Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Super Mario Bros‘ (1993)

Es ist 1993 und Videospielklempner Super Mario liegt in weltweiter Bekannt- und Beliebtheit irgendwo zwischen Superman, Micky Maus und Michael Jordan. Roland Joffé, Regisseur mehrerer respektabler Filme (u.a. ‚The Mission‘) und Chef der kleinen, britischen Produktionsfirma Lightmotive hat ein ‚Super Mario Bros‘ Skript auf der Hand. Da ist er sicherlich nicht der einzige, doch hat er das Glück, dass der Schwiegersohn von Hiroshi Yamauchi, dem Präsidenten von Nintendo, ihm ein Treffen mit diesem reichsten Mann Japans vermittelt. Joffé fliegt also nach Kyoto und Yamauchi lässt in warten. 10 Tage lässt er ihn warten, bis er ihn vorlädt. Joffé zeigt ihm die erste Fassung seines Skripts, dem Vernehmen nach eine lustige Geschichte, in der Mario und Luigi eine Prinzessin namens Hildy aus den Fängen des fiesen Koopa befreien, rückblickend häufig verglichen, mit dem Stil des späteren ‚Shrek‘. Dann geschieht das fast Unglaubliche: Yamauchi ist nicht nur überzeugt, er  überträgt temporär die Nutzungsechte für Mario an Joffés vergleichbar kleine Firma. Ein für Kontrollfreak Yamauchi außergewöhnlicher Schritt, den er und seine Nachfolger, aus offensichtlichen Gründen, bislang nicht wiederholt haben.

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Nutzen wir die Screenshots für die Suche nach meiner Lieblingsszene. Kandidat 1: Die Szene in der Marios Genitalien entlaust werden

Joffé versucht ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ Regisseur Harold Ramis für das Projekt zu gewinnen – ohne Erfolg. Danny DeVito soll sowohl Regie führen, als auch die Hauptrolle spielen. Er sagt nein. Tom Hanks würde gern Mario spielen, will aber zu viel Geld. Arnold Schwarzenegger sagt nein zur Rolle des King Koopa, ebenso wie Michael Keaton. Schließlich wird Bob Hoskins für Mario engagiert, John Leguizamo für Luigi und Dennis Hopper als King Koopa. Als Regisseure werden Rocky Morton und Annabel Jankel angeheuert. Die beiden waren vorher für *schauder* ‚Max Headroom‚ verantwortlich. Das Skript wird mit jeder Fassung (und davon gibt mindestens vier) mehr Science Fiction und vor allem düsterer (nicht überraschend, siehe MMmmmmMax fucking HeadHeadHeadHeadroom). Einige Wochen vor Filmbeginn bricht im Produktionsstudio Panik aus: Wer mag Mario? Kinder! Wer mag düstere SciFi? Nicht Kinder!  Also werden schnell „komische“ Elemente in das Skript eingefügt. Die vertragen sich aber nicht mit den bereits fertigen Kulissen und Kostümen und nicht mit dem, was die Regisseure wollen. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf.

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Kandidat 2: Die Szene in der ein Wachmann in einer Pfütze flüssiger Fäkalien ausrutscht

Der Meteorit vor 65 Millionen Jahren hat die Dinosaurier nicht etwa ausgelöscht, sondern in eine Parallelwelt transportiert, wo sie eine eigene Evolution durchmachten, die bei menschenähnlichen Wesen endete. Vor 20 Jahren hat Koopa die Herrschaft über die einzig bewohnbare Region dieser Parallelwelt, Dinohattan, von der Königsfamilie übernommen. Diese hat  die kleine Prinzessin Daisy in unserer Welt, in Manhattan, in Sicherheit gebracht. Dort leitet sie jetzt als Studentin eine Ausgrabung unter der Brooklyn Bridge. Durch diese Ausgrabung wird aber das Tor zwischen den Welten wieder geöffnet und Koopa schickt zwei idiotische Gefolgsleute, um Daisy zu entführen, bei der er das Geheimnis vermutet beide Welten wieder zu vereinen (unter Koopas Herrschaft natürlich). Seine Gefolgsleute sind aber zu doof, um Menschen zu unterscheiden und entführen daher eine ganze Reihe Frauen aus Brooklyn (unter anderem Marios Freundin), bevor sie die richtige Daisy erwischen, die inzwischen eine Beziehung mit Luigi hat. Mario und Luigi durchqueren das Weltenportal und werden verhaftet. Koopa will sie mittels einer Maschine „deevolutionieren“, doch die Brüder (die übrigens Mario mit Nachnamen heißen) können entkommen. Gemeinsam mit Helfern aus der Dinosaurierwelt (unter anderem dem Gitarristen Toad, der zu einem Goomba deevolutioniert wird) gelingt es den Klempnern Koopa im Moment seines Triumphes zu stoppen und ihn seinerseits zu einem primordialen Schleim zu deevolutionieren, bevor sie mit den befreiten Frauen aber ohne Daisy in unsere Welt zurückkehren.

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Kandidat 3: Die Szene mit Mario und dem Dekollete einer stämmigen Dame in SM-Montur

Kenner der Spiele werden sicher verwundert sein über Begriffe, wie Deevolution oder überhaupt eine sterbende, dystopische Parallelwelt. Hier gibt es Flammenwerfer, statt Feuerblumen, Mad Max Autos statt Karts und Yoshi ist ein realistisch aussehender Raptor, deprimiert und an die Wand gekettet (und am Ende in den Hals gedolcht, yay?). Die farbenfrohe Welt Marios wird eingetauscht gegen eine dreckige, finstere Zukunftsvision, mit King Koopa als gewähltem Präsidenten (was?).  Die, im Spiel als Extras sammelbaren, Pilze sind hier ersetzt durch schleimige Schimmelhyphen, die die gesamte Parallelwelt durchziehen und sich am Ende als der, von Koopa deevolutionierte, rechtmäßige König herausstellen. Wer die begleitenden Screenshots studiert hat wird merken: die Filmemacher interessieren sich keinen Deut für die Mario Atmosphäre.

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Kandidat 4: Die Szene, die in der letzten Minute des Films ein Sequel vorbereiten möchte: „Ihr werdet nicht glauben, was passiert ist!“ sagt Daisy, als sie bei den Brüdern auf der Matte steht. Wir werden es zum Glück nie erfahren

Von der berühmten Videospielmusik sind ganz am Anfang ein paar Takte zu hören, ansonsten gibt es Möchtegern-Danny-Elfman- Gedudel und Roxette. Wenn ihr zu jung seid, um euch an Roxette zu erinnern, schaut es nicht nach. Lohnt nicht. Nur so viel: die Anwesenheit Roxettes ist besser geeignet als jede C14 Probe, um den Film auf die frühen 90er zu datieren. Yeah, wer möchte schon einige der eingängigsten Melodien der Spielgeschichte hören, wenn man statt dessen eine  langweilige Schwedenpopband (also nicht ABBA) hören kann.

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„Hey Lady, ich hätte in ‚Jurrasic Park‘ sein können *seufz*“

Okay, Sets, Kostüme, Geschichte und Musik sind also unpassend zur Vorlage, zutiefst unsympathisch oder einfach schlecht. Aber Hoskins und Hopper und Co. sind immerhin talentiert, die können noch was retten, oder? Haha, nein Hoskins, normalerweise eine gute Laune ausstrahlende Charmekugel, spielt Mario Mario (ugh!) stets genervt, ungeduldig oder besserwisserisch. Wenn „Captain“ Lou Albano, Bob Hoskins bei der Darstellung eines Charakters überflügelt läuft irgendetwas ganz gehörig falsch. Hopper wirkt schlicht verwirrt. Und ich kann es ihm nicht übelnehmen. Sein Koopa hat eine Ansteckungsphobie/Sauberkeitsfimmel, was wohl im Kontrast zu den, den Umgang mit Exkrementen gewohnten Klempnern stehen soll und den tollen Satz motiviert, den er während eines Schlammbades äußert: „Weißt Du warum ich Schlamm liebe? Weil er sowohl dreckig als auch sauber ist.“ Profund, Herr Koopa, fast so sehr, wie die Ausführungen eines gewissen Anakin zum Thema Sand. Im späteren Film entwickelt sich ein Running Gag, dass Koopa auf die Lieferung einer Pizza wartet. Mir wurde erst beim dritten Mal, dass er fragte klar, dass das als Gag gedacht war, so unlustig ist es. John Leguizamo ist hier als sexy Leading Man Luigi fehlbesetzt und es soll noch bis (Ist der wirklich sooo schlecht-Kandidat) ‚Spawn‘ dauern, bis man seine eigentlichen Qualitäten entdeckt und ihn als widerlichen Clown besetzt. Samantha Mathis als Daisy ist anwesend.

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Bob Hoskins, wenn man ihn auf SMB ansprach

Aber hey, sollen sich ein paar Beteiligte selbst äußern. Bob Hoskins 2007 zu ‚The Guardian‘: „Die gesamte Erfahrung war ein Alptraum“ und „Das Schlimmste woran ich je mitgearbeitet habe“ Okay, das war deutlich.  Hatte Hopper Spaß? Er sagte 2008 zu AVClub: „Es war ein Alptraum, ganz ehrlich, das Regisseurteam war ein Ehepaar, beides Kontrollfreaks, die aber nicht miteinander redeten bevor sie Entscheidungen trafen. Wie auch immer, ich war für 5 Wochen gebucht, verbrachte da aber 17“ Hm, ich erkenne die Wiederholung eines bestimmten Wortes. Leguizamo seinerseits erzählt in seiner Biographie, wie er und Hoskins sich besoffen hätten, wissend, wie furchtbar der Film würde. Die Regisseure ihrerseits beschweren sich über das Studio und Dennis Hopper. Spaß hatte folglich niemand und man merkt es.

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Dennis Hopper hat seine Hände in Wachs getaucht. Warum weiss er selber nicht. Man beachte die Lisa Simpson Gedächtnis Frisur.

Um also die anfängliche Frage zu beantworten: ja, ‚Super Mario Bros‘ ist sooo schlecht, wenn nicht gar noch schlechter. Solltet ihr ihn euch ansehen? Wenn ihr irgendeine Affinität zu Mario habt und sei es nur Nostalgie würde ich sagen: ja, auf jeden Fall. Es ist faszinierend zu sehen, wie der Film alles missversteht oder verdreht, was den Charme der Hüpfspiele ausmacht und auf eine erstaunlich unkreative Dystopie aufpfropft. Und die mangelnde Kreativität ist hier eines der Hauptprobleme. Hätten die Macher die Spielhinterfründe ignoriert und etwas cleveres Neues geschaffen hätte ich kein Problem damit. Aber so. . . Wenn ihr keinerlei Affinität habt, dann sicherlich nicht. 100 Minuten weitgehend freudlose frühe 90er Jahre Lärmerei. Da kann man stattdessen auch zwei Roxette Alben hören während man den Kopf in einen Eimer „Slime“ steckt (nur echt von Mattel!).

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13 Gedanken zu “Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Super Mario Bros‘ (1993)

  1. Ich fand schon die Mario und Luigi Serie im Fernsehen schräg, aber das hier scheint echt der Knaller zu sein. Sicher ein Film, den man gerne mit Alkoholgenuss verbindet oder sogar mehr 😉
    Ist komplett an mir vorbeigegangen, was für eine glückliche Jugend ich doch hatte.
    Was würde ich jetzt für diesen Slime geben…
    einmal ist mir solch ein Schleim an die Decke geflogen (uuups) – den Fettfleck kann man noch heute sehen. Ich sollte Eintritt verlangen.

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  4. Wie der Zufall es will, habe ich den Film auch erst vor ein paar Wochen das erste Mal komplett gesehen und ich kann dir in allen Punkten nur zustimmen. Obwohl ich ihm einen gewissen Trash-Charme nicht verwehren kann…
    Meine Lieblingsszene übrigens: Mario und Luigi in der Kanalisation, hören die Schreie des entführten Mädchens. Luigi will loslaufen, doch Mario hält ihn auf mit den Worten: „Nein, das ist nur das Echo. Wir müssen da lang – ich kenne mich aus. Ich bin mein Leben lang in Rohren rumgekrochen.“ Beide laufen los. Harter Schnitt. Mario: „Wir haben uns geirrt, das ist eine Sackgasse.“
    Ich musste laut lachen.

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    • „Trash-Charme“ beschreibt es perfekt, ja. Der zusammen mit der Verwunderung darüber, anstatt einen bunten, familienfreundlichen Film zu drehen, etwas abzuliefern, das aussieht, wie das was „vorne rauskommt“, wenn Mad Max und der Bladerunner die Nacht durchzechen, macht definitiv die Faszination dieses Films aus.

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      • Das Setting verstehe ich als Produkt seiner Zeit. Diese ganzen Sci-Fi-Dystopien lagen um die Zeit ja voll im Trend: Total Recall, Brazil, Terminator, Robocop oder eben Mad Max.
        Insofern sind deine Einsichten in den Produktionsprozess ganz interessant. Dachte bisher, dass das Skript stand und die Figuren und Namen nur im Nachhinein draufgepackt wurden.

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        • Der größte Fehler war wohl kurz vor Drehbeginn nochmal am Buch zu werkeln.
          Da kam dann eine Geschichte raus, die eigentlich niemand machen wollte.

          Mir ist klar geworden (vor allem daher, dass ich Max Headroom immer noch so unangenehm finde), dass ich gerne einen echten Horrorfilm von Morton und Jankel sehen würde. Vermutlich würde ich eine Woche unter dem Sofa verbringen.

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