Gestern (mal wieder) Gesehen: ‚Lake Mungo‘ (2008)

Ich beschreibe hier mal nicht, wie lange ich nach einem vernünftigen Trailer suchen musste, der nicht versucht diesen Film als MEGAHORRORSCHOCKER, SO GRUSELIG, OHHHH MEIN GOOOTTTT!!!! zu verkaufen und damit Enttäuschung garantiert…

‚Lake Mungo‘ ist ein Film, der es alles andere als einfach macht über ihn zu schreiben. Ich habe keine Ahnung wem dieser Film gefallen könnte und ich habe nicht die geringste Idee, wie ich ihn irgendjemandem schmackhaft machen könnte.  Ich liebe diesen Film, auch wenn es keiner ist, den ich häufig ansehen würde. Insofern kann ich nur bitten: vertraut mir!

Der Film ist eine Pseudodokumentation, die die fiktiven Erlebnisse der australischen Familie Palmer nachzeichnet. 2005 ertrank die 15jährige Alice Parker beim Baden in einem Stausee. Wenig später beginnen im Haus der Palmers seltsame Vorkommnisse und Alices Bruder Matthew zeichnet mit seiner Kamera eine schemenhafte Gestalt auf, die an Alice erinnert. Doch auch auf den Aufnahmen eines völlig unbeteiligten Touristenpärchens taucht im Hintergrund eine Gestalt auf, die Alice sein könnte. Ein gefundenes Fressen für die Presse und eine schwere Prüfung für Alices Eltern, die eine Exhumierung der Leiche in Auftrag geben. Doch es kommt alles ganz anders als man jetzt denkt. Seltsamer und letztlich schlimmer.

Ja, ich weiß die Inhaltsangabe könnte genauso auch aus einer dieser reißerischen „Geisterdokus“ stammen denen man zu später Stunde im Privatfernsehen gelegentlich begegnet. Und  als genau das geriert sich der Film, zumindest anfangs. Allerdings hat der Film bereits im ersten Drittel einen Twist, den diese Dokus niemals (freiwillig) machen würden. Und das ist nur der erste von mehreren. Eigentlich hat sich Regisseur Joel Anderson den Film ganz anders vorgestellt. Doch als er merkte, dass er für den Film, den er drehen wollte nicht das Budget zusammenbekommen würde änderte er das Drehbuch grundlegend bis das herauskam, was jetzt vorliegt. Ohne das originale Buch zu kennen, kann ich nur sagen: manchmal bringt eine äußere Einschränkung die größte Kreativität zum Vorschein. und genau das scheint hier geschehen zu sein. In verschiedenen Videoformaten gedreht, besitzt der Film eine typische Fernsehoptik, die er jedoch perfekt für sich zu nutzen weiß. Selbst die weitgehend unbekannten Darsteller, die nur einen groben Umriss der Handlung hatten und alle Dialoge (oder, in den meisten Fällen, Monologe zur Kamera) improvisierten,  wirken für die Illusion nur förderlich. Und gelegentlich rutscht ihm sogar eine höchst gelungene Landschaftsaufnahme in die nur scheinbar rein zweckmäßigen Szenen. ‚Lake Mungo‘ ist ein Musterbeispiel für den Umgang mit minimalem Budget (unter 30.000 australische Dollar).  Nicht zuletzt deshalb findet sich auf der Hülle der DVD ein Hinweis auf ‚Paranormal Activity‘, den megaerfolgreichen Low-Budget-Horror aus den USA, den ich persönlich unerträglich langweilig fand. Wem es da so geht wie mir sollte sich von dem Hinweis also bitte nicht abschrecken lassen.

‚Lake Mungo‘ ist genau genommen über weite Strecken gar kein Horrorfilm, obwohl er über seine gesamte Spieldauer mit unheimlichen Bildern arbeitet. Er enthält nur einen einzigen – allerdings perfekt platzierten – „Jumpscare“. Es ist ein Familiendrama, dass sich über die Abwesenheit des zentralen Charakters, eben Alice, definiert. Der Name der Familie, Palmer, ist sicherlich keinesfalls zufällig gewählt und weckt sofort Assoziationen zur Familie Palmer aus ‚Twin Peaks‘, die ein ähnliches Schicksal erlitt wie ihre australischen Namensvettern. Und ähnlich, wie Laura stellt sich Alice nach ihrem Tod als eine ganz andere Person heraus, als alle die sie kannten je vermutet hätten. Vielleicht ist ‚Lake Mungo‘ als „Variation auf die Themen von ‚Fire Walk With Me‘ aber letztlich ganz anders“ genauso treffend, wie wenig hilfreich umschrieben. Doch genau, wie in dem Film überwiegt ein Gefühl von Traurigkeit jedes Gefühl von Horror. Und eben das sorgt dafür, dass ich den Film nicht unbedingt oft sehen möchte und kann. Ein weiterer Vergleich der gezogen werden muss, nicht nur aufgrund der australischen Herkunft, ist meiner Meinung nach ‚Picknick am Valentinstag‘. Ähnlich wie in Peter Weirs Film, über das Verschwinden einiger Schülerinnen, vermischt sich hier Profanes mit Mystischem, etwas, dass in der ebenso schönen, wie lebensfeindlichen Natur Australiens nur allzu leicht zu geschehen scheint.

Eine Meditation auf die Tatsache, dass sich Teenager oft genug nicht nur selbst nicht kennen, sondern auch Eltern und Verwandte große Schwierigkeiten haben sich wirklich in sie einzufühlen und ihre Bedürfnisse und Wünsche nachzuvollziehen. Aber auch über die oftmals ebenso schwierige, wie merkwürdige Bewältigung von Trauer. Allerdings eingebettet in einen großartig gelungenen Film, der ein weitaus größeres Publikum verdienen würde, als die Plattheit eines ‚Paranormal Activity‘. Auch wenn er vermutlich einen guten Teil dieses putativen Publikums enttäuscht zutiefst zurücklassen würde.

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3 Gedanken zu “Gestern (mal wieder) Gesehen: ‚Lake Mungo‘ (2008)

  1. Naja, die Machart von 5 Zimmer… und dem hier sind ähnlich, insofern recht viel improvisiert ist und man sich den Anstrich einer Fernsehdoku gibt. Da Lake Mungo geografisch zumindest aus etwa der gleichen Richtung kommt kann es schon sein das der zum Vergleich erwähnt wurde.

    Lake Mungo ist halt nur nicht im geringsten lustig (mit Absicht). <- damit will ich nicht sagen das 5 Zimmer… unabsichtlich unlustig wäre, ganz im Gegenteil, ich fand den sehr lustig.

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  2. Pingback: Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 2: Geister | filmlichtung

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