Eigentlich ist alles gesagt: ‚Hail,Caesar!‘ (2016)

„Eine Wahrheit nicht aus Worten, sondern aus Licht!“

– George Clooney als Baird Whitlock als römischer Zenturio

In den 1950ern endete in Hollywood eine Ära. Das Studiosystem, jenes Oligopol, das die amerikanische Filmlandschaft seit dem Beginn des „Golden Age“ in den späten 20ern beherrscht hatte, befand sich in der Auflösung. Neue Freizeitangebote (vor allem das Fernsehen) und einige Schmerzhafte Gerichtsurteile machten ein Umdenken nötig. Etwas, das den machtgewohnten Studiobossen alles andere als leicht fiel. Statt dessen produzierten sie weiter ihre teuren Bibel-Epen, Filme aus dem merkwürdigen, heute vergessenen Genre des Wasserballets, billige Western und gelegentlich einen Film eines europäischen Exilanten mit großem Namen. In dieser Umgebung ist der neueste Film der Coen-Brüder angesiedelt. Einer Zeit, die neben einigen großen Filme jede Menge vergessenen Unsinn hervorbrachte, die aber dennoch mit großer Liebe von den Coens beleuchtet wird.

Eddie Mannix (Josh Brolin) ist der „Fixer“ des fiktiven Studios „Capitol Pictures“ (eben jenem Studio für das auch ein gewisser ‚Barton Fink‘ in den 40ern Wrestling-Drehbücher geschrieben hat). Seine Aufgabe ist es aufkommende Probleme bei Filmproduktionen schnell und unauffällig zu lösen. Und er hat alle Hände voll zu tun. Vom Set des Sandalen-Epos ‚Hail, Caesar!‘ wurde Star Baird Whitlock (George Clooney) von einer Gruppe kommunistischer Drehbuchautoren um Herbert Marcuse entführt, Synchronschwimmstar DeeAnna Moran (Scarlett Johansson) ist unverheiratet schwanger geworden und Exileuropäer Laurence Laurentz (Ralph Fiennes) wird vom Studio, sehr zu seinem Unmut, gezwungen den schauspielerisch wenig talentierten Westerndarsteller Hobie Doyle (Alden Ehrenreich) als Hauptrolle in seinem neuen Epochendrama zu besetzen. Einzig das Matrosenmusical von Burt Gurney (Channing Tatum) scheint gut zu laufen. Da kommt ein Jobangebot von Lockheed für Mannix doch genau zum richtigen Zeitpunkt, sollte man meinen. Doch Eddie ist hin und hergerissen zwischen seiner Treue zu den (niemals sichtbaren) Studiobossen und der Chance auf einen seriösen Job und nicht zuletzt zwischen seiner Liebe zum Film und der Möglichkeit mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

Was für ein durch und durch spaßiger Film. Wenn ich nicht gelacht habe, hatte ich doch stets ein breites Grinsen im Gesicht. Die Coens haben ein wunderbar liebevoll-satirisches Drehbuch geschrieben und elegant (und perfekt ausgestattet) in Film umgesetzt. Roger Deakins liefert ausgefeilte Bildkompostionen dazu und die Schauspieler, allen voran Alden Ehrenreich als dämlicher aber liebenswerter Cowboy und Ralph Fiennes als genervter europäischer Künstler laufen zu Hochform auf. Aber das emotionale Zentrum bildet Josh Brolin als Eddie Mannix. Er ist der typische Coen-Protagonist, der zu keinem Moment wirklich die Kontrolle über sein Leben hat und von den Umständen hin und her getrieben wird. Er reagiert noch mit Stress auf diese Tatsache, hat nicht die stoische Haltung entwickelt, die Marge Gunderson oder den Dude befähigt mit dieser Tatsache umzugehen. Aber an seinem Charakter wird auch deutlich, wie liebevoll die augenzwinkernde Satire mit ihren Charakteren umgeht. Denn wenn man diesen Eddie Mannix mit seinem realen Vorbild vergleicht, wirkt letzterer wie ein Monster. Der historische Mannix war „Fixer“ für MGM, wurde mit mehreren Morden in Verbindung gebracht, hatte kein Problem damit Vergewaltigungsvorwürfe gegen seine Stars mit Drohungen und Rufmord verschwinden zu lassen und betrog seine Frau, bei jeder sich bietenden Gelegenheit (wer mehr darüber wissen möchte, dem sei diese Folge des englischen Podcasts „You must remember this“ empfohlen). Alles Dinge die Brolins Charakter, der sich zutiefst schuldig fühlt, wenn er – hinter dem Rücken seiner Frau – raucht und beinahe täglich beichten geht vermutlich niemals einfallen würden.

Und genau hier liegt vermutlich ein Problem, das viele Kritiker mit dem Film haben: der Zorn auf Hollywood, auf seine schalen, nichtssagenden Produktionen, der aus jedem Einzelbild von ‚Barton Fink‘ troff, ist hier gänzlich der liebenswerten Verschrobenheit gewichen. Das ist nicht zu bestreiten und mag sicher mit der Tatsache zusammenhängen, dass die Coens die letzten 30 Jahre in Hollywood verbracht haben und vermutlich jeder Zorn irgendwann verflogen ist. Immerhin haben sie sich die Fähigkeit des Augenzwinkerns bewahrt.

Im Coenschen Kanon würde ich den Film im guten Mittelfeld einordnen, etwa auf dem Niveau von ‚Burn after Reading‘ durchgehend lustig aber kein Film der zu einem Klassiker werden dürfte. Eines ist sicher: die zwei Brüder deren kreativen „Tiefpunkt“ ‚Ein (un)möglicher Härtefall‘ und das ‚Ladykillers‘ Remake darstellen und die eine Liste von brillanten Filmen länger als mein Arm gemacht haben müssen Niemandem mehr etwas beweisen und das wissen sie auch.

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4 Gedanken zu “Eigentlich ist alles gesagt: ‚Hail,Caesar!‘ (2016)

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