Gestern Gesehen: ‚Inherent Vice – Natürliche Mängel‘ (2014)

 

Thomas Pynchons Bücher gelten als unverfilmbar. Das kann ich persönlich leider nicht einschätzen, da ich noch nie ein Buch von ihm gelesen habe. ‚Inherent Vice‘ jedenfalls ist ein Film, der mich vor gewisse Schwierigkeiten gestellt hat. Das erste Mal, als ich versucht habe ihn zu sehen habe ich es 45 Minuten in den Film geschafft, bevor ich entnervt aufgegeben habe. Beim zweiten Versuch wäre es fast wieder dazu gekommen, doch diesmal bin ich dran geblieben und muss sagen es hat sich insgesamt gelohnt.

Es sind die frühen siebziger Jahre, die Hippie-Bewegung steht am Ende ihrer kurzen Blüte. Die schrecklichen Taten der Manson-Familie und die Geschehnisse von Altamont haben ihr die Unschuld genommen und an der Kent State Universität hat der Präsident selbst ihr den Krieg erklärt. Wie der Rest von Amerika steuert sie nun auf eine schwere Depression zu. Gras wird von Heroin als Droge der Wahl ersetzt. Der dauerbekiffte Alt-Hippie und Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello, der sein Büro in einer gynäkologischen Klinik irgendwo in der Nähe von Los Angeles hat, vermisst die frühere Hippie Zeit, personifiziert in seiner Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth. Diese Beziehung, die sich durch den ganzen Film zieht ist geprägt von Suchen und Sehnsucht. Doch die fast wichtigere Beziehung für Sportello ist seine Hassliebe zu Polizist und Bürstenhaarschnittträger Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen, der seine Pfannkuchen am liebsten mit Respekt als Beilage isst. Jeder Versuch meinerseits die eigentliche Handlung, die sich um Entführungen, Grundstücksdeals, Neonazis, Regierungsspitzel, einen mysteriösen Schoner, eine Verschwörung von Zahnärzten, einen lebenden, toten Saxophonspieler und ein möglicherweise eingebildetes Orakel namens Sortilège dreht, wäre von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Aber genau diese Undurchschaubarkeit macht einen guten Teil des Charmes des Films aus, man fühlt sich als würde man so etwas, wie ein „Ersatz-High“ erleben, kann Dialogen nicht wirklich folgen, lacht über Dinge, die eigentlich nicht soo komisch sind. Oder sie erreicht das genaue Gegenteil, denn die undurchsichtigen Dialoge und Motivationen der Charaktere können durchaus das Gefühl hervorrufen, man wäre der einzig Nüchterne in einem Raum voller Menschen unter chemischen Einflüssen. Der Film schafft es entweder einen mitzunehmen oder lässt einen ratlos zurück, wie es mir beim ersten Ansehen passiert ist. Nun ist keiner der Filme von Paul Thomas Anderson besonders leicht zugänglich, doch hat es zumindest mir ‚Inherent Vice‘ besonders schwer gemacht. Das kam etwas unerwartet, klingt die Handlung auf den ersten Blick doch wie eine Mischung aus ‚The Big Lebowski‘, ‚The Long Goodbye‘ und ‚Chinatown‘. Das ist sie aber nicht (oder irgendwie doch), sie ist ein absichtlich schwer nachvollziehbares Gerüst, für eine Reihe von Szenen mit hervorragenden Darstellern, deren Charaktere meist für nicht mehr als eine Minute zu sehen sind. Angereichert wird das mit Slapstick Humor, für den Anderson, bei aller Liebe, kein Händchen hat. Ein Neo-Noir betrachtet durch eine ironische Linse, so dick, dass sich alle Bedeutungen zweimal darin brechen. Was den Zuschauer mitnehmen muss ist einerseits die Atmosphäre andererseits der nostalgisch ironische Blick auf eine längst vergangene Zeit, die ihrerseits am Ende einer anderen Zeit liegt.

Joaquin Phoenix stellt einen Charakter dar, der das genaue Gegenteil seines Freddy Quell aus Andersons ‚The Master‘ ist. Sehr „laid back“, nicht ganz helle aber durchaus sympathisch, erinnert er optisch an Neil Young oder aktueller, dank Gesichtsbehaarung, an Wolverine aus den X-Men Filmen. Josh Brolin hat erkennbar Spaß, als spießiger Polizist, der eine solche Menge an Hass unterdrückt, dass er fast zu brodeln scheint. Katherine Waterston ist die wunderschöne Verkörperung des Hippietums, die sie mit Hingabe spielt. In Momenten, in denen wir in einem „richtigen“ Noir die lakonischen Offtexte des Privatdetektivs hören würden, übernimmt das hier Sängerin und Harfenistin Joanna Newsom, was den ironischen Ansatz des Films noch einmal unterstreicht.

Ich denke was deutlich wird ist eine gewisse Ambivalenz und Unsicherheit, was meine Bewertung des Films angeht. Beim zweiten Ansehen hatte ich durchaus Spaß, bin mir aber sicher, dass ich den Film nicht unumwunden empfehlen kann. Selbst, wenn meine ganze (wirre) Beschreibung sich interessant anhören sollte, kann der Film immer noch enttäuschen. Ich fürchte, ein weiteres Ansehen meinerseits ist nötig, bevor ich mir ein endgültiges Urteil erlauben kann. Möglicherweise ist es auch nur ein riesiger „Injoke“, den Leute, die Pynchon nicht gelesen haben gar nicht ganz nachvollziehen können.

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2 Gedanken zu “Gestern Gesehen: ‚Inherent Vice – Natürliche Mängel‘ (2014)

  1. Ich habe den Film leider nicht gesehen, aber das Buch gelesen. Ich habe oftmals nicht verstanden, was da eigentlich so passiert. Da wollte ich unbedingt mal schauen, wie die das umgesetzt haben. Aber scheinbar ist man selbst danach nicth wirklich schlauer^^

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