‚Straßen in Flammen‘ (1984)

Wisst ihr was? Heute gibt es mal keinen Trailer zum Einstieg. Stattdessen ist hier die Eröffnungsszene von ‚Straßen in Flammen‘. Bitte unbedingt ansehen, ich erkläre gleich warum!

Jepp, das war so verdammt 80er, dass mein Körper spontan das Äquivalent zu einer minimalen Dosis Kokain autosynthetisiert hat! Aber der Grund, warum ihr die Szene schauen solltet, ist das ihr direkt an eurer Reaktion auf diese Jim Steinman-Nummer ablesen könnt, ob ‚Straßen in Flammen‘ etwas für euch ist. Der Song ist wahnsinnig kitschig und voll von pathosgeschwängertem Bombast, genau wie ‚Straßen in Flammen‘ selbst! Und genau das macht mir, zumindest in diesem Fall, jede Menge Spaß! Sollte bei euch aber nur Augenrollen ausgelöst worden sein, dann ist das hier vermutlich nicht der Film für euch.

Direkt nach der Gesangsnummer wird Sängerin Ellen Aim (Diane Lane) von den Motorradrockern der „Bombers“-Gang noch von der Bühne entführt. Warum? Nun, der Anführer der „Bombers“ heißt Raven Shaddock (ja, wirklich) und wird von Willem Dafoe gespielt, der für den Großteil des Films eine Latexlatzhose und sonst nix trägt (wie so eine Art dämonischer Peter Lustig), was genau soll der denn wohl sonst tun, als berühmte Frauen zu entführen? Schnell wird Ellens Ex-Freund informiert, der arschcoole Ex-Soldat Tom Cody. Der fordert von Ellens aktuellem Freund und Manager Billy Fish 10.000 Dollar, wenn er Ellen (die ihm das Herz gebrochen hat!!) befreien soll. Billy Fish ist ein gieriger, selbstsüchtiger Nerd und hat Ellen natürlich so gar nicht verdient. Problem an der Sache ist, dass Billy von Rick „Lord Helmchen“ Moranis verkörpert wird und damit automatisch sympathischer ist als der von Michael „was genau ist Schauspielerei?“ Paré dargestellte Cody. Wie auch immer, die beiden tun sich mit Ex-Soldatin McCoy („vor einem Jahr sind mir die Kriege ausgegangen“) zusammen, um Ellen zu befreien. Später kommt es natürlich unweigerlich zum Showdown zwischen Cody und Raven. Stichwort: Vorschlaghammer-Duell! Bevor der Film auf ein ‚Casablanca‘-eskes Ende zusteuert.

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Unsere Helden: Billy, Ellen, McCoy und Cody

Regisseur Walter Hill hatte soeben einen Megaerfolg mit ‚Nur 48 Stunden‘ hingelegt und hatte freie Wahl, was sein nächstes Projekt anging. Er wollte einen Film machen, den er selbst als Teenager perfekt gefunden hätte. Es mussten also Verfolgungsjagden mit coolen Autos rein, Oneliner, Motorräder, ein Kuss im Regen, Rock & Roll und Neon, jede Menge Neon. Walter Hill ist Jahrgang 1942, daher vermischen sich im Film, auf äußerst ansprechende Weise, stilistische und ästhetische Elemente der 50er Jahre (als Hill eben selbst Teenager war) und der damals aktuellen 80er. Autos, Mode und Dialoge sind weitgehend 50er, die Action absolut 80er. Die Musik kommt aus beiden Jahrzehnten zusammen. Es ergibt sich eine Welt, die ähnlich stilisiert wirkt, wie ‚Sin City‘ oder ‚Dick Tracy‘. Filmhistorisch ist der Film insofern bedeutsam, dass auf einem damals neuen, lichtempfindlicheren Material gedreht wurde, das zuließ, dass Straßenszenen nur von Neonschildern beleuchtet werden konnten. Der Film passt sich perfekt in die derzeit so beliebte 80er Retro Manie ein. Als er allerding damals in den 80ern rauskam ist er böse gefloppt. Die Wichtigkeit der Musikszenen brachte dem Film damals den Vorwurf ein auf der Welle des, in den USA gerade gegründeten, MTV mitschwimmen zu wollen.

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Raven Shaddock hat ’ne Tröte und er mag Dich nicht (ja, Dich)!

Neben den 50ern und 80ern ist, von der Geschichte her, ebenfalls ein Western Einschlag im Film erkennbar, wenn Cody als Fremder in seine ehemalige Heimatstadt kommt und sie vom Unrecht befreit. Tom Cody ist vermutlich die manifestierte Machtfantasie, ein Faustschlag von ihm klingt wie ein Kanonenschuss, wenn er auf etwas schießt explodiert es, immer!  Interessant ist der Charakter McCoy, letztendlich der typische versoffene, prügelfreudige Actionfilm-Sidekick aber, für die 80er sehr ungewöhnlich, mit einer Frau besetzt und von Amy Madigan mit derart zähneknirschendem Knurren gespielt, das Clint Eastwood stolz wäre. Ungewöhnlich für Walter Hill ist, dass die romantischen Verwicklungen der Charaktere ein zentrales Element der Handlung bilden. In ‚The Warriors‘, zum Beispiel, sollte auch ein romantischer Subplot vorkommen, doch kam Hill mit dem männlichen Darsteller nicht zurecht, der deshalb vor einem Zug landete (sein Charakter, der Schauspieler wurde „nur“ gefeuert). Die „romantischen“ Szenen gingen dann an den Hauptdarsteller, der allerdings keinerlei Chemie mit der weiblichen Darstellerin hatte. In dem Fall schien Hill das nicht wirklich zu scheren. Das funktioniert hier deutlich besser! Sicher, Ellen wird etwas zu früh befreit und der Film weiß nicht immer genau, was seine Charaktere danach eigentlich machen sollen, doch machen für mich all die kleinen Fehler und auch Dämlichkeiten den Film erst aus. Ich mag die Charaktere trotz allem genug, dass es mich interessiert, was aus ihnen wird. Und, versteht mich nicht falsch, ich mag den Film nicht auf irgendeine ironische Weise. Ich mag ihn einfach! Er funktioniert, obwohl alles sagt, dass er nicht funktionieren dürfte. Alles was er tut ist laut und oftmals naiv und Michael Paré ist vielleicht der schlechteste Schauspieler, der je für gut genug befunden wurde eine Hollywood Hauptrolle zu spielen. Aber in genau diese Rolle passt er einfach genau rein. Trotz allem tut es mir nicht leid für ihn, dass er heutzutage Uwe Bollshit drehen muss.

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Kuss im Regen? Check!

Der Film spricht nicht, wie viele andere Filme, den inneren 12jährigen an. Dieser Film wendet sich an den inneren 17jährigen. Dieses flaumbärtige Großmaul, das die Welt vollumfänglich verstanden hat, seinerseits aber von der ganzen Welt missverstanden wird. Würde doch nur ein Raven Shaddock auftauchen, dann könnte er ihn umbügeln und die Klassenschönheit würde endlich erkennen, wie verdammt cool er doch ist. Das mag in der Rückschau lustig erscheinen, doch ist jener innere 17jährige auch derjenige, der die Welt nicht so akzeptieren wollte, wie sie ist. Der wusste, dass sie besser sein konnte, nein, musste. Und auch dieses weit edlere Gefühl spricht der Film an. Und so bleibt mir, wenn Diane Lane am Ende des Films in der tatsächlich noch kitschigeren, noch bombastischeren zweiten Rocknummer röhrt „tonight is what it means to be young“, nur übrig zustimmend zu nicken.

 

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5 Gedanken zu “‚Straßen in Flammen‘ (1984)

  1. Da muss man nicht erklären, warum man ihn mag… der ist einfach hammergeil. Coole Musik, klasse Style und die Story mittendrin kann man verkraften… 😉
    Seien wir ehrlich: Raven ist ein geiler Schurke 🙂 Den hat Willem Dafoe absolut gut rüber gebracht.

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Die 5 Besten am Donnerstag: 5 Guilty Pleasure Filme | filmlichtung

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