Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Waterwold‘ (1995)

Ah, ‚Waterworld‘, auch bekannt als „Kevin’s Gate“, in Anspielung auf den Megaflop ‚Heaven’s Gate‘, der „United Artists“ in die Pleite getrieben hat. Pleite gegangen ist „Universal“ mit ‚Waterworld‘ nicht aber aus den ursprünglich für den Film veranschlagten Kosten von 66 Millionen Dollar wurden fast 180 Millionen, damals eine Rekordsumme. Rückblickend ist das erstaunlich, denn der Film begann seine Existenz als geplante Billigproduktion von B-Movie Gottkaiser Roger Corman. Peter Rader hatte ein Skript verfasst, dass auf einer fast gänzlich überfluteten Erde spielte und sich um Piraten, Sklavenhändler und die letzten Überreste von Zivilisation, die sich auf schwimmende Atolle gerettet hatte, drehte. Natürlich waren Corman 3 Millionen viel zu teuer. Irgendwie wurde man aber bei „Universal Studios“ auf das Skript aufmerksam, gewann David Twohy (‚Pitch Black‘, ‚Auf der Flucht‘) dafür eine neue Fassung zu schreiben, eine Fassung die 66 Millionen Dollar kosten sollte.

Dafür brauchte man jetzt Star-Power und die kam in Form von Kevin Costner. Der hatte zwar in den letzten Jahren in einigen Flops die Hauptrolle (‚Wyatt Earp‘ zum Beispiel), doch war er dank Filmen wie ‚Der mit dem Wolf tanzt‘, ‚Bodyguard‘ und ‚Robin Hood‘ immer noch ein Superstar. So hatte er denn auch die freie Wahl des Regisseurs. Den vom Studio eigentlich angedachten Robert Zemeckis (‚Forest Gump‘, ‚Zurück in die Zukunft‘) schlug er aus und entschied sich für ‚Robin Hood‘ Regisseur Kevin Reynolds, mit dem er auch bei ‚Fandango‘ sehr erfolgreich zusammengearbeitet hatte. Als Bösewicht wurde Dennis Hopper besetzt (‚Super Mario Bros.‘, ‚Easy Rider‘), die weibliche Hauptrolle ging an Jeanne Tripplehorn (‚Die Firma‘), die Rolle ihrer Ziehtochter, die im Film den MacGuffin darstellt, wurde mit der 9jährigen Tina Marjorino (‚Veronica Mars‘) besetzt.

Im Frühjahr 1994 sollten die Dreharbeiten auf und vor allem vor Hawaii beginnen. Universal Boss Sid Sheinberg, der 20 Jahre zuvor bei ‚Der Weiße Hai‘ Erfahrungen mit den Schwierigkeiten bei Dreharbeiten auf See gemacht hatte, erhöhte vorsorglich das Budget auf 100 Millionen Dollar. Leider war zu diesem Zeitpunkt das Rader/Twohy Skript durch über 30 weitere Hände gegangen (30 Autoren, also eigentlich 60 Hände) aber immer noch nicht fertig. Und die beiden Kevins hatten durchaus unterschiedliche Vorstellungen, wie es aussehen sollte. Joss Whedon (‚Buffy‘, ‚The Avengers‘) wurde als Skript Doktor eingeflogen, um es festzuzurren. Er sollte eine Woche am Set verbringen, es wurden sieben. Er sagte später seine Aufgabe habe darin bestanden Costners Ideen unverändert in das Skript einzubauen, nur damit Reynolds sie wieder streichen konnte. Am Ende der fast zwei Monate hatte er nichts erreicht. Die Dreharbeiten auf See gestalteten sich währenddessen als chaotisch. Die Drehvorbereitungen für jede Szene dauerten ewig, Pausen wurden gar nicht oder viel zu spät gewährt (was zu Gewerkschaftsstrafen in Höhe von 2,7 Millionen Dollar führte) zahlreiche Castmitglieder wurden krank, ein Stuntman litt an Dekompressionskrankheit und Kevin Costner behauptete bei windigen Dreharbeiten auf einem Schiffsmast fast gestorben zu sein. Jeanne Tripplehorn und Tina Marjorino fielen von einem Boot und wurden mitgeschleppt. Dann versenkte ein Hurrikan sämtliche Kulissen. Etwa 1000 Tonnen Material, auf hoher See gebaut.

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Bei Columbo war es unauffälliger: der Deacon bekommt ein Glasauge

Es war absehbar, dass auch die 100 Millionen Dollar nicht ausreichen würden. Nicht zuletzt deshalb, weil Kevin Costner auf einem Hotel bestand, das pro Nacht 1800 Dollar kostete (ich hoffe da war Frühstück mit drin). Doch auch die chaotischsten Dreharbeiten enden einmal. Allerdings endeten die Probleme des Films damit nicht. Kevin Reynold reichte seinen endgültigen Schnitt bei „Universal“ ein, doch Kevin Costner war mit diesem nicht zufrieden. Er wollte eine eigene Schnittfassung herstellen, in der sein Charakter heroischer wirkte. Universal räumte ihm den Endschnitt ein. Reynolds war erzürnt und kündigte und die ohnehin angespannte Beziehung der beiden Kevins war am Ende. Zitat Reynolds: „Costner sollte in allen seinen Filmen Regie führen. Dann kann er immer mit seinem liebsten Darsteller arbeiten.“ Musiker Mark Isham wurde für den Soundtrack gewonnen. Als er etwa zu einem Viertel mit der Arbeit fertig war, entschied Costner, der Soundtrack sei zu „ethnisch“ und ließ Isham feuern. Der endgültige Soundtrack wurde von James Newton Howard komponiert. Die Kosten für den Film lagen am Ende bei fast 180 Millionen Dollar, inflationsbereinigt wäre das heute etwa doppelt so viel.

„Universal“, die vor der Katastrophe Augen und Ohren verschlossen, hatten bereits Tie-in Comics, Videospiele und Spielzeug produzieren lassen. Die fantastischen Kosten, die Probleme beim Dreh und das Drama der zwei Kevins wurden zum Hauptaugenmerk für die Presse. Doch zumindest für mich führt jetzt kein Weg mehr daran vorbei mich mit dem Inhalt zu beschäftigen.

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Recycling steht ihm bis hier: der Mariner

Die Eröffnungsszene ist es wert en detail besprochen zu werden: wir zoomen an den bekannten „Universal“ Globus heran, die Kontinente versinken im Meer. Eine dramatische Erzählerstimme berichtet uns, wie die Polarkappen geschmolzen sind und die Welt unterging. Wir durchqueren die Wolkendecke, der Titel ‚Waterworld‘ erscheint zu dramatischer Musik, Wasser soweit das Auge reicht. Da sehen wir einen winzig erscheinenden Doppel-Katamaran! Die Kamera fliegt darauf zu, wir erkennen undeutlich eine Gestalt. Schnitt! Ein Plastikbecher auf dem Boot erscheint im Bild, dann ein Strahl Urin. Der Mariner (Costner) pinkelt in den Becher, füllt den Urin dann in eine Entsalzungsanlage, gießt die herauskommende Flüssigkeit in eine Tasse und nimmt einen ordentlichen Schluck muffigen, körperwarmen Wassers. Ich verstehe, was die Szene vermitteln möchte. Die Ironie von Wasser umgeben zu sein, während trinkbares Wasser eine solche Kostbarkeit ist, das unser Held auf seinen Urin angewiesen ist. Aber! Er hat eine Entsalzungsanlage! Er ist vorne, hinten, links, rechts und vor allem unten von Salzwasser umgeben. Aber was er entsalzt und trinkt ist sein Urin. War es die Idee den Film damit zu eröffnen, dass der Held dem Publikum ins Gesicht pinkelt?

Egal, der Mariner segelt zu einem künstlichen Atoll, um dort einen Eimer voll Erde zu verkaufen (sehr wertvoll, da zur Anzucht von Nahrung benötigt). Er trifft auf Barfrau Helen (Tripplehorn) und ihre Adoptivtochter Enola (Marjorino), letztere hat eine Karte auf den Rücken tätowiert, die den Weg zum letzten noch vorhandenen Festland zeigen soll, Dryland. Das ist auch einigen zwielichtigen Gesellen nicht entgangen. Doch zunächst wird der Mariner, aufgrund von Kiemen hinter den Ohren und Schwimmhäuten an den Füßen, als Mutant erkannt und soll in einer Schei . . . Recyclinggrube ertränkt werden. Da greifen die bösen Smoker unter Führung des Deacon (Hopper) das Atoll an. Im Chaos der Schlacht bietet Helen dem Mariner an ihn aus seinem Käfig zu befreien, wenn er sie und ihre Tochter auf seinem Boot mitnimmt. Der Mariner sagt nein, weil Max Rockatansky das auch immer erst mal macht (auch wenn Mad Max meist nicht in Kac. . . Recyclingschlamm ertrinkt). Zwangsläufig sagt er schließlich ja und bei der Flucht der drei verliert der Deacon ein Auge.

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Gruppenbild mit Backpfeife: unser Held!

Die nun folgenden Szenen auf dem Boot wirken etwas schizophren. Hier arbeiten offensichtlich das Corman Skript und das Blockbuster Skript, sowie die unterschiedlichen Ansichten beider Kevins gegeneinander. Der Mariner fragt sich warum er die beiden an Bord behalten sollte, Helen bietet ihm Sex an, er lehnt ab. Enola bemalt sein Bott mit seinen Buntstiften , dafür wirft er sie ins Wasser (unser Held!). Die 10jährige (in Waterworld!!!!!) kann nicht schwimmen. Ihre Mutter rettet sie. Nach einer Wegwerf-Action-Szene mit einem Smoker Flugzeug, bei der Helen versehentlich Teile seines Bootes zerstört, schert er Mutter und Tochter unter Zwang die Haare (unser Held!!). Dann verkauft er, für 2 Blatt Papier, 30 Minuten mit Helen an einen Händler (1. unser Held!!! 2. der Händler möchte eigentlich 45 Minuten mit dem Kind. . . zu diesem Film wurde Tie-In Spielzeug verkauft?!). Kurz darauf überlegt der Mariner es sich anders und er erdolcht den Mann von hinten (unser. . . ach vergiss es). Und dann mögen sie sich plötzlich alle ganz doll. Der Mariner zeigt Helen, wie er an die Erde kommt, indem er mittels seiner Kiemen zum Grund taucht (zufällig sind sie gerade über Denver) und bringt Enola das Schwimmen bei.

Enola wird von den Smokers entführt und zu ihrem Stützpunkt, der „Exxon Valdez“ (wem das nix sagt der schaue es nach und rolle dann mit den Augen),die  jetzt gerudert wird, wie eine Galeere, gebracht. Sie erzählt dem Deacon unaufhörlich vom schrecklichen Mariner, der kommen wird um ihn zu töten. Dann kommt der schreckliche Mariner und droht eine Leuchtfackel in den ölbefüllten Bauch des Schiffes zu werfen, wenn ihm Enola nicht ausgehändigt würde. Der Deacon sagt nein, eine Actionszene, in der ein Luftschiff eine wichtige Rolle spielt, später ist die Valdez kaputt, der Deacon tot und die Smokers erledigt. Unsere Helden finden Dryland, siedeln sich dort an und der Mariner verschwindet, weil Max Rockatansky das am Ende auch immer so macht.

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Eine Zigarre macht noch keinen Clint Eastwood

Wow, zwei Stunden und 15 Minuten, in denen quasi nichts passiert. Kevin Costner ist furchtbar in der Rolle des schweigsamen Fremden. Und, obwohl er normalerweise ein gutaussehender Mann ist, sieht er in diesem Film aus, wie ein Furz, meist wie ein feuchter. Das liegt nicht nur daran, dass er wie alle anderen Darsteller Klamotten tragt, die aussehen als seien sie aus rottenden Braunalgen gehäkelt, er passt schlicht nicht in dieses Setting. Hopper andererseits hat als kahlrasierter, herumschreiender Deacon erkennbar jede Menge Spaß und jede Szene mit ihm ist ein Lichtblick in diesem Film. Jeanne Tripplehorn hat nicht viel mehr zu tun als das dauerbedrohte (oft genug von „unserem Helden“) Opfer zu spielen.  Die Handlung nach Logiklöchern zu untersuchen ist eine derartige Herkules-Aufgabe, dass ich mich ihr gar nicht erst stellen möchte. Das geht von Kleinigkeiten, wie der Frage woher die Smoker eigentlich ihre Zigaretten haben, bis zu dem ganzen Unsinn um die Karte auf Enolas Rücken, von der jeder weiß, die aber niemand entschlüsseln kann, oder so. Die Actionszenen sind weitgehend kompetent gemacht, verlieren in der langweiligen Filmhandlung allerdings ihre Wirkung und irgendwann hat man schlicht genug explodierende Jetskis gesehen (das geht sogar erstaunlich schnell).

In den USA nahm der Film 80 Millionen Dollar ein, weltweit wurden daraus etwa 264 Millionen. zieht man die Hälfte als Einnahmen der Kinos ab, so hat er deutliche Verluste gemacht, war aber kein Megaflop. Inzwischen dürfte er, dank Heimkinoveröffentlichungen, Fernsehrechten und Attraktionen in mehreren Freizeitparks, sein Geld wieder eingespielt haben. Den Status als „teuerster Film aller Zeiten“ nahm ihm nur zwei Jahre später James Camerons ‚Titanic‘ ab. Costner verlor noch nicht alle Sympathie bei den Studios, dazu brauchte es die noch längere, noch ödere Post-Apokalypse ‚Postman‘.

Immerhin, beide Kevins sind dem Film stets treu geblieben. Costner sagte vor einigen Jahren „sicher, ‚Waterworld‘ hat Fehler aber es ist ein cooler, einfallsreicher Film“. Reynolds äußerte gegenüber der BBC, dass „der Film nicht besser oder schlechter als andere des Genres“ sei.

Ist der nun also sooo schlecht? Ehrlich gesagt, ja. Schlimmer noch er ist einfach nur unsäglich öde. Ich würde Reynolds absolut widersprechen. In einer Welt in der sowohl ‚The Road Warrior‘ als auch ‚Fury Road‘ existieren ist ‚Waterworld‘ weit schlechter als „andere Vertreter des Genres“. Wenn ihr beim Ansehen eines dieser Filme gedacht habt „Hmm, der wäre aber besser auf dem Wasser und mit einem Hauptdarsteller mit deutlich weniger Charisma“, dann könnte der Film was für euch sein. Im Gegensatz zu ‚Super Mario Bros.‘ musste ich hier beim Schreiben des Artikels mehrfach nochmal in den Film reinschauen, weil ich mich an manche Dinge einfach nicht mehr erinnern konnte. Es ist kein guter Film aber er ist auch nicht so schlecht, dass er den Status als Dauerpointe, den er seit 20 Jahren inne hat verdienen würde. Er ist schlicht vergessenswert. Die einzigen Gründe warum er noch erwähnt wird, sind sein Budget und die Pipi-Szene. Ich glaube, ich hätte lieber die Corman Variante gesehen. Die wäre kürzer gewesen.

Nutzlose Fakten, die ich nirgendwo unterbringen konnte: Tina Marjorino wurde von so vielen Quallen gestochen, dass Costner ihr den Spitznamen „Jellyfish Candy“ gab. Der Name ihres Charakters Enola ist „alone“ rückwärts, eine Bedeutung hat das nicht. Jack Black hat eine Minirolle als Pilot. Kandidaten für die Rolle des „Deacon“: Gary Busey, Laurence Fishburne, Gene Hackman, James Caan, Gary Oldman und Samuel L. Jackson, alle haben abgelehnt. Jack Nicholson wollte die Rolle aber war zu teuer. Die Kevins haben 2012 ihre Streitigkeiten beigelegt und die Miniserie ‚Hatfields & McCoys‘ gedreht. Der heute teuerste Film ist ‚Fluch der Karibik 4‘ mit einem Budget von 378 Millionen Dollar. ‚Waterworld‘ ist besser.

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12 Gedanken zu “Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Waterwold‘ (1995)

    • Das Du gerade den Film erwähnst. . .
      Ich habe damals, weil ich bei irgendeiner Umfrage mitgemacht hatte, Karten für die Deutschlandprämiere von „Meine Frau, die Spartaner und ich“ gewonnen (Gewinnen ist nicht immer toll!). Das war eines der wenigen Male, dass ich das Kino vor Ende des Films verlassen habe. Ich glaube meine Leber verträgt die Menge an Alkohol, die es bräuchte den ganz zu kucken nicht wirklich ;).
      Oder, um die Titel-Frage der Rubrik direkt hier zu beantworten: Ja ist er, der ist sogar noch ein ganzes Stück schlechter!

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    • Das Setting ist wirklich das Beste am Film! Und fühlt sich heute sogar aktueller an, als vor 20 Jahren.
      Sollte es ein Remake geben (ist, glaube ich, aufgrund des „Schlechter Witz“ Status des Films unwahrscheinlich), dann möchte ich einen Cameo-Auftriit von Al Gore als „Verrücker Alter“, der nur schreit „Ich habe es Euch gesagt ihr Volltrottel, ich habe es Euch gesagt!!!!“ ;).

      Gefällt 1 Person

  1. Pingback: Wenn Kleopatra im Himmelstor baden geht – vom Film-Flop | filmlichtung

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