Gestern Gesehen: ‚Shaun das Schaf – Der Film‘ (2015)

Shaun das Schaf – Der Film – die Besprechung – der erste Satz. Manchmal kann ich schon ein ziemlicher Idiot sein (auf allzu begeisterte Zustimmung darf gerne verzichtet werden). Ich mag die meisten Filme des Aardman Animations Studios. Ich mag Stop Motion Knetanimation und finde es recht sympathisch, dass sie nicht die Perfektion der Laika Studios erreichen, deren Produktionen, zumindest für mich, oft genug nicht mehr von Computeranimation unterscheidbar sind. Shaun hat seinen Ursprung natürlich im Klassiker ‚Wallace & Gromit unter Schafen‘ (1995) und hat seine eigene Fernsehserie. Und hier kommt meine Idiotie ins Spiel. Die Serie richtet sich an Zuschauer, die so viel jünger sind als ich, dass ich mir sicher war, der Film könne niemals meine Aufmerksamkeit für 80 Minuten in Anspruch nehmen. Es brauchte den Hinweis, dass es sich quasi um einen Stummfilm handelt, um mein Interesse zu wecken. So habe ich diesen unfassbar sympathischen Film erst jetzt mit 18 Monaten Verspätung gesehen. Selbst schuld, Trottel.

Shaun und seine Schafskollegen sind den ewigen Alltag auf der Farm leid. Einen Tag wollen sie frei haben. Shauns elaborierter Plan den Farmer abzulenken schlägt allerdings derart spektakulär fehl, dass der Farmer mit akuter Amnesie im Krankenhaus der entfernten Großstadt landet. Hütehund Bitzer macht sich eilig auf die Suche nach seinem Herrchen. Als die Situation auf der Farm immer mehr außer Kontrolle gerät, macht sich auch Shaun auf den Weg in die Stadt, alsbald gefolgt von allen anderen Schafen. Hier haben sie nicht nur Probleme mit der unbekannten Umgebung, sondern vor allem mit Tierfänger Trumper (huh), dessen erklärtes Ziel es ist illegale Tiere mit allen Mitteln aus der Stadt zu schaffen, ganz egal, was dann mit ihnen geschieht (huuuuh). Es ergeben sich eine Reihe großartiger Slapstick Momente.

Das dialogfreie Erzählen ist sicherlich eine der Königsklassen des visuellen Mediums Film. Charlie Chaplin und Buster Keaton trugen eine Zeitlang einen inoffiziellen Wettkampf aus, wer einen Film mit weniger Zwischentiteln drehen könnte. Kinetische Feuerwerke, wie ‚Fury Road‘ oder ‚Apocalypto‘ würden vermutlich auch ganz ohne Dialoge genauso gut funktionieren. Shaun erreicht nicht ganz die Königsklasse und geht einen etwas anderen Weg. Er verzichtet auf einen allzu stringenten Handlungsfaden (von „wir wollen den Farmer zurück“ abgesehen) und entwirft brillante Einzelszenen, die sicher auch für sich funktionieren würden unter Titeln wie „Im Krankenhaus“ oder „Im Restaurant“. Eine allzu große Entwicklung der Figuren darf man also nicht erwarten. Stattdessen konzentrieren sich Aardman und die Regisseure Mark Burton und Richard Starzak auf das, was sie am besten können: Slapstick.

Slapstick ist seit der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts eine aussterbende Kunst. Die bereits erwähnten Chaplin und Keaton aber auch andere Vertreter, wie Laurel & Hardy oder die Stooges haben alle ihre Zeit vor den 50ern gehabt. Sicherlich, auch in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts gab es Filme, die Slapstick-Elemente nutzten (Bud Spencer-Filme z.B.) aber der einzig wirklich große Vertreter war Jackie Chan, der fernöstlichen Kampfsport perfekt mit Slapstick-Humor verband. Jetzt scheint der „Leiter auf der Schulter“ Humor seinen Platz endgültig nur noch in der Animation zu haben. Und hier funktioniert er für mich nirgendwo besser als bei Aardman. Das liegt vielleicht daran, dass ihre Knetmodelle noch ein gewisses Maß mehr an Greifbarkeit mitbringen, als das reine Animationscharaktere können.

So geizt der Film auch nicht mit Anspielungen auf die Altmeister des Slapstick. Aber auch die eigene Studiogeschichte erhält ihre Hommagen. So erinnert der Plan am Anfang, die Farm für einen Tag stillzulegen, an die Fluchtpläne der Hühner aus ‚Chicken Run‘ und die Beziehung zwischen dem Farmer und Hund Bitzer erinnert natürlich an ‚Wallace & Gromit‘ (der eine (hier im wahrsten Sinne des Wortes) ein Träumer, der andere rettet die Situation mit gesundem Hundeverstand) obwohl die eigentlichen Charaktere durchaus unterschiedlich sind. Auch allerlei andere mehr oder weniger offensichtliche Anspielungen sind im Film zu entdecken. Das z.B. nach dem Verschwinden des Farmers ausgerechnet die Schweine ins Farmhaus ziehen, dürfte nicht nur für Leser George Orwells‘ wenig überraschend kommen.

Die Darstellung Trumpers zwischen albernem Gernegroß und tödlicher Gefahr (mal wieder: huuuuuuh) ist recht effektiv und er wird zu einem ernstzunehmendem Widersacher für die doch sehr hilflosen Schafe. Der emotionale Kern des Films ist aber die Amnesie des Farmers und die Versuche seiner Tiere diese zu brechen. Aber, wie gesagt, meiner Meinung nach nimmt die Handlung eine weitaus weniger bedeutende Stellung ein als die wunderbaren Slapstick-Szenen. Shaun (und Wallace & Gromit) Erfinder Nick Park hat übrigens einen (Knet-)Cameoauftritt als Vogelbeobachter, der von einem Taubenpaar als Spanner fehlinterpretiert wird.

Für Freunde gelungener Claymation und hervorragenden Slapsticks unumwunden zu empfehlen.

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2 Gedanken zu “Gestern Gesehen: ‚Shaun das Schaf – Der Film‘ (2015)

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