Der Tod kennt keine Wiederkehr (1973)

Philip Marlowe ist cool. Das ist eine ziemlich unstrittige Aussage. Er ist das Urbild des Klischees des „hardboiled detective“ aus dem „film noir“. Immer einen Spruch auf den Lippen, der Gangster und Polizisten gleichermaßen aus der Fassung bringt (so es in der Welt Marlowes zwischen den beiden überhaupt einen Unterschied gibt), immer eine Whisky-Flasche in der Schreibtischschublade und das Gesicht im eleganten schwarz-weiß beleuchtet vom Streichholz für die nächste Zigarette. Seine einzige Schwäche, die „femme fatale“, die ihn – ohne Ariadnefaden -in ein kretisches Labyrinth aus Motivationen und Beziehungen schickt, aus dem er nur entkommen kann, weil er die Fähigkeit hat,  Menschen perfekt einzuschätzen und richtig und falsch im entscheidenden Moment mit einem funktionierenden, moralischen Kompass auseinanderzuhalten. Doch was passiert, wenn wir dieses Klischee aus seiner natürlichen Umgebung, den späten 40er, frühen 50er Jahren, reißen und es in die (damals kontemporäre Zeit) der 70er versetzen? Diese Frage stellt uns Regisseur Robert Altman und die Antwort ist ebenso interessant wie unterhaltsam.

Marlowe (Elliott Gould) erhält eines Nachts in Los Angeles Besuch von seinem Freund Terry Lennox (Jim Bouton), der ihn bittet ihn schnell über die Grenze nach Mexiko zu fahren. Marlowe erklärt sich bereit, wird jedoch, kaum zurückgekehrt, von der Polizei festgenommen, da Lennox‘ Frau ermordet wurde, Terry der Hauptverdächtige ist und Marlowe unter Verdacht steht Komplize zu sein. Nach langen Verhören und einigen Tagen in der Zelle wird Marlowe entlassen, da Lennox in Mexiko Selbstmord begangen hat und ein umfängliches Geständnis niedergeschrieben hat. Wieder frei nimmt Marlowe von der jungen Eileen Wade (Nina van Pallandt) den Auftrag an ihren deutlich älteren Mann, einen hemmingwayesken Schriftsteller zu finden. Kurz darauf erhält Marlowe Besuch von der Unterweltgröße Marty Augustine (Mark Rydell) und dessen Schlägern, dem Lennox Geld schuldete, dass dieser jetzt bei Marlowe vermutet. Natürlich bestehen zwischen all diesen Gruppen byzantinische Verbindungen, die hier jeglichen Rahmen sprengen würden.

Dieser Philip Marlowe ist nicht cool. Er wirkt wie aus der Zeit gefallen, läuft im heißen L.A. der Flower Power Zeit stets im zerknitterten Anzug herum, ist der einzige in der Nachbarschaft der raucht und bringt kaum ein Wort heraus, wenn er auf seine Nacktyoga betreibenden Nachbarinnen trifft. Die ersten 10 Minuten des Films bestehen daraus, dass er mitten in der Nacht versucht das richtige Futter für seine Katze aufzutreiben. Das ist einerseits albern und lässt ihn ein wenig wie einen Verlierer wirken, doch dient es auch dazu die wichtigste Qualität dieses Marlowe zu definieren: Loyalität. Seine größte Stärke und seine größte Schwäche. Für jeden Unbeteiligten ist eindeutig, dass mit Lennox etwas nicht stimmt, doch Marlowes Loyalität zwingt ihn ihm zu helfen.

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Gelegentlich meint man Marlowe von der Leinwand zu riechen

Er ist so etwas, wie ein Ritter von trauriger Gestalt, in einer Welt die ihn nur zu verwirren scheint, Narzissmus, sinnlose Gewalt und esoterisches Gesundheitsbewusstsein, all diese Dinge entlocken ihm immer wieder sein Mantra, wenn er etwas nicht versteht: ein schulterzuckendes „that’s alright with me“. Wir ahnen, dass das nicht stimmt. Er scheitert an seiner Katze, an einem Hund, der nicht auf sein Hupen reagiert, niemand nimmt ihn ernst oder respektiert ihn. Er versteckt sich in Büschen, drückt die Nase an Fenstern platt und droht betrunken Polizisten den Präsidenten auf den Hals zu hetzen. Elliott Gould bringt die Verwirrung, das Verlorensein seiner Figur perfekt rüber bleibt dabei aber stets so charismatisch, dass ihm die Sympathie des Zuschauers sicher ist. Und ganz am Ende gibt er uns einen kurzen Blick auf den Marlowe, den wir kennen. Den knallharten „hardboiled detective“.

Die Geschichte ist gewollt unklar (auch wenn am Ende alles Sinn ergibt) und entspricht weitgehend der Buchvorlage ‚Der lange Abschied‘ von Raymond Chandler, auch wenn die Verantwortung für einige Tode verschoben wurde und ein wesentlicher Charakter für den Film hinzugefügt wurde. Dabei ergeben sich einige bizarre und zum Teil wahnsinnig komische Szenen. Die Momente zwischen Marlowe und einem Gangster, der ihn verfolgen soll sind schlicht perfekt.  Die Unklarheit wird gesteigert durch die typischen Altmanschen Dialoge, bei denen sich die Darsteller selten ausreden lassen, sondern ins Wort fallen und die Kameraarbeit, die selten direkt auf das Geschehen schaut sondern durch ein Fenster oder an einem Objekt vorbei. Ein weiteres interessantes Element ist die Musik. Es gibt nur ein einziges Stück, die Titelmelodie, die im Film in allen möglichen Versionen gespielt wird, sowohl als Hintergrundmusik, als auch im Film. Egal, ob Supermarktbeschallung, mexikanische Blaskapelle oder sogar Türklingeln alles hat dieselbe Melodie, ein unwirklicher, fast märchenhafter Effekt.

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Nein, ich verrate nicht was hier los ist. Aber ja, das ist Arnold Schwarzenegger in seinem zweiten Spielfilm mit OLiBa

Falls es nicht klar sein sollte: ich liebe diesen Film. Er war zu seiner Zeit kein Erfolg (vor allem, weil er als Actionkracher beworben wurde), sein vielleicht wichtigstes Erbe aber ist, dass er die Coen Brothers zu ihrem eigen Riff auf chandlereske Detektivgeschichten inspiriert hat: „The Big Lebowski“ enthält jede Menge DNA aus ‚Der Tod kennt keine Wiederkehr‘. Roger Ebert war der Meinung, man sollte ‚Der Tod kennt keine Wiederkehr‘ am besten schauen, wenn man schon ein paar „film noirs“ kennt. Ich würde sagen, dass ist nicht nötig, allein durch kulturelle Osmose hat wahrscheinlich jeder genug noir aufgenommen, um zu erkennen welche Ideen hier satirisch überhöht oder verdreht werden. Ansehen! Am besten im Doppelpack mit dem Dude.

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