Gestern Gesehen: ‚Matinee‘ (1993)

Joe Dante hat ja schon aufgrund der ‚Gremlins‘ Duologie einen dauerhaften Platz auf meiner Liste cooler Leute sicher. Da kam es für mich etwas überraschend, als ich vor einigen Wochen, in einem Nebensatz einer Besprechung eines anderen Films, von ‚Matinee‘ las. Dante hat Anfang der Neunziger eine Liebeserklärung an die Monsterfilme der 50er und 60er gedreht? Mit ebenfalls „coole Leute“ Listen Dauerbrenner John Goodman? Und die ist bis heute an mir vorbei gegangen? Okay, damals als der Film rauskam hätte ich mit dem Thema vermutlich nicht wahnsinnig viel anfangen können, doch dass er mir fast 25 Jahre entgangen ist wundert mich dann doch.

Gene Loomis (Simon Fenton) und sein kleiner Bruder Dennis (Jesse Lee) sind im Oktober 1962 mit ihren Eltern frisch auf die Navy Basis in Key West gezogen. Ihr Vater ist Besatzungsmitglied auf einem Schiff vor Kuba, als die Raktenkrise ausbricht. Wir begleiten Gene dabei, wie er neue Freunde findet, sich in die Freidenkerin Sandra (Lisa Jakub) verliebt und plant den neuen(!) sensationellen(!) Film von B-Movie König Lawrence Woolsey (John Goodman) zu sehen. ‚Mant!‘ („Half man, half ant, all Terror!“) wird von Woolsey persönlich im lokalen Kino präsentiert, in „Atomo-Vision!“ und „Rumble-Rama!“. Was die Jugendlichen nicht wissen, ist das Woolseys finanzielle Zukunft vom Erfolg dieses Films abhängt. Natürlich ist fraglich, ob es überhaupt eine Zukunft geben wird, scheint doch die nukleare Apokalypse beinahe sicher.

In der ersten Hälfte baut der Film eine ganze Menge Handlungsstränge auf. Gene, der neue Freundschaften schließt, unter anderem mit Woolsey, und sich verliebt. Sein Kumpel Stan, seinerseits verliebt in Sherry, die einen brutalen aber poetisch begabten bemühten Exfreund hat, den Woolsey später unwissend anheuert. Der goldfischliebende und paranoide Kinobesitzer Howard (Robert Picardo), der schon seinen ein-Mann-Bunker unter dem Kino vorbereitet hat. Und last but alles andere als least Lawrence Woolsey selbst. Der Film beginnt jedes Mal zu leuchten, wenn Goodman, dieses gigantische Bündel reinen Charismas, eine Szene betritt. Woolsey ist eine Hommage an eine ganze Reihe von B-Movie Produzenten, die ihre Filme für den berühmten Appel und ’n Ei gedreht haben und dann ihre Showman-Qualitäten genutzt haben, um sie zu verkaufen. Allen voran hier sicher William Castle, der bekannt dafür war seine Filme im Kino selbst mit allerlei Gimmicks aufzubessern. Darsteller, verkleidet als das Filmmonster, die durch die Reihen streunen sind da noch das Mindeste. Dies treibt Woolsey mit seinen gigantischen Apparaten, die ihrerseits aus einem Monsterfilm zu stammen scheinen und das ganze Kino zum Wanken bringen, auf die Spitze. In der zweiten Hälfte dann kommen sämtliche Handlungsstränge im Kino mit ‚Mant!‘ als Fokuspunkt zur Krise. Das Finale, sowohl des Films im Film, als auch des Films selbst mag dem einen oder anderen zu viel sein, ich fand es verdient und gut.

Der Film stellt den realen Schrecken der nuklearen Vernichtung und den fiktiven (aber ebenfalls nuklearen) Schrecken eines gigantischen Monsters gegenüber. Die Idee eines Atomschlags ist zwar einerseits real, doch andererseits so unvorstellbar irrwitzig, dass reale und fiktive Ideen verschwimmen. Filme, selbst ein billiger B-Movie, wie ‚Mant!‘, sind niemals reiner Eskapismus. Können nie reiner Eskapismus sein, denn, wie Woolsey im Film darlegt, jedem Kino-Schrecken muss immer eine Realität zugrunde liegen, am besten eine Realität, die für das Publikum bedeutsam ist, damit der Film seine größtmögliche Wirkung entfalten kann. Jenes Wochenende im Oktober 1962 wurde somit für Leute, die es erlebt haben, wie Joe Dante, zu einer ganz eigenen Art von halb realem, halb irrealen Erlebnis, an dessen Ende nur klar war, dass auf einmal das schon verloren geglaubte Leben wieder vollständig unbekannt vor ihnen liegt.

Der Film bringt mehrere sehr große Lacher mit und ich könnte mich an keinen Moment erinnern, in dem ich nicht zumindest ein kleines Grinsen im Gesicht gehabt hätte. Geschickt schafft es Dante hier teilweise doch sehr nostalgisch verbrämte Momente mit dem düsteren Grundthema der Kuba-Krise zu vereinen und schafft so einen Film, der sich tatsächlich anfühlt, wie eine persönliche Erinnerung an eine Zeit, die ich selbst nie erlebt habe. Nicht nur die Monster Filme, der 50er und 60er werden hier liebevoll auf den Arm genommen, auch die Disney Komödien der 60er, die erstaunlich oft einen besessenen Haushaltsgegenstand zum Thema hatten (der bekannteste Vertreter dürfte wohl Käfer „Herbie“ sein), bekommen eine Ladung wohlwollenden Spottes ab. ‚Gremlins‘ wird er zwar nicht vom Thron stürzen können aber ich bin mir sicher, dass ich die 60er Jahre in Key West noch das eine oder andere mal besuchen werde. bleibt nur die Frage, wie er es geschafft hat fast 25 Jahre lang meiner Aufmerksamkeit zu entgehen.

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Ein Gedanke zu “Gestern Gesehen: ‚Matinee‘ (1993)

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