So was gibt es heute gar nicht mehr: Shogun Assassin (1980)

 

‚Shogun Assassin‘ ist ein Film, wie er heute in Zeiten des Internets nicht mehr gemacht werden könnte, ohne eine Reihe Twitter-Shitstorms und mindestens eine Unterschriftenaktion auf den Plan zu rufen. Was war passiert? Zwei amerikanische Produzenten, Robert Houston und David Weisman kauften 1980 die Rechte an der 6teiligen Samurai-Film Serie ‚Lone Wolf & Cub‘ vom japanischen Studio Toho für 50.000 Dollar. Die originale Serie entstand zwischen 1972 und 1974 und basierte auf einer Manga Reihe von Kazuo Koike und Goseki Kojima. Doch anstatt die Filme zu veröffentlichen, wie sie waren, nahmen Houston und Weisman eine Viertelstunde des ersten Films und verwoben sie mit dem Großteil des zweiten Films und pressten dieses frankensteinsche Monster in ein Exploitation Korsett. Die, trotz radikaler Vereinfachung der Handlung,  unweigerlich entstehenden Handlungslücken wurden durch eine Voice-Over Erzählung des kleinen Sohns der Hauptfigur (gesprochen vom siebenjährigen Sohn des Postermalers) übertüncht.  Dazu noch eine englische Synchronisation, irgendwo zwischen amateurhaft und furchtbar und ein neuer electrosynth Soundtrack, fertig! Veröffentlicht wurde ‚Shogun Assassin‘ von Roger Cormans ‚New World Pictures‘, kam in die amerikanischen Autokinos und Grindhouses und wichtiger noch später auf Video, wo ein beinahe Verbot als Werbemittel eingesetzt wurde. Kurz darauf kam er als ‚Der Henker des Shogun‘ auch in deutsche Kinos und VHS-Spieler.  Doch jetzt erst mal das Wichtigste: worum geht es eigentlich?

Herr Itto Ogami (obwohl ich nicht sicher bin, dass wir in dieser Version überhaupt seinen Namen erfahren) ist der Scharfrichter des Shogun im 17. Jahrhundert. Der Herrscher selbst fürchtet ihn, daher wird eines Nachts seine Frau von Ninja ermordet und er selbst vor eine Wahl gestellt: er und sein kleiner Sohn Daigoro müssen dem Shogun ewige Treue schwören oder rituellen Selbstmord begehen. Ogami wählt Möglichkeit C und tötet die Männer des Shogun, einschließlich dessen Thronfolgers. Von nun an folgen Ogami und Daigoro dem „Pfad der Hölle“. Sie ziehen durch Japan und Ogami lässt sich als Auftragsmörder anheuern, wobei sie ständigen Angriffen der Ninja des Shogun ausgesetzt sind, quasi ein ‚A-Team‘ in der japanischen Edo-Epoche, nur mit einem Kinderwagen statt eines Van und das tatsächlich Leute sterben. Also nicht im geringsten, wie das ‚A-Team‘.

Das grobe Gerüst der originalen Handlung (oder Handlungen) der beiden Filme, die Verschwörung gegen Ogami und sein Umherziehen als mietbarer Ronin bleiben erhalten, allerdings in stark simplifizierter Form. Die Synchronisation tut dem Film keinen Gefallen und lädt eher zum Schmunzeln ein, als irgendetwas anderes. Wobei das warbelnde Auf und Ab der kindlichen Erzählers im Laufe des Films für mich eine fast hypnotische Wirkung entfaltete. Aber auch aus den Originalen stammt die ein oder andere bizarre Szene. So versucht eine Gruppe Ninja Vater und Sohn zu töten, indem sie sie mit Gemüse, mit Klingen darin, bewerfen. Danach steckt für einige Szenen ein Rettich im vorderen Ende des Kinderwagens. Eines Kinderwagens übrigens, der seinerseits voller versteckter Klingen steckt und gerne, mitsamt Daigoro darin, als Waffe eingesetzt wird. Schön auch, wenn Ogami eine weibliche Ninja besiegt und diese aus ihrem Kimono springt und rückwärts laufend vor ihm flieht. Oh, und Daigoro verhindert einen Mord, indem er an einen Nippel schnippst.

Okay und warum schreibe ich jetzt hier über diesen merkwürdig klingenden Film? Weil er mir ehrlich gesagt gefallen hat. Wollt ihr eine Reihe interessanter Samurai-Filme aus den 70er Jahren sehen? Dann schaut unbedingt die, inzwischen problemlos erhältlichen, Originalfilme. Und legt am besten noch ‚Lady Snowblood‘ oben drauf! Wollt ihr stattdessen, vielleicht bei ein paar Bier, 80 Minuten entspannen und einem Mann dabei zusehen, wie er seine Gegner in Sekundenschnelle in rotsprühende Gartensprinkler verwandelt, ohne euch über Handlung und Logik Sorgen machen zu müssen? Sätze hören, wie: „Even your mystic blade is no match for the masters of death!“ Dann ist ‚Shogun Assassin‘ die richtige Wahl! Und Auswahl ist immer gut. ‚Shogun Assassin‘ war zu kritisieren, als er die einzig erhältliche Version der Filme hier im Westen war, doch jetzt kann er als das betrachtet werden was er ist: ein äußerst unterhaltsames Kuriosum, das in dieser Form heute nicht mehr gemacht werden könnte.

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Ein Gedanke zu “So was gibt es heute gar nicht mehr: Shogun Assassin (1980)

  1. wollte ich doch glatt „gefällt mir“ klicken, finde den Button hier aber nicht!? Bin ich blind? Als treuer Blogleser habe ich nun den entsprechenden „gefällt mir“ Text in der Abomail genutzt. So, jetzt verschwinde ich wieder im Schatten des weltweiten Netzes…

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