Eigentlich ist alles gesagt: ‚Spotlight‘ (2015)

Das Ergebnis journalistischer Arbeit ist oft spannender als jede Fiktion. Aber der Weg hin zum Ergebnis scheint im ersten Moment nicht sehr spannend und schon gar nicht „cineastisch“. Es ist ein bisschen, wie mit Wissenschaft: der Journalist findet Dinge heraus und testet diese wieder und wieder auf Echtheit. Für cineastische Wissenschaft kann man sich mit blubbernden Erlenmeyerkolben mit bunten Flüssigkeiten darin behelfen aber wie macht man journalistische Arbeit spannend und cineastisch, vor allem wenn zu keinem Zeitpunkt ein Reporter in eine Telefonzelle läuft und unter seinem Hemd blaues Spandex mit rot-gelbem Emblem darauf offenbart? Die Antwort auf diese Frage scheint nicht ganz einfach, denn der einzige Vergleichsfilm zu ‚Spotlight‘, den beinahe jede Rezension heranzieht und der auch der einzige ist der mir einfällt ist ‚Die Unbestechlichen‘ von 1976, der die investigative Arbeit der jungen Journalisten Woodward und Bernstein rund um die Watergate Affäre begleitet. Wie hat der Film Spannung erzeugt? Das lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Paranoia. Und was für ein passendes Motto das war, denn es war Nixons Paranoia, die die ganze Affäre auslöste. Robert Redfords und Dustin Hoffmans Charaktere begegnen zunächst der Paranoia all derjenigen, die sie zu Watergate Einbruch befragen, bemerken, dass sie an einer großen Sache dran sind, werden zunächst paranoid, dass ihnen jemand die Geschichte wegschnappt und fürchten später gar um ihr Leben. Die Paranoia erreicht ihren Höhepunkt, wenn Redford in einer Tiefgarage panisch vor nichts davonläuft. Am Ende dreht der Film die Paranoia wieder auf Nixon, der im Bildvordergrund auf einem kleinen Fernseher seine zweite Amtszeit antritt, während hinter dem Fernseher Woodward und Bernstein an dem Artikel feilen, der ihn zu Fall bringen wird. Lässt sich ‚Spotlight‘ ebenso auf ein Thema herunterbrechen?

2001 bekommt der ‚Boston Globe‘ mit Marty Baron (Liev Schreiber) aus Miami einen neuen Chefredakteur. Der hat im Globe einen Artikel über sexuellen Missbrauch von Kindern durch den Priester John Geoghan gelesen, in dem Opfer-Anwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci) behauptet Kardinal Bernard Law hätte davon gewusst und nichts unternommen. Baron verlangt, gegen Widerstände in der Zeitung, das hauseigene Investigativteam ‚Spotlight‘ auf die Sache anzusetzen. Das Team aus Michael Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams)  und Matt Carroll (Brian d’Arcy James) unter Leitung von Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) trifft sich mit Garabedian, Opfervertretern und den Opfern selbst und entdeckt schnell, dass die ganze Affäre mehr als nur eine Handvoll Priester betrifft und die Eingriffe der Kirche in die Justiz ebenso weitreichend, wie erschreckend sind. Der Druck des Establishments die Geschichte fallen zu lassen steigt stetig und die Geschehnisse des 11. September scheinen ein vorläufiges Aus der Recherchen zu bedeuten. Doch im Frühjahr 2002 erscheint endlich der Artikel, der Kardinal Law aus dem Amt befördert und den Opfern zu einem gewissen Maß an Gerechtigkeit oder zumindest Anerkennung ihres geschehenen Unrechts beschert.

‚Spotlight‘ ist ein guter Film und ein guter Oscar-Gewinner. Ein Film, der sich vielleicht vor allem dadurch auszeichnet, was er nicht ist. Er zieht die Geschichte eben nicht als großes Enthüllungsdrama auf, keiner der beteiligten Reporter hält eine donnernde Ansprache über die Größe der amerikanischen Verfassung, kein Priester wird am Kragen gepackt und zu persönlicher Verantwortungsnahme genötigt. Es ist ein stiller Film, gewillt die Dinge so wiederzugeben, wie sie sich (vermutlich) abgespielt haben. Die beeindruckendsten Momente sind sicher die Szenen, in denen die Opfer zu Wort kommen. Der Film schafft es hier keine Details auszusparen ohne aber die Opfer gefühlt ein weiteres Mal auszubeuten. Hier hängt viel an der Fähigkeit Rachel McAdams eine gute Zuhörerin zu spielen (was nicht so leicht ist, wie es sich anhört). Tatsächlich war der Film in seiner Darstellung so ehrlich und so gewissenhaft, dass es so gut wie keine Proteste von katholischer Seite gab. Ganz im Gegenteil, der Radiosender des Vatikan lobte den Film in seiner Rezension sehr für seine Ehrlichkeit und sagte er war eine Hilfe für die Kirche ihre Sünde einzugestehen und Konsequenzen zu akzeptieren. Nur einzelne Personen (darunter explizit nicht Kardinal Law) sahen sich unfair repäsentiert. Das Drehbuch von Regisseur Tom McCarthy zusammen mit Josh Singer geschrieben ist aber nur auf den ersten Blick komplett faktenorientiert. Bei genauem Hinsehen haben viele der „Charaktere“ (eher handelnden Personen) eine Entwicklung durchgemacht. Wie Woodward und Bernstein in die ‚Unbestechlichen‘ sind sie aber keine Helden, sondern bleiben nur Menschen, die ihren Job (gut) gemacht haben.

Und da sind wir an einem anderen Punkt den ‚Spotlight‘ behandelt. Es ist einerseits ein Film über den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche aber es ist auch ein Film über die Macht investigativen Journalismus‘. 2001 sahen wir womöglich den Anfang vom Ende der vierten Macht. Im Internet fühlt sich jeder als Journalist (oder Fimrezensent, wie man hier sieht), was den Respekt für den Beruf und den Willen für die Leistung guter Journalisten zu bezahlen stetig schwinden lässt. Längst ist die Frage nicht mehr ob Zeitungen verschwinden werden, sondern nur noch wann. Sehen wir einer Zukunft entgegen in der Journalisten nur noch Pressemeldungen abschreiben und dann der Spekulation eines Publikums überlässt das bergeweise Fakten aber kaum die Fähigkeit hat all diese einzuordnen und zu verbinden besitzt. In meinen Augen (und denen des Films) eine gruselige Zukunft.

Und die Antwort auf meine eingängliche Frage, ob sich ‚Spotlight‘ auf ein Thema herunterbrechen ließe? Sicherlich nicht ganz so elegant wie ‚Die Unbestechlichen‘ aber hier ist mein Versuch: Außenseitertum. Die Opfer der Priester sind zumeist Außenseiter, der neue Chefredakteur aus Miami ist in Boston explizit ein Außenseiter und die Tatsache, dass er ein unverheirateter, jüdischer Workaholic ohne jede Fähigkeit zum Smalltalk ist lässt ihn beim familienbewussten, katholischen Establishment ohne jede Chance sein Außenseitertum abzulegen. Opfer Anwalt Garabedian ist Armenier, damit in Boston ebenso Außenseiter und die Reporter von ‚Spotlight‘ werden schnell zu Außenseitern in der Stadt aber auch innerhalb ihrer Zeitung. Was bedeutet das? Das manchmal der Blick eines Außenseiters auf ein bestehendes System nicht nur hilfreich sondern notwendig sein kann. Und er stellt vielleicht sogar heraus, dass man in einer Gesellschaft von Außenseitern lebt.

‚Die Unbestechlichen‘ und ‚Spotlight‘ sind beide hervorragende Filme, die wichtige journalistische Entdeckungen ohne Sensationalismus spannend darzustellen vermögen. Sie haben natürlich, als Darstellung der Realität, das Problem, dass ihnen ein Happy End verwehrt bleibt. Nixon bekam seine Amnestie und konnte sich als „Elder Statesman“ gerieren und Kardinal Law wurde an die „Basilica di Santa Maria Maggiore“ in Rom, eine der wichtigsten katholischen Kirchen berufen, wo er bis zu seinem Altersruhestand Lobbyarbeit gegen mehr Mitbestimmungsrechte für Nonnen betrieb. Hier könnt ihr einen beliebigen Satz zur Auftriebskraft von Exkrement einsetzen.

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3 Gedanken zu “Eigentlich ist alles gesagt: ‚Spotlight‘ (2015)

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