Gestern Gesehen: ‚Prisoners‘ (2013)

Und weiter geht es in meinem inoffiziellen Projekt „ich möchte alle Filme von Denis Villeneuve sehen“. Heute (okay, gestern): ‚Prisoners‘, seine erste Zusammenarbeit mit Kameragenie und Coen-Veteran Roger Deakins, mit dem er letztes Jahr den hervorragenden ‚Sicario‘ gedreht hat. ‚Prisoners‘ darf wohl als Villeneuves Durchbruch in Hollywood betrachtet werden und fährt ein ordentliches Starensemble auf. Dem Film wäre mit einer genaueren Umschreibung der Handlung sicher kein Gefallen getan, von daher halte ich mich vage.

Im ländlichen Pennsylvania wird am Thanksgiving-Tag die kleine Tochter von Grace (Maria Bello) und Keller Dover (Hugh Jackman) zusammen mit der Tochter eines befreundeten Ehepaars (Viola Davis, Terrence Howard) entführt. Polizei-Detective Loki (Jake Gyllenhaal) wird auf den Fall angesetzt und hat schnell einen Verdächtigen gefunden. Einen Mann (Paul Dano), mit den geistigen Fähigkeiten eines 10jährigen. Als er dem jedoch nichts nachweisen kann muss er ihn laufen lassen. Sehr zum Unmut von Keller, der sich gezwungen sieht selbst zu handeln.

Wenn es Euch so geht wie mir, als ich die Handlung das erste Mal las, dann habt ihr jetzt vermutlich eine Vision von Liam Neeson, dessen Tochter (mal wieder) entführt wurde, während er dem unglücklichen Entführer am Telefon klar macht, welche Haushaltsgegenstände er ihm in welche Körperöffnungen einzuführen gedenkt. Und das ist sicherlich gewollt so. ‚Prisoners‘ nimmt diese Idee des Mannes, der das Gesetz in die eigenen Hände nimmt, schaut, welche Art von Mensch am ehesten Bereit wäre das zu tun und führt es von dort konsequent weiter. Keller Dover ist eine Art Mensch, die man, wenn man den Medien glauben darf, im ländlichen Amerika nicht selten findet. Den Keller des Hauses zum Bunker ausgebaut, erwartet er das Ende der Zivilisation. Fast möchte man meinen er sehnt es herbei. Tief religiös und hypermaskulin gibt es nur einen Menschen, dem er den Schutz seiner Familie, die Lösung ihrer Probleme anvertrauen würde: ihn selbst. Das Gefühl der Hilflosigkeit, das mit der Entführung seiner Tochter einhergeht ist für ihn noch unerträglicher, als es für Menschen wäre, die eher bereit sind der Staatsmacht zu vertrauen. Hugh Jackman stellt dies hier mit einer rohen Emotionalität dar, die aus rotgeränderten Augen zornerfüllt in die Welt stiert und verzweifelt irgendetwas sucht, was sie tun kann. Allerdings wirkt die Staatsmacht hier tatsächlich nicht sehr vertrauenswürdig. Repräsentiert wird sie von Detective Loki, von dem wir anfangs lernen, dass er all seine Fälle bislang stets lösen konnte. Warum das so ist wird nicht sofort klar. Wie ein geprügelter Hund schlurft Gyllenhaal hier durch die Szenen, den Kopf gesenkt, um eine stetig schwelende Aggression zu verbergen. Er ist der einzige Charakter, den wir praktisch niemals „privat“ erleben, nur in seiner Rolle als Polizist. An seinem Hals die Tätowierung einer Windrose, am Finger einen dicken Freimaurerring, auf seine Knöchel etwas tätowiert, dass ich nicht entziffern konnte. „Liebe“ und „Hass“ wird es wohl nicht sein, doch hat man das Gefühl, dass es in ihm ringt, wie in Robert Mitchums Charakter in ‚Night of the Hunter‘. Er ist ein Mann der eine Richtung sucht und nicht nur was den Entführungsfall angeht. Unausweichlich, dass die beiden aneinandergeraten, obwohl sie letztlich das exakt selbe wollen.

Dem Leid der Familien lässt der Film viel Raum und doch hätte ich mir gewünscht von Bello, Davis und Howard noch ein wenig mehr zu sehen. Aber die Aufklärung der Entführung nimmt doch den Hauptteil der Handlung ein und so bietet sich ein Vergleich zu ‚Sieben‘ an. Gelegentlich wirkt ‚Prisoners‘ fast wie eine ländliche Variante von Finchers  sehr urbanem Film. Die religiösen Beiklänge und den fast ständigen Regen findet man hier jedenfalls wieder. Einen weiterenDNA-Anteil bezieht ‚Prisoners‘ sicherlich aus Eastwoods ‚Mystic River‘. Hier wie dort wird es im Laufe des Films immer deutlicher, dass jeder Charakter etwas zu verbergen hat, dass niemand moralisch unfehlbar ist. Jeder der Charaktere hier ist ein Gefangener seiner Triebe, seiner Persönlichkeit, die ihn zu teils furchtbaren Handlungen zwingen. Und auch der Zuschauer wird gefangen gesetzt, da es unmöglich ist sich der Handlung, so unangenehm und abstoßend sie auch scheinen mag, zu entziehen.

Dieses moralische grau in grau setzen Villeneuve und Deakins in zutiefst beeindruckende Bilder um und alle Darsteller geben sich in absoluter Höchstform. Das Drehbuch allerdings kommt gelegentlich etwas vom Wege ab und schrammt, gerade in der letzten halben Stunde des zweieinhalbstündigen Films, doch recht scharf am Peinlichen entlang. Teilweise genug für ein paar Kratzer im Lack, doch über die Klippe geht es zum Glück nie. Die Puzzleteile, denen Detective Loki bei der Suche nach den Mädchen folgt wirken aber oft genug genau wie das: Puzzleteile. Inmitten der absolut organisch wirkenden Darstellungen und Bilder wirken sie dann umso mehr wie Kunstgriffe. Das mag vielleicht als Hinweis dafür dienen, was ein schwächerer Regisseur aus dem Stoff gemacht hätte.

‚Enemy‘ und ‚Sicario‘ bleiben in meiner Wertschätzung  zwar zunächst höher als ‚Prisoners‘, allerdings sind Villeneuves Filme auch nicht perfekt dazu geeignet, sie direkt nach dem Ansehen umfänglich zu bewerten. ‚Prisoners‘ wird sicher noch für einige Tage in meinem Hirnkasten herumklappern und danach kann die Bewertung ganz anders aussehen. Empfehlenswert ist er auf jeden Fall. Und die Tatsache, dass Villeneuve und Deakins für die ‚Blade Runner‘ Fortsetzung wieder zusammenarbeiten lässt mich beinahe vermuten die könnte auch was werden. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde.

Advertisements

8 Gedanken zu “Gestern Gesehen: ‚Prisoners‘ (2013)

  1. „Prisoners“ ist bisher mein „liebster“ Villeneuve-Film. Er hat mich wirklich tief beeindruckt und verstört. Gerade als Vater leidet man da doch sehr mit. Nun bin ich schon sehr gespannt auf seinen „Arrival“ und was er wohl aus „Blade Runner 2“ macht.

    Gefällt 2 Personen

  2. Der Film ist krass. Am Anfang hatte ich wegen der Länge Bedenken, doch die Zeit verfliegt. Das Ende ist krass. Der Weg dahin ist klasse. Der Film, TV MOVIE sei Dank, hat mich sehr positiv überrascht.

    Gefällt 1 Person

    • Es ist bei mir eine seeeehr flache Kurve zwischen den Filmen. Hängt glaube ich auch mit den Umständen zusammen, wie ich sie gesehen habe. Enemy hat mich gänzlich unvorbereitet „erwischt“, das ist schwierig auszugleichen, jetzt wo ich mit einer Erwartungshaltung an Villeneuves Filme gehe. Und meine Wertungen sind eh im ständigen Flux.

      Diese Woche sehe ich wohl noch Arrival. Dann fehlen mir noch Incendies und Polytechnique (falls man an den irgendwie drankommt).

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s