das wichtigste Thema ist allerdings der Einfluss der Gesellschaft auf das Privat- und Intimleben. Regeln, die in unserer Gesellschaft unausgesprochen gelten, sind in der dystopischen Parallelwelt des Films exakt ausformuliert. So teilt die Hotelleiterin fröhlich mit, das neugefundene Paare, bei denen Probleme auftauchen sollten, Kinder zugeteilt bekommen „das hilft fast immer“. Und auch die eigentlich außerhalb jeder Gesellschaft stehenden „Loner“ haben strenge Regeln die den Umgang oder nicht-Umgang miteinander kontrollieren, deren Bruch drastische Strafen nach sich zieht.

Die erste Hälfte des Film, die komplett im Hotel spielt ist beinahe perfekt. In grau und gedecktem grün und beige gehaltenen Bildern und mit einem ungewöhnlichen Soundtrack, der das Geschehen mal ironisch, mal unterstützend begleitet, verkörpert Colin Farrell mit kleiner Wampe und Schnauz, den depressiven frisch Verlassenen, der sicher nichts weniger möchte als direkt wieder auf die Suche nach einer neuen Beziehung zu gehen. Der Film wirkt hier teilweise wie etwas, was Loriot hätte drehen  können, wenn er ein tiefschwarzer Zyniker gewesen wäre, gleitet aber in wirklich finstere Gefilde ab, wenn David sich mit einer Soziopathin einlässt. Die zweite Hälfte außerhalb des Hotels verliert etwas von der Messerschärfe und hätte vermutlich von einigen Kürzungen profitiert.

Trotz seines distanzierten oftmals fast klinischen Tons ist es dem Film absolut gelungen mich zu fesseln. Colin Farrell ist sehr gut darin dem Zuschauer für seinen – ganz sicher nicht unbedingt sympathischen Charakter – doch Empathie zu vermitteln. John C. Reilly, Rachel Weisz und Léa Seydoux überzeugen in Nebenrollen.

FAZIT: Als originellsten Film des Jahres bezeichnete das Marketing den Film. Ich habe zwar nicht alle Filme des letzten Jahres gesehen aber es könnte durchaus einmal keine Übertreibung gewesen sein. Sicherlich kein Film für jeden, könnte er allerdings, je nach Gegenüber, der perfekte Datefilm sein oder aber der Letzte den man gemeinsam schaut. Eine alleinige Erstanschauung kann also helfen. Vielleicht mit einer Hand auf den Rücken gefesselt, um den Wert von Zweisamkeit besser zu verstehen. Woher ich die Idee habe? Zweimal dürft ihr raten.

PS: wollt ihr rausfinden, welches Tier ihr wählen solltet, wenn ihr allein endet? Klar wollt ihr, klickt also hier.

bison_poster

Das bin ich. Hätte schlimmer kommen können.

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2 Gedanken zu “Gestern Gesehen: The Lobster (2015)

    • Das Thema (Angst vor) Einsamkeit des Films ist natürlich traurig, auch würde ich sagen der Film hat eine äußerst melancholische Grundstimmung. Ich war überrascht, wie sehr ich doch bei Colin Farrells Charakter war, trotz der absurd/klinischen Atmosphäre und seines wenig sympathischen Charakters. Ich hätte vielleicht noch dazu sagen sollen, dass der Film äusserst „rücksichtslos“ mit seinen Charakteren umgeht und einiges an Gewalt gegen „Tiere“ drin ist.
      Ob es also was für einen Schwan ist, muss der selbst entscheiden, der Bison ist da zu grobschlächtig 😉

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