Das ist auf Youtube: Viy/Wij (1967)

‚Der Wij‘ bei Mosfilm (Einbettung ist vom Anbieter deaktiviert)

Mosfilm bieten auf ihrer Youtubeseite diesen sowjetischen Ausnahmefilm leider nur in sehr geringer Auflösung und mit englischen Untertiteln an. Was macht diese Verfilmung einer Novelle von Nikolai Gogol zu einer Ausnahme? Es ist der erste und weitgehend einzige sowjetische Horrorfilm. Film in der Sowjetunion stand unter dem Einfluss strenger Zensur. Filme hatten entweder lehrreich oder erbauend zu sein. Beides Adjektive, die man eher nicht mit dem üblichen Horrorfilm in Verbindung bringt. Worum geht es?

Die Ukraine vor langer, langer Zeit. Vom Kloster-Seminar Kiew in die Ferien entlassen verläuft sich Philosoph Choma Brut zusammen mit zwei Kommilitonen. Sie suchen Unterschlupf im Haus einer alten Bäuerin. Des nachts bedrängt diese Choma Brut, der ihre Avancen zurückweist. Daraufhin springt sie auf seine Schultern und zwingt ihn durch Feld und Wiesen zu laufen, später fliegen sie gar durch die Luft. Als sie landen bricht der Bann und Brut attackiert die Hexe mit einem Knüppel. Dem Tode nahe verwandelt die sich in ein junges Mädchen und der panische Brut flieht zurück in sein Seminar nach Kiew. Dort informiert ihn der Patriarch, dass die Tochter eines Kosakenhauptmannes angegriffen und fast totgeschlagen wurde, sie verlangt nach geistlichem Beistand, speziell von Choma Brut. Der will da auf gar keinen Fall hin, doch der Hauptmann hat bereits eine Gruppe Kosaken geschickt, die ein nein nicht akzeptieren. Unter ausgiebigem Schnapsgenuß begibt man sich auf die Fahrt zum Anwesen des Hauptmannes. Dort angekommen ist die Tochter gerade verstorben. Sie hat ihrem Vater aber noch gesagt, Brut solle die Totenmesse für sie lesen, „er weiß warum“. So zwingt der Hauptmann den verängstigten Brut für die nächsten drei Nächte in der dunklen Kirche beim Sarg auszuharren und die Messe zu lesen. Hier sieht er sich den Angriffen der (un)toten Tochter ausgesetzt, die sogar so weit, den König der Erdgeister, den Wij, anzurufen. Bruts (mangelhafter) Glaube wird auf eine harte Probe gestellt.

Definitiv ein interessanter Film , nicht nur aus einer anderen Zeit, sondern aus einer anderen kulturellen Welt. Natürlich ist man verführt Zusammenhänge herzustellen: ein dämonisches Mädchen, das nimmt die Idee von ‚Der Exorzist‘ vorweg, die Farbgebung und Ausstattung des Film erinnert an die Werke der britischen ‚Hammer‘ Studios. Und das Pandämonium der letzten Nacht, mit schnellen Schnitten von den Monstern zu dem lachenden Gesicht des Mädchens, zu Bruts verängstigter Gestalt erinnert etwas zu sehr an das Werk Sam Raimis, um zu glauben er hätte diesen Film nie gesehen. In eben dieser letzten großen Szene wird dem Film aber auch zum ersten Mal sein Budget zum Verhängnis: die Effekte reichen von erstaunlich effektiv bis zutiefst albern. Leider landet die titelgebende Schreckgestalt eindeutig in der zweiten Kategorie.

Doch der Film verbreitet über seine ganze Laufzeit überzeugend den Charakter einer Volkssage. Diese Volkssage gibt es zwar nicht und war reine Erfindung Gogols aber immerhin eine überzeugende Erfindung. Und Gogols ironischer Humor ist in manchen Dialogen ebenfalls noch gut zu erkennen. Ehrlich gesagt fand ich es spannend genug einfach nur die Charaktere zu beobachten. Vor allem die Kosaken geben derart interessante Figuren ab, dass ich mir fast mehr Interaktion mit ihnen gewünscht hätte.

Aber das eigentliche Wunder des Films ist, dass er überhaupt existiert. Horrorfilme gab es in der Sowjetunion nicht und (soweit ich weiß) galten sowohl die orthodoxe Kirche, als auch volkstümlicher Aberglaube als konterrevolutionär. Und dieser Film betrachtet immerhin einen Konflikt zwischen beiden. Auch wenn die Kirche zugegeben nicht gut wegkommt und vor allem daran interessiert scheint die Bauernschaft auszubeuten. Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass die Rezeption Gogols selbst in der UdSSR die Beste war. Bei aller Ironie war er doch stets vom göttlichen Auftrag der Zarenfamilie überzeugt.

Was wohl deutlich wird ist, das ich auf diesem Gebiet wenig Ahnung habe. Wenn jemand eine gute Online-Quelle oder ein Buch zum Thema „Filmemachen unter der Zensur der UdSSR“ kennt wäre ich durchaus interessiert.

PS: Das der Film in irgendeinem Zusammenhang mit der Nomenklatur einer beliebten Spielkonsole eines japanischen Herstellers steht darf heftig angezweifelt werden.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Das ist auf Youtube: Viy/Wij (1967)

  1. Pingback: Lasst uns über Filme klönen: Warum Horror? | filmlichtung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s