Gestern Gesehen: The Voices (2014)

Marjane Satrapi ist bekannt geworden, durch die semi-autobiografische Graphic Novel ‚Persepolis‘, sowie deren spätere Verfilmung in Eigenregie. ‚Persepolis‘ erzählt wie Marji das Leben im Iran unter dem Schah, die Revolution und anschließend die veränderte Gesellschaft unter dem Ajatollah erlebt, sowie ihre Erlebnisse im späteren Exil. 2011 verfilmte sie eine weitere ihrer Graphic Novels ‚ Huhn mit Pflaumen‘, die ebenfalls die islamische Revolution im Iran als Hintergrund hatte. Offensichtlich möchte sie sich nicht auf das Genre „Intelektuelle erleben religiöse Revolution und die Einschränkungen, die damit einhergehen“ festlegen lassen und ging daher mit ‚The Voices‘ in eine ganz andere Richtung.

Jerry Hickfang (Ryan Reynolds) lebt mit seinem Hund und seiner Katze in einer kleinen Industriestadt über einer stillgelegten Bowlingbahn. Er arbeitet in einer Firma für Badezimmeraustattung und ist ein optimistischer aber etwas distanzierter Mensch. Zuhause versucht sein Kater Mr. Whiskers stets ihn zu allerlei Verbrechen (vor allem Mord)  zu überreden. Sein Hund Bosco argumentiert dagegen. Als er den Auftrag bekommt eine Firmenfeier zu organisieren lernt er Verwaltungsmitarbeiterin Fiona (Gemma Arterton) kennen und verliebt sich sofort in sie. Sie erwidert die Gefühle jedoch nicht und als beide in einen Unfall verwickelt werden ermordet Jerry sie mit einem Messer, zerlegt die Leiche und bewahrt die Einzelteile in seiner Wohnung auf, den Kopf im Kühlschrank. Bald spricht auch der Kopf zu ihm und verlangt nach einer Freundin.

Eine schwarze Komödie aus der verzerrten Sicht eines geisteskranken Mörders klingt nach einer interessanten noch nicht allzu häufig umgesetzten Idee (‚American Psycho‘ ist das einzige Beispiel, das mir spontan einfällt). Leider versucht ‚The Voices‘ alles zu sein. Schwarze Komödie, Psychogramm, Kleinstadt-Satire, Slasherfilm-aber-klug, so dass gewisse (teilweise bestimmt gewollte) erzählerische Schleudertraumata nicht ausbleiben. Satrapi versucht hier sehr viel mit einem Drehbuch das quasi nichts hergibt. Für mich hat keine einzige Pointe auch nur annähernd gezündet (ich meine, erwartet der Film ernsthaft, dass ich über einen chinesischen Elvis-Imitator der „clazy“ statt „crazy“ singt lache? Was als nächstes? Blondinenwitze? Ostfriesen? Hey, schon gehört? Schotten sind geizig! lol!!), auf die simplistischen gut/böse und Einsamkeitsdiskussionen hätte ich dankend verzichtet und den ganzen Kleinstadt-Satire-Kram vergisst der Film eh nach etwa 20 Minuten selbst. Das größte Problem an dem Film war für mich aber Ryan Reynolds. Daran ob man seinen Charakter anfangs (zu einem gewissen Maße) sympathisch findet hängt der gesamte Rest des Films. Ich fand ihn anfangs irritierend und habe nach seinem ersten Mord nur noch darauf gewartet, dass er von einem 16 Tonnen Gewicht erschlagen würde. 1. weil dann der Film vorbei wäre, 2. damit irgendetwas lustiges passieren würde. Reynold legt seine Rolle irgendwo im Spannungsfeld von Adam Sandlers Sozialphobiker aus ‚Punch-Drunk Love‘ und Elijah Woods Serienkiller aus dem ‚Maniac‘ Remake von 2012 an. Beide anderen Rollen funktionieren allerdings deutlich besser als das was Reynolds abliefert. Er spricht auch Katze und Hund (oder eher Jerrys schizophrene Interpretationen der Tiere), wobei er der Katze aus irgendeinem Grund einen grauenhaft schlechten irischen Akzent verpasst (Worte können kaum beschreiben, wie sehr mich dieser Akzent irritiert hat). Die Tiere nehmen hier letztlich aber nur die altbekannte Rolle von Engelchen und Teufelchen ein, die vermutlich in den 30er Jahren zum ersten Mal auf den Schultern von Donald Duck erschienen sind, als der überlegte seinen Neffen einen Lutscher zu klauen. ‚The Voices‘ ist vor allem eine Ryan Reynolds Show und so bleiben für die anderen Darsteller maximal 2 Dimensionen übrig. Insbesondere Jerrys Opfer werden so zu hauchdünnen Klischees a la „die Überhebliche“ und „die Niedliche“, sowohl Gemma Arterton als auch Anna Kendrick hätten Besseres verdient. Jacki Weavers gute Leistung, als vermutlich schlechteste Psychotherapeutin, die je auf Film gebannt wurde („Okay Jerry, ich sage niemandem, dass Du Deine Tabletten nicht nimmst aber versprich mir, dass Du das ab jetzt tust!“) ist immerhin erwähnenswert.

Nur um eines klarzustellen ich argumentiere hier nicht aus einer Position, aus der ich sagen würde ein mehrfacher Mörder mit psychischen Problemen sei etwas worüber man keine Komödie drehen kann oder darf. Man kann grundsätzlich aus fast allem eine Komödie machen, man braucht dafür aber ein hervorragendes Drehbuch. ‚Four Lions‘ zum Beispiel hat gezeigt, wie eine Komödie über Terrorismus funktionieren kann und ‚American Psycho‘ habe ich weiter oben ja schon erwähnt. Aber das Drehbuch zu ‚The Voices‘ von Fernseh-Autor Michael R. Perry, der, im Bereich Film, zuvor nur für das Drehbuch zu ‚Paranormal Activity 2′ verantwortlich zeichnete ist ein typischer Fall von wahnsinnig viel gewollt aber nix wirklich gekonnt. Marjane Satrapi macht das Beste aus dem was sie hat, punktuiert die graue Industriestadt häufig mit bunten Farbklecksen, doch untergräbt auch sie sich immer wieder selbst. Wenn wir Jerrys Wohnung zum ersten Mal aus der Sicht eines anderen Charakters sehen geht jeglicher Effekt verloren, da wir bereits vorher einen kurzen Blick auf den Horror hatten, als Jerry sich einmalig  entschließt seine Tabletten zu nehmen. Keine der Mordszenen, noch das idiotisch konstruierte Ende können in irgendeiner Form Spannung aufbauen.

Dreimal wollte ich während des Schauens den Film beenden. Etwas, das mir so gut wie nie passiert. Hätte ich es mal getan, ich hätte wenig versäumt. Was auch immer Marjane Satrapi an diesem Thema gereizt hat, ich hoffe mit diesem Film ist es für sie erledigt.

FAZIT: Schade, das war leider gar nichts für mich. Der Unterhaltungswert eines Furzkissens, gedehnt auf 100 Minuten läuft sich leider sehr, sehr schnell tot. Und ich habe noch nicht mal alles erwähnt, was mich genervt hat (Musik, ein gewollt lustiger Dialog zum Thema „Sushi? Das ist doch roher Fisch!“ u.v.a.m.) aber ich habe jetzt schon mehr als genug genörgelt.

 

PS: aber ehrlich, hab‘ ich deutlich gemacht, wie wenig ich  Ryan Reynolds in diesem Film mochte? Ich bin mir nicht sicher. Sehr wenig. Noch viel weniger als ihr jetzt denkt. Eine homöopathische Dosis Sympathie, quasi. Ugh. Okay, ich gehe jetzt. . . dieser pseudoirische Akzent? Grau-en-haft! Okay, Ende.

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5 Gedanken zu “Gestern Gesehen: The Voices (2014)

  1. Lustig, den habe ich am Wochenende auch zum ersten Mal gesehen.
    Allerdings teile ich deine Abneigung dieses Mal nicht. Wobei du Recht hast, dass der Film wirklich nicht gerade das ist, was man gemein hin als „lustig“ bezeichnet. Ich haate mir von „The Voices“ etwas ganz anderes versprochen. Nämlich viel schwarzen Humor in einer Mischung aus Dexter und American Psycho. Skeptisch war ich vor allem wegen der „sprechenden“ Tiere. Im Ernst: Das ist doch seit den frühen 90ern nicht mehr lustig, oder?

    Dennoch hat der Film mich überrascht. Ich fand es beispielsweise gut, wie gezeigt wurde wie Menschen mit psychischen Problemen mit sich und der Realität zu kämpfen haben. Teil der Heilung ist es oft zunächst zu erkennen, wie schlecht es einem eigentlich in Wirklichkeit geht. In Jerrys Fall erlebte das in dem Moment, als er die Tabletten nahm und sich sein Blick dadurch aufklarte. Er erkannte wie schlimm seine Wohnung aussieht und das der abgetrennte Kopf gar nicht so hübsch aussieht wie er dachte. Ich habe zum Beispiel das Bild nicht aus dem Kopf bekommen, wie die Szene wohl in der Realität ausgesehen haben mag, als Jerry Fionas Kopf mit Cornflakes füttert 😀 😀 😀

    Da Jerry sich in der Realität einsam und verzweifelt fühlt, flüchtet er in seinen Wahn. Das fand ich auf eine gewisse Weise ziemlich plausibel und traurig.

    Gefällt 1 Person

    • Die 90er Jahre Humor Assoziation hatte ich halt auch mehrfach. Frage mich, ob das Drehbuch sehr lange rumgelegen hat.
      Die Szene, die Du ansprichst, als Jerry seine Tabletten genommen hat, war in der Tat eine der besten des Films. Und ließ mich hoffen jetzt hätte er seine Gangrichtung gefunden. Aber, wie ich oben sage, untergräbt er sich dann mMn. selbst, wenn Kendricks Charakter, seine Wohnung betritt und wir exakt dieselben Einstellungen sehen, unterlegt von einer Musik, die andeutet wir sollten erneut geschockt sein. Das funktionierte halt (für mich) so gar nicht.
      Hätte sich der Film konsequenter für eine Richtung entschieden Psychogramm oder eben schwarze Komödie wäre vermutlich was besseres rausgekommen. Ich scheine mit meiner Meinung aber etwas allein dazustehen. Ich glaube ich habe ihn mir selber etwas überhypt. 1. weil ich Satrapis Arbeit mag 2. weil das Thema einfach sehr interessant klang
      Vielleicht schau ich ihn nochmal. Aber dann erst in einiger Zukunft ;).

      Übrigens, die einzige Szene, die mich dann doch zum lachen gebracht hat, war ausgerechnet der Hund und sein ewiges „Eindringling! Eindringling! Ich fang‘ die Kugel für dich, Mann!“, was vermutlich bedeutet, dass ich ‚Pets‘ schauen sollte. . .

      Gefällt 2 Personen

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