„I’m alright, Lee Carter!“ – ‚Son of Rambow‘ (2008)

Als ich letztens über den Animationsfilm ‚Sing‘ gelesen habe, bin ich über den Namen des Regisseurs Garth Jennings gestolpert. Der Name war mir im Hinterkopf, doch ich war mir sicher, dass das nichts mit seiner mäßigen Version vom „Hitchhikers Guide“ zu tun hatte. Ein kurzer Blick auf imdb brachte dann Klarheit. Er ist der Regisseur des, zu Unrecht, weitgehend übersehenen ‚Son of Rambow‘, der für mich auch beim darauffolgenden erneuten Ansehen noch wunderbar funktionierte.

England in den frühen 80ern. Will Proudfoot (Bill Milner), seine Schwester, seine verwitwete Mutter (Jessica Hynes) und seine Großmutter sind Raven-Brüder. Mitglieder dieser strikten, religiösen Gemeinschaft dürfen keine Filme schauen. Als in der Schule während des Unterrichts eine Dokumentation gezeigt werden soll, muss Will folglich auf dem Gang warten. Hier trifft er den Schulchaoten und allgemeinen Quälgeist Lee Carter (Will Poulter). Der hat Will in nur zwei Minuten Ärger mit dem Rektor verschafft und ihm die Armbanduhr seines Vaters abgeschwatzt.  Weiterhin überredet er ihn als Stuntman für seinen Film zu arbeiten, den er für einen Fernsehwettbewerb drehen möchte. Als er Wills Bibel findet, entdeckt er, dass diese voll von vor Fantasie überbordenden Zeichnungen ist.  Nachdem Lee ihm eine aus dem Kino abgefilmte Version des ersten Rambo-Films zeigt, gibt es für Will kein Halten mehr. Seine durch die strenge Glaubensgemeinschaft lange unterdrückte Kreativität bricht sich in Lees Film Bahn. Er wird zum „Son of Rambow“ im jetzt von ‚First Blood‘ inspirierten Amateurfilm und zwischen den beiden absolut ungleichen Jungen entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft. Immer mehr Elemente aus Wills Zeichnungen fließen in den Film. Als andere Schüler, allen voran der französische Austauschschüler und Mädchenschwarm Didier (Jules Sitruk), Wind von dem Projekt bekommen, wollen sie mitmachen. Der schüchterne Will lebt auf, doch der eigenbrötlerische Lee fühlt sich und seine neue Freundschaft bedroht.

Der Film versucht eine ganze Reihe von Elementen zu jonglieren. Das Familienleben der beiden Jungen, Didier und seine Handlanger oder das von Lee Carters Mutter geführte Altenheim. Es gelingt ihm nicht alle diese Elemente mit gleicher Eleganz in der Luft zu halten und gelegentlich droht er gar ins Melodramatische abzugleiten. Doch zum Glück überquert er diese Grenze nie ganz, weiß immer, wann ein gezielter Lacher angebracht ist. Und das Wichtigste ist: das zentrale Element des Films, die sich entwickelnde Freundschaft der beiden Jungen, wirkt zu jedem Moment wahrhaftig. Das ist nicht zuletzt dem nicht weniger als brillanten Spiel der beiden Hauptdarsteller geschuldet. Vor allem Will Poulter (‚Revenant‘) überzeugt als scheinbar draufgängerischer, letzten Endes aber sehr verletzlicher und einsamer Schulrowdy. Erwähnenswert ist auch Jessica Hynes (Daisy Steiner aus ‚Spaced‘), die in ihrer Rolle als jung verwitwete Mutter ihre unverarbeitete  Trauer und Sorge um ihre Kinder hinter einer Fassade aus religiöser Strenge verbirgt. Der ölige „Bruder Joshua“, der sich etwas zu offensichtlich an sie heranmacht und sich schon als Stiefvater von Will und seiner Schwester sieht, wird von diesem abgelehnt. Er hat seine neue Vaterfigur schon gefunden, in Form eines naiv-kindlichen Blicks auf Rambo, der in dem Film keinen Krieg oder Mord sieht, sondern nur eine, für ihn, komplett neue Möglichkeit sich auszudrücken, seine Kreativität auszuleben.

Jennings setzt die geraden, ordentlichen, festgefügten Strukturen der Schule, sowie der Wohnhäuser der beiden Familien in bewussten Kontrast zur Fantasiewelt Wills, den Rückzugsorten der Jungen und ihrer eigenen Filmaufnahmen, in denen es niemals zwei parallel verlaufende Linien zu geben scheint, ein beständiges Chaos vorherrscht. Auch gezeichnete und animierte Sequenzen setzt er ein, um den Reichtum der Fantasie Will Proudfoots zu verdeutlichen. Überhöhte  80er Stimmung bringt der Film nicht mit. Sie beschränkt sich auf einige Party-Szenen, sowie die modische Ausstattung, vor allem die Didiers. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass der Film entstanden ist, kurz bevor 80er Nostalgie zum Mainstream wurde.

Sylvester Stallone (der im Abspann eine Danksagung bekommt) und Rambo-Autor David Morell sind, soweit man hört, durchaus angetan von dem Film, was diesen allerdings, ebenso wie das vorsichtshalber angehängte w, nicht vor rechtlichen Problemen schützen konnte, die einen größeren Erfolg dieses imperfekten aber ungemein sympathischen Films verhinderten.

Der Film fängt die wunderbare, chaotische, kindliche Energie ein, die erlaubt einen Film (und die Welt) durch eine ganz eigene Linse zu sehen und ein eigenes, originelles Werk daraus zu machen. Ich hatte als Kind keine Videokamera zur Verfügung, also haben meine Freunde und ich Hörspiele gemacht, denn einen Kassettenrecorder und Leerkassetten hatte schließlich jeder. Als Vorlagen dienten uns ‚Star Wars‘ und – wenig überraschend – ‚Ghostbusters‘. Diese Werke sind sämtlich dem unaufhaltsamem Lauf der Zeit zum Opfer gefallen (leider/zum Glück?), doch gelegentlich hat mich ‚Son of Rambow‘ an sie denken lassen. Nicht zuletzt deshalb bin ich mehr als gewillt dem Film einige Unzulänglichkeiten zu verzeihen. Eine weitgehend gelungene, hochsympathische und oft genug sehr komische „coming-of-age“ Geschichte. Oh und Fanboys und -girls dürfen die Augen offenhalten für einen Cameo-Auftritt von Edgar Wright.

Ob ich deswegen allerdings ‚Sing‘ sehen werde? Ich weiß nicht. „Animierte Tiere singen Popsongs“ als Prämisse reißt mich nicht direkt vom Hocker.

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6 Gedanken zu “„I’m alright, Lee Carter!“ – ‚Son of Rambow‘ (2008)

    • Ich würde sagen, es reicht Rambo als kulturelles „Symbol“ zu kennen. Und notwendige, kontextuelle Szenen liefert Son of Rambow mit. Aber man kann schon mehr rausziehen, wenn man Rambo kennt. Und ein Double Feature aus First Blood und SoR wär wahrscheinlich perfekt. 🙂

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