Gestern Gesehen: Grandma (2015)

Hollywood scheint die merkwürdige Idee zu lieben, dass es quasi unerträglich lustig sei, wenn alte Leute mal richtig dreckig fluchen. Das ist so wahnwitzig komisch, dass man daraus ganze Filme konstruieren kann. So hatte in ‚Dirty Grandpa‘ zuletzt Robert De Niro die Gelegenheit einen prostataschmerzenden Uringuss auf die traurigen Reste seiner irgendwann mal brillanten Karriere zu miktieren. Meine internen Alarmglocken tönten folglich ähnlich irritierend, wie diese Bewegungsmelder, wenn ein Xenomorph im Lüftungsschacht kriecht, als ich las, dass Lily Tomlin 27 Jahre nach ihrer letzten Hauptrolle für einen Film namens ‚Grandma‘, gedreht von einem der Co-Regisseure von ‚American Pie‘, zurück auf die Leinwand kehrt. Eine weitere Schlammpfütze vulgärer, geriatrischer Unflätigkeiten?

Die alternde Dichterin (oder arbeitslose Akademikerin, wie sie sich selbst beschreibt) Elle (Lily Tomlin) hat gerade ihre viermonatige Beziehung mit der deutlich jüngeren Olivia (Judy Greer) beendet, als ihre 18jährige Enkelin Sage (Julia Garner) vor der Tür steht und um $630 für eine Abtreibung bittet. Aber Elle hat soeben alle ihre Schulden beglichen und danach aus den Schnipseln ihrer Kreditkarten ein Windspiel gebastelt und deswegen nur 47 Dollar zur Verfügung. Da die Abtreibung aber noch am selben Tag stattfinden muss und das Einzige, das Elle und Sage verbindet die Angst vor ihrer Tochter/Mutter Judy (Marcia Gay Harden) ist klappern sie, nachdem sich der „involvierte Penis“ Cam (Nat Wolff) als nicht zahlungsfähig erweist, alte Bekannt- und Liebschaften auf der Suche nach Geld ab. Darunter auch Elles bitteren Exmann Karl gespielt von Sam Elliott.

Zwei Generationen treffen hier aufeinander. Die ehemals tief in die Frauenrechtsbewegung involvierte Elle, die häufig entsetzt ist, ob der naiven Unwissenheit von „Millenial“ Sage. Getrennt sind beide Generationen durch die businessorientierte Judy, die eigentlich nicht möchte, dass Sage Kontakt zu ihrer Großmutter hat. Und dieses Treffen findet auch noch an einem sehr hektischen Tag statt, an dem aber dennoch Zeit für die wichtigen Dinge ist: guten (?) Kaffee, ein (kleines) Tattoo und vor allem gründliche Zahnpflege. Zusammen mit Sage lernen wir ihre Großmutter zu verstehen und erkennen das gigantische Loch, dass der Tod deren langjähriger Lebensgefährtin Violet gerissen hat.

Falls die Inhaltsangabe es nicht klargemacht haben sollte: nein der Film fällt nicht in das oben beschriebene Schema des lustigen, fluchenden Rentners. Sicher Lily Tomlins Figur findet auch durchaus derbe Worte und beginnt den einen oder anderen Zwist, der nicht unbedingt nötig wäre. Doch dabei gleitet sie erstaunlich selten ins Zotige ab. Denn sie hat etwas, das vermutlich nur Leute haben, deren Karriere in der Stand-up Comedy begonnen hat. Jenes millisekundengenaue Timing, dass man, während schmerzhafter Open-Mic Nächte, unter „Du bist scheiße!“ und „Verpiss Dich von der Bühne!“ Rufen lernt. Der Grund, warum ich oben einen Clip anstelle des Trailers eingefügt habe ist das die Macher des Trailers, durch „geschicktes“ Schneiden eben jenes Timing zur Hölle geschickt haben aber natürlich die eine Szene des Films, die ein stumpfes testikuläres Trauma enthält einfügen mussten. Da Tomlin aber neben komischem Timing auch die Schauspielerei beherrscht und der Film klug genug ist auch Julia Garner und den anderen Charakteren mehr zu tun zu geben als „Oh Gott, Oma, du bist sooo peinlich!“ zu sagen, gelingt Regisseur Paul Weitz hier in gut 70 Minuten ein ebenso einfühlsamer, wie lustiger Film. Die Szenen zwischen Elle und Sam Elliotts Karl sind insbesondere erinnerungswürdig. Eine absolute Überraschung, die ich falscher nicht hätte einschätzen können. Oh und Hollywood: ich würde bitte gerne wieder mehr von Lily Tomlin sehen, wäre das möglich? Danke im Voraus! Dein Filmlichter.

FAZIT: Ach, ich schreib doch jetzt nicht noch mehr Lobhudelei. Der Film ist gut und Du, ja Du solltest ihn schauen. So. fertig.

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Ein Gedanke zu “Gestern Gesehen: Grandma (2015)

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