Gestern Gesehen: ‚Midnight Special‘ (2016)

Ich habe mich um weitgehende „Spoiler“-Freiheit bemüht. Eine Garantie kann ich aber nicht übernehmen, verrate jedoch bestimmt nicht mehr als der Trailer.

Let the Midnight Special shine her ever-loving light on me, so heißt es im „Midnight Special Blues“, bekannt gemacht von Musiker Leadbelly und seitdem ein Standard. Diese Bluesnummer, wie so viele, hat ihre Wurzeln in einem Lied schwarzer Sträflinge im tiefen Süden der USA. Der im Lied beschriebene Midnight Special war ein Personenzug, die verkörperte Hoffnung auf Freiheit. Es ließen sich jetzt lose Zusammenhänge zum Film knüpfen, gibt es hier doch ebenfalls ein scheinendes Licht, das zentral für die Geschichte ist aber damit enden mögliche Ähnlichkeiten auch schon. Warum Regisseur und Autor Jeff Nichols diesen Titel gewählt hat bleibt – zumindest für mich – weiter ein Geheimnis. Bluesig wird es jedenfalls bestimmt nicht und besetzungstechnisch wird es sehr weiß.

Roy (Michael Shannon) und Lucas (Joel Edgerton) haben den Jungen Alton (Jaeden Lieberher) entführt. Das klingt schlimmer als es ist, haben sie ihn doch von der texanischen Ranch eines dubiosen, religiösen Kultes entführt und wollen ihn wieder mit seiner Mutter Sarah (Kirsten Dunst) vereinen, was mit Altons Einverständnis passiert. Der Kult ist inzwischen im Visier des FBI gelandet, das auf dieselben mysteriösen Fähigkeiten Altons aufmerksam geworden ist, die ihn auch für den Kult interessant gemacht haben. Schnell wird eine Großfahndung nach Alton, Roy und Lucas gestartet, unter der Leitung des nerdigen Ermittlers Paul Sevier (Adam Driver). Doch auch der Kult will sich Alton nicht nehmen lassen und schickt zwei Verfolger auf die Spur der Entführer.

Der erste Akt des Films ist gleichzeitig sehr gut und schlicht erstaunlich. Der Film ist bemüht dem Zuschauer nicht alle Antworten auf dem Silbertablett zu servieren. Es gibt hier keine „Origin Story“ Altons, die seine Fähigkeiten und sein Verhalten erklären würde. Aus oftmals etwas undurchschaubaren Dialogen muss der Zuschauer nützliche Informationen herausfiltern, immer wieder getrieben von hektischen Verfolgungsjagden und wachsender Paranoia. Gleichzeitig baut Nichols mit dem Kult und dessen Ranch eine hochinteressante Welt auf. Die er nach 20 Minuten gänzlich fallen lässt. Wir sehen den Kult niemals wieder, er wird reduziert auf zwei Handlanger, deren Motivation bestenfalls zweitrangig ist. Eine, wie gesagt, erstaunliche Entscheidung. Nach der, für mich überraschend frühen, Wiedervereinigung mit Altons Mutter schaltet der Film dann von hektischem Thriller-Modus auf ein Familiendrama um. Und hier hat er mich leider verloren. Denn eben jene oftmals schwer nachvollziehbaren Dialoge, die im ersten Akt durchaus spannungsfördernd waren, werden dem Film hier zum Verhängnis. Mir fehlt einfach jeglicher Zugang zu den Charakteren. Die Motivationen von Roy und Sarah sind noch recht eindeutig (was nicht zuletzt daran liegt, dass Shannon und Dunst hervorragende Schauspieler sind), doch bei den Nebenfiguren, allen voran Lucas, wird es bestenfalls nebulös. Adam Drivers Charakter fühlt sich geradezu unerträglich überflüssig an. Der einzige, der einen guten, nachvollziehbaren Charakterbogen durchläuft ist Alton. Er wandelt sich vom passiven Objekt der Entführung zum treibenden, kontrollierenden Element der Handlung. Altons Erklärungen wer er sei/sein könnte, die dann den Weg zu einem effektüberladenen Finale eröffnen, haben mir aber schließlich nur noch ein „Ohweia“ entlocken können. Das nicht-enden-wollende Finale war dann nur noch schwer erträglich.

Nichols visuelle Bildkompositionen sind durchgehend elegant und der Stil des Films ist nicht zu Unrecht oftmals mit Steven Spielberg verglichen worden. Visuell sehe ich eher eine gewisse Verwandtschaft zu John Carpenter aber da bin ich auch bekennender Fanboy. Wann immer jedoch die Effekte im Film überhand nehmen (vor allem im Finale) macht sich das relativ geringe Budget von 18 Millionen Dollar deutlich bemerkbar. Das ist dann doch meist auf Fernsehniveau. Die minimale musikalische Untermalung von David Wingo kann ihrerseits sicherlich nicht Carpenter als Vorbild verleugnen. Doch anders als dessen legendäre Soundtracks begeht der von ‚Midnight Special‘ eine Todsünde: er nervt teilweise ganz gewaltig. Gerade sein Minimalismus drängt ihn quasi in den Vordergrund, ob es nun passt oder nicht. Dunst und Shannon sind, wie bereits erwähnt, gewohnt gut. Die anderen Darstellungen bleiben allesamt sehr unauffällig. Jungdarsteller Jaeden Lieberher hat noch zusätzlich damit zu kämpfen, dass er oftmals unter einer Taucherbrille und dicken Ohrenschützern agieren muss.

Es fällt mir schwer den Film als wirklich schlecht zu bezeichnen. Handwerklich ist er nämlich sehr gut gemacht, die Geschichte ist nicht neu aber der Ansatz ist interessant. Es passt nur alles nicht richtig zusammen. Für mich bleibt das Gefühl als habe man einen ‚Akte X‘-förmigen Block in ein ‚E.T.‘-förmiges Loch stecken wollen. Und als das nicht gepasst hat wurde mit dem ganz schweren Effekthammer nachgeholfen. Vielleicht ist es ein Beleg für das große Talent eines Steven Spielberg, dass er solcherart Geschichten erzählen kann und es wirkt mühelos, während ein offensichtlich talentierter Mann wie Nichols sich sehr, sehr schwer damit tut.

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3 Gedanken zu “Gestern Gesehen: ‚Midnight Special‘ (2016)

  1. Ich habe drei Anläufe (!) gebraucht und war mit einer mittleren Bewertung noch gnädig. Die positiven Sachen sehe ich auch, aber ab der Hälfte wurde es mir zu abstrus. Die Effekte haben mich weniger gestört, fand sie sogar optisch zum Rest ganz passend.

    Gefällt 1 Person

    • In einem besseren Film hätte ich mit den Effekten in der Tat null Probleme. Aber wenn mich der Rest des Films verloren hat, sitz ich halt da und knittel an allem rum, was mir vor die Nase kommt. 🙂
      Eine Szene im Finale hat mich dann an eine Simpsons Folge denken lassen. Der Rest war dann nur noch doofes Gelache meinerseits.

      Schade drum. Hätt was werden können.

      Gefällt 1 Person

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