Ach, Tim Burton. . .

Würde man mein sechsjähriges Ich fragen, wer sein Lieblingsregisseur ist würde es antworten: „Was ist ein Ressigeur?“. Würde man mein zwölfjähriges Ich fragen wäre die Antwort vermutlich Tim Burton (oder George Lucas). Und das würde für Jahre auch so bleiben. Zwei seiner Filme sind definitiv für meinen Filmgeschmack, vielleicht sogar für meine Persönlichkeit, mitverantwortlich. Und dann, um die Jahrtausendwende herum ist irgendetwas passiert. Normalerweise würde ich annehmen Aliens hätten Burton entführt und gegen einen talentlosen Doppelgänger ausgetauscht, doch die Anzeichen für seinen Sturz sind schon in vielen seiner guten Filme erkennbar. Danny Elfmans Musik war immer sehr nahe am Jahrmarktsgedudel, Johnny Depps Darstellungen nur eine Handbreit von der Selbstparodie entfernt. Irgendwo musste es schiefgehen. Aber warum gleich so schief:

Ich. . . bin gleich wieder da, muss mir den Mund ausspülen. Und das Gehirn. Mit Gin.

Aber wir wollten ja darüber reden als Burton noch ein Guter war. Seinen ersten Film ‚Pee-Wee’s irre Abenteuer‘ hab ich nie gesehen. Es ist die Verfilmung einer amerikanischen Kinderserie. Ist bestimmt in Ordnung. ‚Beetlejuice‘ hingegen habe ich Jahre nach Erscheinen gesehen. Der hat mir sehr gut gefallen und man konnte bereits vieles entdecken, was Burton für mich ausgemacht hat. Ungewöhnliche, abgedrehte Kreaturen, die direkt von einem Zeichenbrett auf die Leinwand entwischt zu sein schienen, Düsternis gepaart mit Humor und schlicht eine Anarchie im Geschichtenerzählen, die mir sehr sympathisch war und die inzwischen gänzlich verschwunden scheint. Viel davon ist hier den Darstellungen Michael Keatons und Winona Ryders geschuldet. Ein guter Film.

Und 1989 kam dann ‚Batman‘. Es ist mir nicht möglich objektiv über ‚Batman‘ zu schreiben. Ich war noch deutlich zu jung als mein Vater damals mit mir und meinem besten Freund ins Kino gegangen ist. Batman kannte ich aus der Serie mit Adam West von ’66, ihr wisst schon *Zack*, *Biff*, *Pow*. Ich war nicht vorbereitet auf das was auf mich zukam. Zwei Stunden Kinofilm und noch Werbung davor und ich habe sicherlich keine Sekunde an Popcorn, Getränke oder Klobesuche gedacht. Ich war gebannt. Dieser Batman war beeindruckend. Er hatte nichts von dem Regeln zitierenden Mann mit Bauchansatz in Spandex, den ich kannte, das hier war ein Superheld. Und dann Jack Nicholsons Joker! Die Szene, in der er sein Gegenüber mittels Handbuzzer zu einem Skelett verbrennt hatte sich (sehr zum Unmut meiner Mutter) in mein Hirn eingebrannt. Das hier war mein Batman und er ist es auch heute noch (zusammen mit der Zeichentrickserie der 90er, die Danny Elfmans Soundtrack übernommen hat). Ja, ‚Batman‘ zeigt Altersspuren, ja die Nolan-Filme mögen „objektiv“ besser sein aber von dem Tag an, als ich diesen Film gesehen habe war ich ein Burton Fan. Michael Keaton ist übrigens „objektiv“ immer noch der beste Bruce Wayne. Wer da nicht zustimmt hat Unrecht. . .

‚Edward mit den Scherenhänden‘ habe ich wiederum erst später im Fernsehen gesehen. Und bin nie wirklich warm geworden mit dem Film. Das ist merkwürdig, schien er doch wie für mich gemacht: einer der letzten Auftritte von Vincent Price, die Rolle die Johnny Depps Johnny Deppigkeit für die nächsten Jahre bestimmen sollte, oh und Mitte der 90er, als ich ihn sah, war ich so verknallt in Winona Ryder, wie man nur sein konnte. Und doch funktionierte er nicht wirklich für mich. Vielleicht war das Außenseitertum hier ein wenig zu dick aufgetragen für mich. Ich würde sogar sagen, dass man hier die ersten Spuren dessen findet, was Burton später kaputtmachen sollte. Alles ist ein wenig zu künstlich, zu konstruiert, zu normiert. Sicherlich ein gut gemachter Film und für manche quasi symbolisch für Burtons Arbeit aber nicht mein Film.

Ist es eine Frage ob ich für ‚Batmans Rückkehr‘  1992 wieder im Kino war? Nicht wirklich. Wieder mit meinem Vater, ich war immer noch zu jung ihn allein zu sehen. Diesmal ist es ein echter Burton Film, weniger ein Batman Film. Batman wird zu einer Randfigur, das eigentliche Interesse gilt Danny DeVitos widerwärtigem Pinguin und Michelle Pfeiffers gequälter Catwoman im zersplissenen Bondage-Dress. Burton inszeniert das Ganze als opernhaften, expressionistischen Cartoon, in dem der Pinguin in einer riesigen Gummiente herumfährt und eine Armee raketenbewehrter Königspinguine mit sich führt, während Pfeiffers Catwoman naja, seht selbst:

Und fast hätte ich Christopher Walken vergessen, man sollte niemals Christopher Walken vergessen! Nicht mehr ganz so prägend für mich aber vermutlich der Bessere der beiden Burton Batmans.

Von Burton nur produzierte Filme, wie ‚Nightmare before Christmas‘  oder die späteren Batmans lasse ich hier mal außen vor. 1994 drehte Burton dann ‚Ed Wood‘ mit Johnny Depp in der  Titelrolle. Wiederrum sah ich den erst später im Fernsehen, doch hat er mich vermutlich ebenso geprägt wie ‚Batman‘. Ein Film über den „schlechtesten Regisseur aller Zeiten“ Edward D. Wood jr. machte mir klar, dass Abseitiges und Merkwürdiges im Film absolut seinen Platz hat. So etwas wie „schlechten Geschmack“ gibt es eigentlich nicht. Manche Leute haben nur die Fähigkeit entwickelt auf weniger fruchtbaren Gründen umso interessantere Pflanzen zu ziehen, falls das Sinn macht. Horror, Exploitation und „Schund“ haben ihre Daseinsberechtigung und haben hier ein Hohelied gefunden. Dies ist mit Sicherheit Burtons bester Film, seine Lieblingsthematik vom Außenseiter, der eine Ersatzfamilie findet und einfach „sein Ding“ durchzieht hat er nie zuvor und seitdem nie wieder mit solcher Klasse umgesetzt. In wunderbar knackigen schwarz-weiß Bildern fängt er seine Version des Hollywoods der 50er Jahre ein. Die Musik kam ausnahmsweise einmal nicht von Elfman, sondern Howard Shore unterlegt das Geschehen mit wunderbaren Theremin- und Orchester-Klängen. Johnny Depp ist hier in einer seiner sympathischsten Rollen zu sehen und schauspielert tatsächlich anstatt nur zu chargieren (auch trägt er weder Maske noch „lustige“ Hüte). Nebenbei begeistert Martin Landau als alternder Bela Lugosi. Wenn ihr etwas aus diesem Artikel mitnehmt dann, dass ihr ‚Ed Wood‘ schauen solltet. Und wenn ihr ihn schon kennt schaut ihn noch mal und erinnert euch wie gut Burton und Depp mal waren.

Damit sind wir 1996 bei ‚Mars Attacks‘ angekommen. Ein spaßiger Film mit einem Allstar-Ensemble besetzt. Aber ein wenig der alten Anarchie schien schon zu fehlen. Einiges fühlte sich bereits zu „sicher“ an. Durch das zeitgleiche Erscheinen von ‚Independence Day‘ fühlte sich ‚Mars Attacks‘ beinahe wie eine Parodie an statt als die liebevolle Hommage an die Science Fiction der 50er die er eigentlich sein sollte. Dennoch ein zutiefst unterhaltsamer Film Ack ackackack AACK!

‚Sleepy Hollow‘ wurde 1999 eine weitere Hommage. Diesmal an die Horrorfilme der britischen „Hammer“ Studios. In wundervoll satten Farben mit hochmotivierten, hervorragenden Schauspielern kam ein unterhaltsamer Film um einen wissenschaftlich interessierten Großstadtpolizisten, der sich im ausgehenden 18. Jahrhundert mit dem vorgeblichen Aberglauben der Landbevölkerung herumplagen musste. Christopher Walken behauptet in diesem Film seinen ersten Filmkuss gehabt zu haben, doch wer im Clip weiter oben aufgepasst hat weiß, dass er sich irrt. Sein Kuss in diesem Film ist ähnlich „romantisch“. Johnny Depp beginnt zu chargieren. In seinem Ichabod Crane sind erste Züge zu erkennen, die ihn später als Pirat erfolgreich machen sollen und dann in der Horrorshow vom Anfang enden. Dennoch ein unterhaltsamer Film, den ich schon häufig gesehen habe.

2001 Ape Lincoln. . . (siehe auch hier).

2003 drehte Burton mit ‚Big Fish‘ seinen letzten Film, den ich als vollumfänglich gut in Erinnerung habe. Ehrlich gesagt habe ich ihn aber seit bestimmt zehn Jahren nicht gesehen und müsste das wohl nochmal überprüfen. Ich erinnere ihn als recht geradlinige Geschichte um Vater und Sohn, die mit Burtons typischer Merkwürdigkeit erfolgreich angereichert wurde. Und da meine eigene Begeisterung für Burton ebenfalls mit einer Vater-Sohn Geschichte begann ist hier wohl ein guter Moment um aufzuhören.

Und dann? Dann wurden Burton und Depp zu einem Gespann das gegenteilig zu Werner Herzog und Klaus Kinski funktionierte. Die letzteren Beiden haben sich gehasst, künstlerisch das Beste ineinander zum Vorschein gebracht und kommerziell erfolglose Filme produziert. Depp und Burton scheinen sich sehr zu mögen, bringen inzwischen (vielleicht aus Gewohnheit) das Langweiligste aneinander zum Vorschein und machen für die Studios Milliarden. Der letzte Film der beiden, den ich gesehen habe war ‚ Dark Shadows‘ und ich erinnere mich an den weniger als an ‚Big Fish‘.

Falls das hier jemand liest, der Burtons neuere Filme sehr mag und sich angegriffen fühlen sollte, so möchte ich klarstellen, dass das so nicht gemeint ist. Sie sind fraglos bis ins letzte durchgeplante, gewinnoptimierte Investitionsobjekte aber das war der neue ‚Star Wars‘ zum Beispiel auch und den mochte ich sehr. Das ist völlig in Ordnung, nur ist meiner Meinung nach eben eine gewisse kreative Anarchie verloren gegangen, die heute im Kino ohnehin recht selten geworden ist. Und hey, immerhin war Burtons Sturz nicht annähernd so steil, wie der von George „Jar Jar“ Lucas. Aber auf gewisse Weise beneide ich auch Leute, die noch sagen können sie seien Burton Fans, ohne mehr als tausend Worte schreiben zu müssen, um zu erklären, wie sie das meinen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s