Gestern Gesehen: ‚A Most Violent Year‘ (2014)

‚A Most Violent Year‘ ist der dritte Film von J. C. Chandor. Sein erster Film war 2011’Der große Crash‘, ein recht gelungenes Finanzkrisendrama mit Starensemble. Sein zweiter Film war der Robert-Redford-aufm-Schiff-ein-Mann-Thriller ‚All is Lost‘, den ich nicht gesehen habe. Sein dritter Film ‚A Most Violent Year‘ liegt ensemblemäßig irgendwo dazwischen. Neben zwei eindeutigen Stars sind auch die Nebenrollen recht hochkarätig besetzt. Ob allerdings ein guter Film dabei herausgekommen ist, ist eine ganz andere Frage.

1981 gilt als das gewalttätigste Jahr in der Geschichte New Yorks. In keinem anderen Jahr waren mehr Gewaltstraftaten zu verzeichnen. Ausgerechnet für dieses Jahr plant Heizöllieferant Abel Morales (Oscar Isaac) das große Wachstum seiner Firma. Er will das Nachbargrundstück kaufen, auf dem schon seit langer Zeit große Öltanks brach stehen. Er hat bereits seine Ersparnisse als Vorschuss investiert und wartet auf das Darlehen der Bank, um den Rest zu bezahlen. Doch gerade jetzt werden seine Öllaster reihenweise überfallen, ein Unbekannter lauert vor seinem Haus und seine jüngste Tochter findet hinter einem Busch im Garten eine geladene Waffe. Als er damit zum Staatsanwalt geht, bietet der ihm nicht etwa Hilfe an, sondern verkündet, dass er ein Verfahren gegen Morales eröffnen möchte. Morales Frau Anna (Jessica Chastain), die Tochter einer Gangstergröße möchte die Probleme auf ihre Weise lösen, doch der prinzipientreue Abel ist sich sicher, dass ein „rechter Weg“ gefunden werden kann.

Der Film scheint sich als eine Art Anti-Gangsterfilm zu verstehen. Morales  Aussehen und Auftreten sind eindeutig dem jungen Al Pacino aus ‚Der Pate 2‘ nachempfunden, bis hin zum allgegenwärtigen Kamelhaarmantel. Doch sein Morales ist seinen ehrlichen Lebens- und Geschäftsprinzipien durchaus treu. Der Film scheint sich am ehesten darüber zu definieren was er nicht ist. Er ist kein Gangsterfilm. Vom New York des Jahres 1981 sieht man die meiste Zeit über höchstens die Skyline am Horizont. Gewalt sieht man ebenfalls nicht viel. Der Film erzählt seine Geschichte in kühlen und distanzierten Bildern, sparsam unterlegt von Alex Eberts gelungenem Soundtrack. Isaac und Chastain spielen ihre Rollen, wie zu erwarten, großartig und die Nebendarsteller, allen voran David Oyelowo als Staatsanwalt Lawrence liefern ebenfalls gute Leistungen ab.

Die Frage die sich also stellt ist die: warum finde ich den Film so unerträglich langweilig? Es ist nicht die Abwesenheit von Action, das würde mich einerseits nicht stören, zum anderen gibt es durchaus Schießereien und Verfolgungsjagden im Film. Ich fürchte es sind die Charaktere selbst, denn genau genommen sind es gar keine. Es sind stattdessen didaktische Metaphern, mit denen Chandor verschiedene Standpunkte klarmachen möchte. Am Ende fast jeder Szene stellen Sie Ihre exakte Meinung wortreich dar. Das hat oftmals nicht mehr viel mit Realität oder Geschichtenerzählen gemein und hat den Charakter eines gefilmten, moralischen Essays. Dabei funktioniert der Film am besten, wenn seine Charaktere eben mal nichts sagen. Wenn ein brutal überfallener Lastwagenfahrer, ein Latino, seinen Chef Morales, ebenfalls Latino, fragt, ob er jetzt in den Verkauf wechseln dürfte. Morales lehnt dies ab und schickt den Mann wieder hinter das Steuer. In einer späteren Szene sehen wir sein Verkaufsteam: allesamt weiß. Oder eine Szene in der das Ehepaar Morales ein Reh anfährt und Anna ihre weit größere Ruchlosigkeit im Vergleich zu Abel wortlos unter Beweis stellen kann. Aber viel zu häufig reden und reden und reden die Charaktere, wie um sicherzustellen dass auch der letzte Zuschauer Chandors Aussage verstanden hat, die Szene mit dem Reh erhält eine wortreiche Fortsetzung, kaum dass sie zuhause angekommen sind. Dass das Ganze dann in einem relativ platten Ende ausläuft ist umso ärgerlicher.

Normalerweise misstraue ich mir selbst, wenn meine Meinung der allgemeinen Kritikermeinung derart diametral entgegen läuft. Allerdings würde ich nicht einmal bestreiten das ‚A Most Violent Year‘ ein handwerklich gut bis sehr gut gemachter Film ist. Es ist einfach ein Film der über seine 2 Stunden Laufzeit meine Aufmerksamkeit kaum fesseln konnte. Ich könnte allerdings keine wirklich schlechte Szene benennen, keinen Moment in dem der Film mich verloren hätte. Doch die Idee vom Verbrechen als Mikrokosmos der Gesellschaft haben andere Filmemacher weit besser umgesetzt. Sei es Sydney Lumet oder Martin Scorcese und die haben es geschafft dabei weit weniger auffällig didaktisch zu sein als Chandor. Und spannender.

Morales als Einwanderer, als fremde Person, die plötzlich, durch den Kauf der gigantischen Öltanks, zu einer bedeutenden politischen Macht in New York werden könnte, was die bestehenden Eliten unter allen Umständen verhindern wollen, das andere Ende des Kriegs um Öl, das wir selten sehen, könnte, nein müsste eine weit interessantere, weit mitreißendere Geschichte sein. Doch ist hier meiner Meinung nach Chandor nur in sehr träger Film gelungen. Ich könnte jetzt mit einem sehr billigen Wortspiel schließen, das dem Film nicht gerecht würde, doch da stehe ich natürlich drüber. Ach, wem mache ich eigentlich was vor: A Most Boring Movie.

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