See me. See me. See me… ‚May‘ (2002)

‚May‘ ist ein Film, bei dem ich thesenmäßig mit Martin Luther gleichziehen könnte. Doch keine Sorge, es ist ja noch nicht Luther-Jahr und so habe ich nicht vor euch an allen 95 teilhaben zu lassen. Hier sind aber die wichtigsten drei:

  1. ‚May‘ ist einer der besten Horrorfilme (wenn ich der Beste) der 2000er Jahre!
  2. ‚May‘ ist eigentlich gar kein Horrorfilm!
  3. Hätte Angela Bettis ihre schauspielerische Leistung in einem „respektablen Genre“ erbracht, wäre sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden!

Das Problem von ‚May‘ macht die DVD Verpackung wunderbar deutlich: „Zieht euch warm an, Freddy, Chucky und ihr anderen – hier kommt May!“, ruft der Klappentext potentiellen Käufern freudig entgegen. Wer den Film mit dieser Erwartungshaltung schaut muss zwangsläufig enttäuscht werden (oder spult vor zum „guten Teil“), denn von seinen 90 Minuten Laufzeit sind etwa 70 eher dem Genre des Drama als das Horrors zuzuordnen. Wer einen Slasher sehen möchte ist andernorts sicher besser aufgehoben. Aber kommen wir zunächst einmal zum wichtigsten, der Handlung.

May Canady war ein sehr schüchternes junges Mädchen. Als sie aufgrund ihres Schielens eine Augenklappe tragen muss und von den anderen Kindern ausgegrenzt wird, steigert sich diese Schüchternheit zu beinahe schmerzhafter Introversion. Ihre Mutter schenkt dem Mädchen eine Puppe, Suzie, mit dem Hinweis „wenn du keinen Freund findest, mach dir einen“. Suzie sitzt in einem Glaskasten, ewig unerreichbar für May.

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Meetcute mit 2 Metern dazwischen

Jahre später, als junge Frau, kann May (Angela Bettis) ihr Leben in einem Satz zusammenfassen: „ich arbeite in der Tierklinik und ich nähe“. Sie wünscht sich eine bedeutsame Beziehung, irgendeine Beziehung, zu irgendjemanden. Ihr Augenmerk fällt dabei auf den Automechaniker Adam (Jeremy Sisto). Der erweist sich, trotz mehrerer eher schrulliger Annäherungsversuche Mays, als sehr freundlich und die beiden gehen miteinander aus. Eines Abends lädt er sie zu sich ein und zeigt ihr einen Film, den er für sein Studium gedreht hat. Dieser zeigt ein Paar, dass sich bei einem Picknick gegenseitig aufisst. May ist begeistert und als sie sich später küssen, beißt sie Adam derart heftig in die Unterlippe, dass das Blut spritzt. Adam will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Und so enden alle ihre Beziehungen jeglicher Art, sei es zu Arbeitskollegin Polly (Anna Faris), einer Gruppe blinder Kinder, die sie ehrenamtlich betreut oder auch Katze Lupe. Immer steht ihre eigene Seltsamkeit oder die Oberflächlichkeit der anderen in Weg. Jeder Mensch gefällt ihr immer nur zum Teil, nicht nur von der Persönlichkeit sondern auch körperlich, seien es Adams Hände oder Pollys Hals, doch der ganze Mensch erweist sich für May immer als problematisch. Bis Suzies Glaskasten bricht, May sich an den Tipp ihrer Mutter erinnert und an Halloween, aufgemacht wie ihre Puppe mit einer Kühltruhe im Schlepptau und Skalpellen in der Tasche aufbricht, um die guten Teile gescheiterter Beziehungen zu sammeln und in Richtung eines frankensteinschen Finales zu steuern.

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Anna Faris scheint im falschen Film

Angela Bettis große Leistung ist, wie menschlich sie den Charakter der May macht. Ihr Wunsch nach einer Beziehung, ihre Sehnsucht nach Intimität, das sind Dinge mit denen jeder Zuschauer sich identifizieren kann. So beginnt der Film dann auch, wie eine typische romantische Komödie. Mays unsichere Annäherungsversuche zu Adam muten komisch an nehmen aber bald eine Wendung zum Seltsamen. Wenn sie ihren Kopf in die Hand des schlafenden Adam legt, bevor sie jemals mit ihm gesprochen hat, dann ahnen wir als Zuschauer bereits, dass das nicht gut enden kann. Adam, der nach eigener Aussage Seltsamkeit mag, bekommt einen ersten Hinweis darauf, dass May ihm zu seltsam sein könnte, als ihre einzige Reaktion auf seinen kannibalistischen Studentenfilm (neben erkennbarer Begeisterung) die Bemerkung ist: „Ich glaube nicht dass sie seinen Finger mit einem Biss abbekommen hätte. Das erscheint mir unrealistisch.“

Bettis bringt die stille Besessenheit ihrer Figur mit Bravour in den Film. Das Konfliktpotenzial ist schnell deutlich: wo Adam und Polly Mays Seltsamkeit unterhaltsam finden und May für sie eine Zufallsbekanntschaft darstellt, sind diese Beziehungen für May von absolut fundamentaler Bedeutsamkeit. Die Artefakte dieser Beziehung, eine Packung Zigaretten von Adam, Pollys Katze Lupe oder einen Aschenbecher, den ein blindes Mädchen für sie gemacht hat bewahrt sie mit ähnlicher Sorgfalt auf, wie ihre einzige Bezugs“Person“, Puppe Suzie. Das alles kann kein gutes Ende nehmen und tut es auch nicht. Doch wenn May zu ihrer mörderischen Nacht aufbricht, dann wünschen wir uns als Zuschauer es würde eine andere, bessere Lösung für sie geben. Das ist weit mehr als Freddy Krüger oder Jason Vorhees jemals von sich behaupten konnten und macht das Ende nur umso schrecklicher. Ist überhaupt schwer im Bereich des Horrorfilms einen angemessenen Vergleich für May zu finden. Dass das „Monster“ eine vollständige, runde Person ist, ebenso leidensfähig wie seine Opfer, das gibt es selten genug. Mögliche Vergleiche wären ‚Carrie‘ oder vielleicht tatsächlich ‚Frankenstein‘.

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Wenn ihr einen Film mit kannibalistischem Inhalt schaut und Eure Sitznachbarin hat diesen Gesichtsausdruck, untersucht den Raum nach nahegelegenen Ausgängen!

Regisseur Lucky McKee kleidet seine Handlung in elegante Bilder, die ihr Vorbild, zumindest in Sachen intensiver Farbgebung, beim italienischen Altmeister Dario Argento haben. Er weiß allerdings, dass sie die Schauspieler, allen voran Angela Bettis die erste Geige spielen müssen. Die gewalttätigen Handlungen der späteren Szenen sind gut inszeniert und wirken überzeugend. Der einzige Fehltritt hier, ist eine Szene mit dem splitternden Glaskasten der Puppe und der Gruppe blinder Kinder, in einer Szene, die aufgesetzt und etwas exploitativ wirkt. Der Soundtrack von Jammes Luckett, irgendwo zwischen Electro und Rock, passt sich hervorragend und ebenso unauffällig in das Gesamtbild ein.

Ich möchte natürlich nicht den Eindruck erwecken der Film wäre perfekt, das ist der keineswegs. Die meisten Nebendarsteller machen ihre Sache sehr gut, allerdings scheint Anna Faris direkt vom Set der ‚Scary Movie‘-Reihe gekommen zu sein und spielt ihre Rolle als wäre sie in einem anderen, deutlich komischeren Film. Ähnliches gilt für andere, kleinere Rollen, wie Mays Chef in der Tierklinik oder einen Punk. Ich bin allerdings der Meinung das dieser Erstlingsfilm der beste Film ist den Lucky McKee gemacht hat. Und auch für Bettis ist dies mit Abstand die beste Leistung die sie je in einem Film gezeigt hat. Gerade in späteren Zusammenarbeiten der beiden spielt sie häufig übermäßig affektiert und ihre Charaktere wirken fast wie Karikaturen, etwas das man bei May befürchten könnte, das aber zum Glück nicht eintritt. Möglicherweise war dies der eine fast perfekte Film, den die beiden in sich hatten. McKees zweitbester Film, der feministische geprägte Vertreter der so unsympathischen Folterfilm-Welle der späten 2000er, ‚The Woman‘ hat zudem den kleinen Nachteil für mich fast unansehbar zu sein. Angela Bettis ist allerdings auch in dem Film sehr gut.

Wem würde ich May also empfehlen? Jedem, bei dem der obige Text zumindest leichtes Interesse geweckt hat, ganz unabhängig davon, ob man normalerweise Horrorfilme mag oder nicht. Denn wenn man sie nicht mag, greift natürlich die obige These 2. Das funktioniert für ‚Das Schweigen der Lämmer‘ ja immerhin auch ganz wunderbar.

PS.: Den deutschen Untertitel des Films „die Schneiderin des Todes“ habe ich hier bewusst ignoriert. Das klingt mir dann doch etwas zu sehr nach „John Sinclair“.

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2 Gedanken zu “See me. See me. See me… ‚May‘ (2002)

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