Gestern Gesehen: ‚Die Jagd‘ (2012)

Thomas Vinterberg ist nach Lars von Trier der vermutlich bekannteste Unterzeichner des Dogma 95 Manifests, in dem junge, dänische Regisseure 1995 eine Art „absoluten Realismus“ für ihre Filmarbeit festgelegten. Er war der Erste, der mit ‚Das Fest‘ einen Film geschaffen hat, der den Regeln des Dogma 95 entsprach. Dogma 95 ist inzwischen weitgehend vergessen, doch hat Vinterberg mit ‚Die Jagd‘ einen „konventionellen“ Film abgeliefert, dessen Qualität und Bedeutung es mit ‚Das Fest‘ aufnehmen können.

Lucas (Mads Mikkelsen) ist frisch geschieden und arbeitet in einem kleinen Dorf als Kindergärtner. Eines der Kindergartenkinder, die kleine Klara (Annika Wedderkopp), Tochter von Lucas‘ bestem Freund Theo (Thomas Bo Larsen), himmelt ihn an, schenkt ihm eines Tages ein selbst gebasteltes Herz und gibt ihm einen Kuss auf den Mund. Lucas weist dies freundlich aber bestimmt zurück. In ihrer Enttäuschung behauptet Klara gegenüber der Leiterin des Kindergartens, dass sich Lucas vor ihr entblößt habe. Lucas gilt als Kinderschänder wird aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen. Auf den Ausschluss folgt Gewalt, nicht nur gegenüber Lucas, sondern auch gegen seinen Sohn und seinen Hund. Als Klara merkt welchen Schaden sie angerichtet hat und versucht ihre Aussagen zurückzunehmen ist es zu spät. Angst und Hass haben bereits epidemische Ausmaße angenommen.

Der Film wirkt fast wie eine moderne Version von Arthur Millers ‚Hexenjagd‘ (OT: ‚The Crucible‘)von 1953, einem Theaterstück, dass die Hexenprozesse im Salem des 17. Jahrhunderts als Gleichnis für die in den fünfziger Jahren aktuelle Hetzkampagne gegen Kommunisten in Amerika nutzte. Jede Zeit hat ihre Verbrechen, deren bloße Erwähnung vernünftiges und überlegtes Handeln schwierig machen. Die so schrecklich sind, dass schon die Forderung nach Einhaltung des grundlegenden Rechtsprinzips „Im Zweifel für den Angeklagten“ für den vermuteten Täter bereits suspekt erscheint. Heute sind es nicht mehr Hexen oder Kommunisten, sondern Terroristen und eben Kinderschänder. Der Film zeigt wie sich Angst und Abscheu verselbstständigen, zu einer Mobmentalität führen, die vom Verbrechen gänzlich unabhängig werden kann. Dass die Anschuldigung allein zu einem Ventil für den Hass von Menschen, die mit der vermuteten Tat überhaupt nichts zu tun haben, werden kann. Diese Effekte sind sogar noch verstärkt, weil die Dorfgemeinschaft, die uns der Film am Anfang präsentiert, so eng und vertraut ist. Das Gefühl von Verletzung und Verrat, dass die Eltern und das Dorf auf der einen Seite, und der unschuldig ausgestoßene Lucas auf der anderen Seite fühlen wirkt nur umso tiefer. Die Wunden, die ein solcher Konflikt reißt werden nie wieder vollständig heilen. Es muss dabei betont werden, dass der Film sehr deutlich macht, dass er hier einen speziellen Fall behandelt und auf keinen Fall die Aussagen von missbrauchten Kindern im allgemeinen in Zweifel ziehen möchte!

Der Film lässt emotionalen Schlag auf emotionalen Schlag folgen, und wenn er den Zuschauer zu Boden gezwungen hat, tritt er sogar noch ein wenig nach. Die ganze Geschichte ist getragen von einem gewissen, typisch skandinavischen Miserabilismus. Humor, so er denn vorkommt, ist von solcher Schwärze, dass er für den ein oder anderen vermutlich schwerlich überhaupt noch als Humor erkennbar ist. Vinterberg erzählt seine Geschichte in meist kalten, manchmal auch überraschend warmen Bildern. Doch getragen wird der Film von seinen großartigen Darstellern. Mads Mikkelsen spielt hier einen liebenswürdigen Jedermann, so weit von seinem Hannibal Lecter oder seinen Action-Rollen entfernt wie es nur geht. Einen Nachbarn, letztlich so nett, dass er in einem typischen Fernsehkrimi sofort der Hauptverdächtige wäre. Er schafft es seiner Figur einerseits Gravitas und Würde zu verleihen, macht andererseits aber deutlich, dass auch Lucas nicht fehlerfrei handelt. Die übrigen Darsteller machen ihre Sache ebenfalls alle sehr gut. Doch die überraschendste Leistung zeigt die sechsjährige Annika Wedderkopp. Sie spielt ihre Rolle mit einer solchen Glaubwürdigkeit und gleichzeitig absoluter Natürlichkeit, wie man sie bei Kinderdarstellern nur sehr selten sieht. Das gelingt ihr, obwohl sie, wie der Regisseur im Interview betont, nur das Nötigste und für sie nachvollziehbare über die Handlung wusste.

‚Die Jagd‘ ist kein einfacher Film und sicher nicht für einen gemütlichen Filmabend geeignet. Er ist allerdings ein sehr sehenswerter Film mit einem guten Drehbuch und hervorragenden Darsteller. Ein gewisses Gefühl für die dänische Art des Geschichtenerzählens sollte man allerdings mitbringen. Wer mit Lars von Trier zum Beispiel gar nichts anfangen kann, der wird auch hier vermutlich nicht glücklich werden.

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3 Gedanken zu “Gestern Gesehen: ‚Die Jagd‘ (2012)

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