Lieber Schwein als Faschist: ‚Porco Rosso‘ (1992)

Hayao Miyazaki, begnadeter Anime-Regisseur und Mitbegründer des „Studio Ghibli“, ist ein strikter Gegner einfacher gut/böse Positionierungen in seinen Geschichten. Er weiß, dass seine Filme auch (oder vor allem) von Kindern gesehen werden und ist daher der Meinung, er dürfe in ihnen keine politische Meinungsmache betreiben. Das gelingt natürlich nur zum Teil. Wer einige Filme aus Miyazakis Werkstatt gesehen hat muss bemerken, dass Themen wie Umweltschutz, Feminismus, Pazifismus und soziale Gerechtigkeit eine große Rolle spielen. Diese Einstellungen sind allerdings verbunden mit einer großen Faszination für die Flugzeugtechnik der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts, die natürlich zu einem guten Teil als Werkzeug zum Massenmord eingesetzt wurde. In seinem (vermutlich) letzten Film ‚Wie der Wind sich hebt‘ ist Flugingenieur Jirō Horikoshi, der Entwickler der berüchtigten Zero-Kampfflieger des 2ten Weltkriegs, die Hauptfigur. Als sein Traummentor tritt Giovanni Battista Caproni auf. Der hat für die Italiener in beiden Weltkriegen Flugzeuge entworfen, darunter ein Transportflugzeug, dass einen Spitznamen, nach dem libyschen Begriff für den Sirocco bekam: Ghibli. Im Film ist Horikoshi traurig darüber, dass seine Maschinen als Waffen eingesetzt werden, doch tröstet ihn Caproni damit, dass sein Traum wunderbare Flugzeuge zu bauen in Erfüllung gegangen ist. Damit dürfte Miyazakis komplexe Einstellung zu dem Thema grob umrissen sein. Den 2ten Weltkrieg betrachtet er als „arrogante Idiotie“ des nationalistischen Japan, weigerte sich seinen Oscar für ‚ Chihiros Reise ins Zauberland‘ anzunehmen, während die USA in den Irak einmarschierten und sieht gleichzeitig die Zero als Ingenieursleistung, auf die man stolz sein kann und benennt seine Firma nach einem Kriegsflugzeug. Zahlreiche dieser Themen behandelt ebenfalls der als schwächerer Miyazaki-Film geltende ‚Porco Rosso‘.

Marco war ein Flieger-As des Ersten Weltkriegs, doch ein mysteriöser Fluch verwandelte sein Gesicht in das eines Schweines. Jetzt, in den späten 20er Jahren, lebt er auf einer einsamen Mittelmeerinsel und jagt in seinem roten Flugzeug als „Porco Rosso“ Luftpiraten, die die Adria unsicher machen. Doch langsam nehmen seine Probleme überhand: auf dem Festland sind die Faschisten auf dem Vormarsch, die mit den Luftpiraten gemeinsame Sache machen wollen, die Geheimpolizei ist wegen „unpatriotischen Verhaltens“ hinter ihm her, sein Flugzeug fällt bald auseinander, sein neuer Mechaniker ist ein 17jähriges Mädchen namens Fio und ein ruhmsüchtiger, amerikanischer Pilot namens Curtis will sich unbedingt mit ihm messen obwohl Porco viel lieber nur mit seiner alten Freundin Gina Wein trinken würde.

Ursprünglich war ‚Porco Rosso‘ als Kurzfilm geplant, für das Unterhaltungsprogramm der „Japan Airlines“. Daran erinnert noch die Text-Einleitung, die in 10 Sprachen gleichzeitig dargestellt wird. Dann wurde er allerdings erweitert zu einem humoristischen Action-Abenteuer rund um den schweinischen Hauptdarsteller. Als dann aber während der Produktion der Jugoslawische Krieg ausbrach und auch Gebiete umfasste, in denen der Film spielte, sah Miyazaki es als gegeben an, dem Film einen ersteren Ton zu geben. Dieses Stückwerk ist dem Film durchaus teilweise anzumerken, funktioniert meiner Meinung nach allerdings zu seinem Vorteil. So herrscht anfangs im Mittelmeer noch blau-bunte heile Welt, die Luftpiraten sind so wenig bedrohlich, dass eine Gruppe Schulmädchen ihre Entführung eher als Ausflug denn als Trauma erleben und Porco lässt ihnen, nachdem er sie abschießt, immer genug Geld, dass sie ihr Flugzeug reparieren können. In Mailand hingegen, wo Porco sein Flugzeug warten lässt und die Faschisten herrschen ist es grau und düstere Gestalten drücken sich in Seitengassen und durch Hinterhöfe, eine Festnahme durch die Geheimpolizei hätte hier sicher ernstere Folgen. Die Rückblende zum Ersten Weltkrieg ist getragen und angemessen, die Szene in der wir Porcos „Fluch“ sehen ist ebenso schön wie tragisch (allerdings nicht unbedingt überraschend: Kriegsüberlebender Porco äußert vorher sicher ein halbes Dutzend Mal den Satz „Die Guten sterben immer zuerst“). Die meisten Charaktere erhalten allerdings nicht allzu viel Tiefe. Porco ist ein recht runder (höhö) Charakter, was die Zweidimensionalität der anderen noch deutlicher macht. Allerdings erfüllen sie alle ihre Rolle in der teilweise etwas melodramatischen Handlung sehr gut.

Miyazaki-typisch gibt es keinen wirklichen Schurken: die Piraten sind harmlos, Curtis ein ruhmsüchtiger aber letztlich anständiger Pilot und die Faschisten bleiben eine gesichtslose Bedrohung im Hintergrund. Wir lernen nur einen einzigen Charakter kennen, der mit der neuen Regierung arbeitet, einen Kameraden Porcos aus dem Krieg (ihm gegenüber macht Porco die Bemerkung aus der Überschrift), der ihm letztendlich zur Flucht verhilft. Ungewöhnlich für Miyazaki ist das Zeit und Ort der Handlung recht genau bestimmt werden können. Sicherlich stellt der Film nicht unsere wirkliche Welt dar, Schweineflüche und Luftpiraterie sind da ein guter Hinweis, doch landen wir eben zielgenau im östlichen Mittelmeer der späten 20er Jahre und sehen Porco in der Rückblende gegen österreichisch-ungarische Flieger kämpfen, während Ghibli-Settings sonst häufig märchen- oder mythenhaft sind.

Da es sich um einen Ghibli-Film handelt ist es beinahe überflüssig zu erwähnen, dass ‚Porco Rosso‘ hervorragend aussieht. Die Flieger sausen derart elegant über Stadt, Land und Meer, dass es eine Freude ist, die Charaktere sind kreativ designt und wiedererkennbar, funktionieren in ernsten Momenten ebenso gut wie in rein cartoonhaften, wie einer Prügelei zwischen Porco und Curtis. Unterlegt wird das Ganze sehr passend von der dynamischen Musik Joe Hisaishis, Hauskomponist von Miyazaki aber auch von klassischeren Stücken, wie „Le Temps des cerises“, welches Hotelbesitzerin Gina im Film singt.

Neben Anspielungen auf frühe Aviatik finden sich auch Hommagen an bekannte Filme, wie ‚Casablanca‘ und auf wen der Charakter von Curtis Bezug nimmt, dessen weitere Lebensplanung umfasst zunächst Schauspieler in Hollywood , dann Präsident der USA zu werden, das überlasse ich der Interpretation der Leser.

Handelt es sich also um einen der schwächeren Miyazaki Filme? Schon irgendwie. Aber wenn die Höhen so hoch sind, wie bei Miyazaki, dann sind auch Mittelmäßigkeiten immer noch besser als vieles andere, was es gibt. Miyazaki mochte den Film auf jeden Fall und hat noch einige Jahre vor seinem Ruhestand verkündet er würde gern eine Fortsetzung machen, die im spanischen Bürgerkrieg spielt. Ich würde sie gerne sehen. Der Film hat in seinen nicht mal 90 Minuten Laufzeit gar keine Zeit den Zuschauer zu langweilen. Und selbst wenn die Handlung überhaupt nicht funktionieren würde, was sie meiner Meinung nach allerdings tut, könnte man sich über die Zeit immer noch am Aussehen des Films erfreuen. Es ist sicher kein Film der derart im Gedächtnis bleibt wie ‚Mononoke‘ oder ‚Chihiro‘ aber es bleiben doch 90 Minuten, in denen uns Miyazaki zeigt, was passiert, wenn Schweine fliegen können.

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2 Gedanken zu “Lieber Schwein als Faschist: ‚Porco Rosso‘ (1992)

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