‚Adèle und das Geheimnis des Pharaos‘ (2010)

Ich habe kürzlich den Trailer zu Luc Bessons Verfilmung des Comics „Valerian und Veronique“ gesehen. Macht optisch zumindest definitiv was her. Das hat mich an eine andere Comic-Verfilmung von Besson erinnert. Eine von der ich mir gelegentlich nicht sicher bin, dass ich sie mir nicht eingebildet habe, höre ich doch nie jemanden davon sprechen, weder off- noch online. 2010 lieferte Besson den Film, basierend auf Jaques Tardis „Adeles ungewöhnliche Abenteuer“, ab.

Die (relative) Ruhe des nächtlichen Paris der frühen 1910er wird recht jäh durch das Auftauchen eines Flugsauriers, eines Pterodaktylus, gestört. Nachdem unter anderem der ehemalige Präfekt dem Urtier zum Opfer fällt beginnt eine groß angelegte Jagd. Währenddessen befindet sich die abenteuerlustige Reisereporterin Adèle Blanc-Sec (Louise Bourgoin) in Ägypten. Sie ist hier auf der Suche nach der Mumie des Patmosis, des Leibarztes von Pharao Ramses II. Der soll nämlich einige medizinische Geheimnisse gekannt haben, die im frühen 20ten Jahrhundert verloren sind. Und die benötigt Adèle, weil ihre Schwester Agathe (Laure de Clermont-Tonnerre) beim Tennispiel auf ihre Hutnadel gefallen ist und sich seitdem in einem Wachkoma befindet. Natürlich muss zu diesem Zweck erst einmal Patmosis widerbelebt werden. Etwas, wozu der ebenso geniale, wie greise Professor Esperandieu (Jacky Nercessian) in der Lage ist. Der zeichnet jedoch auch für die anfängliche Pterodaktylypse verantwortlich und erwartet daher in einem Pariser Gefängnis ein ebenso baldiges, wie endgültiges Rendezvous mit Mme. la Guillotine. Viel zu tun also für Adèle.

Die Tatsache, das das Schreiben einer kohärenten Inhaltsangabe nicht ganz einfach war verdeutlicht das vermutlich größte Problem des Films. Ich kenne die Vorlage nicht, weiß daher nicht, ob hier verschiedene Bände zusammengewürfelt wurden oder einfach eine späte Geschichte inklusive aller Zusammenhänge zu früheren Geschichten umgesetzt wurde, aber die beste Umschreibung der Handlung ist: Konvolut. Da tauchen Charaktere auf, nur um sofort wieder zu verschwinden (Adèles Gegenspieler Dieuleveult, z.B.) und Handlungsstränge laufen ins Leere, um teilweise während des Abspannes gelöst zu werden. Der ganze Film scheint vor Ideen quasi zu bersten, was an sich eine gute Sache ist, doch gelingt es Besson nicht sie vernünftig zu bündeln.

Die Darstellung des Paris der 1910er ist mit sehr viel Liebe und einem Auge für auch kleinste Details gemacht. Kostüme und Setdesign sind absolut großartig. Der Film sieht zu jedem Moment elegant aus, der ein oder andere der zahlreichen Computereffekte erreicht aber nicht immer das gewohnte Hollywoodniveau. Die Musik ist nett aber absolut vorhersehbar. Macht mal die Augen zu und stellt euch eine Filmszene vor: ägyptische Wüste, Vordergrund Reiter auf Kamelen, Hintergrund Pyramiden. Exakt die Musik, die ihr in eurem Kopf gehört habt ist auch die im Film. Und das funktioniert so für jede Szene.

Und das ist noch nicht alles worüber ich meckern kann. Die Darstellung der Ägypter am Anfang überschreitet unangenehm die Schwelle zur Karikatur und torkelt dann noch ein paar Schritte weiter. Der Film scheint keine Ahnung zu haben, wer seine Zielgruppe ist. 90% sind familiengerechter Humor, Slapstick und Action unterbrochen von einigen Szenen, die sich einfach nur unpassend anfühlen. Wegen der arg konvoluten Handlung wirkt der Film regelrecht zerstückelt, ein richtiger Spannungsbogen mag sich nicht aufbauen. Eine spektakuläre Sequenz reiht sich an die nächste, ohne großartigen dramaturgischen Unterbau. Alle Charaktere (mit Ausnahme von Adèle) bleiben somit komplett zweidimensional, dienen üblicherweise nur als Pointe für ihre jeweiligen Szenen.

ABER! Es gibt etwas, das den Film rettet. Etwas, das man mit einem frankophonen Wort zusammenfassen kann: Verve!

Besson inszeniert hier mit so viel Verve, dass einem als Zuschauer während des Films kaum auffällt, dass da erzählerisch einiges in die Binsen geht. Und am meisten Verve von allen bringt Hauptdarstellerin Bourgoin mit. Ihr Esprit in der Darstellung der Adèle sorgt dafür, dass sie die Hauptfiguren vergleichbarer Filme (wie auch immer z.B. Brendan Frasers Charakter in ‚Die Mumie‘ hieß) übertrumpft und beinahe in die Liga eines Indiana Jones vorstößt. Allein diese Darstellung sorgt dafür, dass ich mir wünschte es gäbe eine Fortsetzung, die der Figur eine Handlung bietet, die ihr gerecht wird.

Besson scheint seine besten Zeiten als Regisseur hinter sich zu haben. ‚Rausch der Tiefe‘, ‚Leon der Profi‘ oder auch ‚Das fünfte Element‘ liegen jetzt doch eine ganze Weile zurück. Seinen letzten Film ‚Lucy‘ habe ich nicht gesehen, da allein die Erwähnung des Konzepts „wir nutzen nur 10% unseres Gehirns“ bei mir die Nutzung eines Beißholzes notwendig macht, um die Contenance zu waren. Allerdings hat es ‚Adèle‘ meiner Meinung nach verdient von mehr Menschen gesehen zu werden. Ich bin überzeugt hier gibt es für viele noch etwas zu entdecken. Nicht zuletzt eine hochinteressante Figur, die er hier gemeinsam mit Louise Bourgoin geschaffen hat. Auch wer eine liebevolle Darstellung des Europas des frühen 20ten Jahrhunderts sucht wird hier fündig – muss sich aber mit einigem Blödsinn herumschlagen.

Ich hoffe einfach mal weiter auf ‚Valerian‘. Da kenne ich sogar mal die Vorlage.

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2 Gedanken zu “‚Adèle und das Geheimnis des Pharaos‘ (2010)

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