Letzte Woche gelesen: ‚VHS – Video Cover Art‘ von Thomas Hodge

Ah, „Letzte Woche gelesen“, jene Kategorie, die so selten bedient wird, dass sie eigentlich gar keine Kategorie ist. Gerüchte, dass es sie nur gibt, um Behauptungen vorzubeugen ich sei eigentlich Analphabet und würde diese wirren Texte hier auf Schellack-Platten aufnehmen, dann von 30 Affen mit 30 Schreibmaschinen abtippen lassen, bevor ich sie einscanne und mit zusätzlichen Kommafehlern, versehe sind natürlich völliger Blödsinn und werden fraglos vom versierten Leser als die hundsgemeinen Fake-News durchschaut, die sie sind. Doch kommen wir zum Thema:

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da gab es etwas, das hieß „Videothek“. Das war so etwas wie Netflix oder Amazon Prime, allerdings musste man dafür das Haus verlassen. Und in diesen Videotheken gab es die Filme (vor langer, langer Zeit) nicht etwa auf Bluray oder DVD, sondern auf VHS Kassetten. VHS war ein Videoformat, dass seinem Konkurrenzsystem Betamax technisch in jeder Hinsicht unterlegen war. VHS war aber in der Produktion billiger und so entschied sich die Pornoindustrie auf VHS zu setzen. Da es damals noch kein Internet gab, war das ’ne große Sache und das Rennen war entschieden.

Die Videothek in unserer Kleinstadt wurde von einem reichlich schmierigen Mann mit schulterlangen, fettigen Haaren und Nickelbrille, sowie dessen Kater geführt. Wie üblich, wenn Vertreter der felinen, sowie der humanen Spezies involviert sind, ist relativ unklar, wer die Leitung wirklich innehatte. Fest steht, sollte sich der Kater auf einem Regal zur Ruhe begeben haben, dann wurde hier jegliche Ausleihe unmöglich. Der Mann seinerseits war von einer beinahe erschreckenden Unfreundlichkeit, die sicherlich geschäftsschädigend gewirkt hätte, wäre er nicht Besitzer der einzigen Videothek am Ort gewesen. Weiterhin hielt er die Hoheit über ein alles andere als unwichtiges Privileg.

Das Erreichen der Volljährigkeit brachte nämlich mit sich, dass man die Erlaubnis erhielt eine Milchglastür im hinteren Bereich des Ladens durchschreiten zu dürfen und sich in einer ganz neuen Welt wiederfand. Das zusätzliche Durchqueren eines Perlenvorhangs brachte einen übrigens in den Bereich, wo sich die Filme des oben bereits angeschnittenen Genres fanden. Jene Filme, die einem zum Beispiel nahe brachten, dass in der Lederhose (oder auch ohne) gejodelt würde, dies allerdings doppeldeutig meinten (glaub ich zumindest). Um die soll es hier heute nicht gehen (aber wir sind im Internet, also möglicherweise enttäuschter Leser verzage nicht, ich bin sicher irgendwo in den Weiten findest Du exakt  was Du suchst!). Nein es geht um jene Art von Action, Horror, Thriller, SciFi oder auch Komödie, die in Deutschland auf jeden Fall mit einer Freigabe „ab 18 Jahren“ versehen wurde, sofern sie nicht direkt auf dem gefürchteten Index der BPjM (oder noch BPjS) landeten.

Ich war in meinem Freundeskreis der Jüngste. Meine Freunde erhielten das Privileg des Hinterzimmers daher 1 bis 2 Jahre vor mir. Wenn wir also am Freitagabend, nach Kauf einiger Alkoholika, die Videothek aufsuchten, welchen Wert hätte es für mich gehabt die Katzenbehaarten Regale im normalen Vorraum zu durchstöbern? Wie könnte ein lahmer „ab 16“ Film, wie ‚Der Pate‘ jemals der mysteriösen Magie standhalten, die die Werke des Hinterzimmers für richtige, echte Erwachsene mit sich brachten?

Als ich endlich die magische Tür durchqueren durfte, da war die Boomzeit des Heimvideos, als auch amateurhaftere Filmemacher ihr direkt auf VHS gefilmtes Werk mühevoll auf knapp 80 Minuten streckten, um es in eine Videothek zu bekommen und in Italien inhaltliche 1:1 Remakes von Hollywoodblockbustern mit einem 1000tel des Budgets gedreht wurden, lange, lange vorbei. Doch einige Vertreter dieser Spezies waren noch da. Zwischen ‚Blade‘, ‚Der blutige Pfad Gottes‘ und Klassikern, wie ‚Hard Boiled‘ sprangen mir sofort einige besonders grelle, auffällige und oftmals herrlich geschmacklose Cover ins Auge.

Und um genau diese geht es in dem Buch ‚VHS – Video Cover Art‘ von Thomas Hodge. Ich gebe zu, das war eine geradezu erschreckend lange Vorrede, allerdings ist dies genau die Art von Nostalgie, die das Buch in mir geweckt hat. Erinnerungen an billige, braune Auslegeware, den Geruch kalten Zigarettenrauchs und ein aggressives Schild, das darauf hinwies, dass ein Nichtzurückspulen der Leihbänder eine Strafzahlung von 1 Mark nach sich zieht.

Das im recht edlen Hardcover und Querformat daherkommende Buch konzentriert sich inhaltlich sehr aufs Wesentliche. Etwa in Originalgröße bildet es, je auf einer seiner 264 Seiten, die Gesamthülle (Vorder-, Rückseite und Rücken) zumeist britischer VHS-Veröffentlichungen der Genres Action, Horror, Komödie, Kinder, Science Fiction und Thriller ab. Textlich bietet es nur zwei Vorworte, knappe Informationen zu den Filmen (mögliche Alternativtitel, britischer Verleih und Jahr der Veröffentlichung) und den Namen des Coverkünstlers, soweit bekannt. In etwa 50% der Fälle ist der Name nicht bekannt und viele der – oft italienischen – genannten Namen sagen mir nichts. Es gibt allerdings Ausnahmen, wie Frank Frazetta oder Bryan Talbot. Wer möchte kann natürlich auch die Klappentexte lesen, die oftmals zwischen reißerisch und beinahe verzweifelt schwanken.

Als jemand, der heutige Filmposter und Heimmediencover oft genug als vollkommen fantasielose Photoshop-Machwerke, die wirken, als hätte sie ein frustrierter Praktikant in der Mittagspause erstellen müssen, erlebt fühle ich mich hier direkt wohl. Bunte Kreativität, ein Wille zur Provokation oder schlichter Irrsinn schlagen einem von den Covern von Machwerken entgegen, die oftmals vermutlich seit VHS keine neue Veröffentlichung mehr gesehen haben, abgesehen von einigen großartigen Filmen, die hier auch drin sind, wie ‚Evil Dead‘ oder ‚Return of the Living Dead‘ (auch bekannt als der beste Zombiefilm überhaupt). Wie sehr die farbenfrohen, dynamischen Cover mit dem Inhalt der Filme, die sie repräsentieren tatsächlich zu tun haben, lassen teilweise einige traurig wirkende Screenshots auf den Rückseiten erahnen – nicht viel.

Sicherlich nicht alle Cover erfüllen künstlerische Minimalstandards (was aber auch einen Teil ihres Charmes ausmacht) aber solange ein kreativer Funke erkennbar ist, lässt sich aus jedem Bild noch etwas herausholen. Ein Problem des umfangreichen Actionteils ist dann aber doch, dass sich ein Trend nicht verleugnen lässt: muskelbepackter Typ mit nacktem Oberkörper feuert zähnefletschend seinen phallischen Argumentationsverstärker auf einen Feind, der sich links oder rechts vom Betrachter befindet ab. Stirnband nicht vergessen! Das sich da Eintönigkeit einstellt wird nur dadurch verhindert, dass er gelegentlich gegen eine Frau im Bikini in gleicher Pose oder einen Ninja ersetzt wird. Oder natürlich durch Jackie Chan aber dann ohne Waffen. Die anderen Genres bleiben durchaus abwechslungsreicher. Bei allen Genres gilt aber: wenn eine Waffe im Bild zu sehen ist, dann wird sie verdammt nochmal auch abgefeuert!

Ich bin kein großer Fan des Deskriptors „trashig“ aber hier fällt mir einfach kein anderer ein. Die Cover haben einen durch und durch trashigen Charme, dem man sich, sofern man dem auch nur im geringsten zugänglich ist, kaum entziehen kann. Autor Thomas Hodge kann in der Hinsicht durchaus als Experte betrachtet werden. Neben einer umfangreichen VHS Sammlung (die meisten Cover stammen von dort) ist er als „The Dude Designs“ auch selbst als Coverkünstler tätig. Er zeichnet verantwortlich für die Retroposter/-cover von z.B. ‚Hobo with a Shotgun‘ oder ‚WolfCop‘. Das Cover des Buches stammt ebenfalls von ihm selbst. Wer mehr über das Buch wissen möchte kann hier die offizielle Seite besuchen und sich einen recht guten Überblick verschaffen.

Unsere Videothek hat übrigens den Sprung zur DVD nie wirklich geschafft oder gewollt. Auf ihrer Ladenfläche findet sich heute ein Bestattungsunternehmen. Ich bin mir sicher hier ist irgendwo ein Witz verborgen, den ich machen könnte aber ich bin gerade nicht in der Stimmung. Ich bin einfach froh nach all den Jahren mal wieder an den „Videomann“, seinen Kater und viele lustige Freitagabende mit guten Freunden und schlechten Filmen gedacht zu haben.

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3 Gedanken zu “Letzte Woche gelesen: ‚VHS – Video Cover Art‘ von Thomas Hodge

    • Die Jugend von heute weiß gar nicht, wie gut sie’s hat. Sitzt schön gemütlich zu Hause und klickt auf ihr ‚Suicide Squad‘. Wenn wir solchen Schwachsinn sehen wollten, mussten wir in der letzten Ecke der Videothek suchen. Und kriegten dann vom Videomann noch einen Blick irgendwo zwischen Mitleid und Verachtung, wenn er den Titel gesehen hat…
      Und die Sonne war früher auch besser und der Schnee war kälter und…. 😉

      Gefällt 1 Person

  1. Pingback: Die 5 Besten am Donnerstag: 5 Bücher, die ich 2017 lesen möchte | filmlichtung

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