Gestern Gesehen: ‚Der Schamane und die Schlange‘ (OT: ‚El abrazo de la serpiente‘) (2015)

Der Kautschuk-Boom im Amazonasgebiet des frühen 20ten Jahrhunderts war für viele dort ansässige Indio-Stämme der grausige Schlussakkord einer Symphonie des Schereckens, die 500 Jahre zuvor mit der spanischen Eroberung begann. Durch perfide Schuldsklaverei wurden die Ureinwohner zu Tausenden in menschenunwürdige Arbeitsbedingungen gezwungen, die oftmals tödlich endeten. So verschwanden ganze Völker über deren genaue Lebensgewohnheiten wir nur sehr wenig wissen. Was wir wissen stammt aus den Aufzeichnungen von Forschungsreisenden, wie Theodor Koch-Grünberg oder Richard Evans Schultes, die auch den kolumbianischen Regisseur Ciro Guerra als Quelle der Inspiration für diesen Film gedient haben. Auch spielen fiktive Versionen beider Männer wichtige Rollen im Film, allerdings erleben wir ihn durch die Augen von Karamakate, einem Schamanen.

Am Ende der ersten Dekade des 20ten Jahrhunderts ist Karamakate (Nilbio Torres) ein zorniger, junger Mann. Er wähnt sich als den letzten seines Volkes und lebt in einer abgelegenen Hütte tief im Urwald. Eines Tages kommt Theodor von Martius (Jan Bijvoet) zu ihm, ein todkranker Naturforscher der Universität Tübingen. Er bittet um Hilfe bei der Suche nach der (fiktiven) Yakruna-Pflanze, von der er sich Rettung erhofft. Karamakate sieht zunächst keinen Grund ihm zu helfen, jedoch gelingt es Theo ihn zu überreden, indem er behauptet zu wissen, wo weitere Überlebende von Karamakates Stamm zu finden seien. Parallel erzählt der Film, wie in den frühen 40er Jahren Karamakates (Antonio Bolívar) Erinnerung erheblich nachlässt, er anscheinend seit Jahren an einer Zeichnung auf einem Stein arbeitet, an deren Ursprung er sich nicht mehr erinnern kann. Da kommt der US-Amerikaner Evan (Brionne Davis) zu ihm, der behauptet noch niemals geträumt zu haben. Er erhofft sich Abhilfe von der Yakruna Pflanze. Karamakate ist bereit ihn bei der Suche zu begleiten, auch wenn er den Weg nicht mehr weiß. In beiden Zeitlinien machen sich die Männer den Fluss hinauf auf den Weg.

Dualität spielt eine große Rolle in diesem Film. Jugend und Alter, Jaguar und Schlange, Vergänglichkeit des Menschen und Ewigkeit des Flusses, die Enthaltsamkeit Karamakates einerseits und die Gier der Kautschukbarone, die vernarbte Bäume und verstümmelte Menschen zurücklässt andererseits. In beiden Zeitlinien kommt die Gruppe in eine spanische Mission. In den 1910ern wird die von einem brutalen Mönch geleitet, der indianischen Kindern mit der Peitsche die „Wildheit“ austreiben will. In den 40ern ist daraus, nicht zuletzt durch das Eingreifen der ersten Gruppe, ein grausiger Totenkult rund um einen selbsternannten neuen Heiland und „Erlöser der Indianer“ geworden. Karamakate unterscheidet zwischen Menschen und „Chullachaqui“, die aussehen wie Menschen aber keine Erinnerung haben und keinen Weg die Welt zu verstehen.

Lieder und Geschichten können verschwinden, wenn jeder der sie kennt gestorben ist, Träume sind aber vielleicht ewig. Traum ist ein ganz wichtiges Wort, wenn man diesen Film begreifen möchte. Und so klischeehaft es klingt, er entwickelt eine traumhafte Atmosphäre. Vom ersten Moment an ist man als Zuschauer vom teilweise ohrenbetäubenden Geräusch des Dschungels umgeben, das durch die sparsame Musikuntermalung noch unterstützt wird. Auch die zunächst irrsinnig wirkende Idee den Urwald in schwarz-weißen Bildern einzufangen, ihn so seiner einmaligen, kräftigen Farben zu berauben unterstützt nur die Traumhaftigkeit. Alles bleibt immer ein wenig unklar. So sehen wir zwar, dass Karamakate seinen Körper bemalt hat, können jedoch nicht sicher sagen in welchen Farben. Bilder und Ton bilden gemeinsam eine Art allgegenwärtige Grundtextur vor der sich die Figuren bewegen, handeln, teilweise verschwimmen und einen umso tieferen Eindruck hinterlassen.

Auch wenn meine Beschreibung so klingen mag, ist der Film doch weit entfern von den Psychedelika eines Alejandro Jodorowsky. Er würde auch als ganz bodenständiger Abenteuerfilm funktionieren. Oder eher als Road-Movie bzw. dessen gemächlichere Variante, dem „River-Movie“ (den ich vielleicht gerade erfunden habe). Und genau hier ist es am ehesten möglich Verwandtschaften zu finden. Der Film erinnert sicherlich mehr als ein wenig an ‚Apocalypse Now‘ (eher noch die Buchvorlage ‚Heart of Darkness‘) und teilt die schwarz-weiße Ästhetik und einige Handlungselemente mit Jarmuschs ‚Dead Man‘. Allerdings ist es doch ein völlig anderer Film, da wir ihn aus der indigenen Perspektive Erleben, was vielleicht am ehesten mit Terrence Malicks ‚The New World‘ vergleichbar ist.

Bei allen Ähnlichkeiten bleibt ‚Der Schamane und die Schlange‘ aber etwas ganz eigenes, das die meisten Zuschauer so noch nicht gesehen haben dürften (ich hatte es jedenfalls nicht). Er ist zugleich surreal, unangenehm real in seiner Darstellung des Kautschuk-Booms und seiner Folgen und letztendlich unvergesslich. Ich kann kaum erwarten ihn noch einmal zu schauen. Die Oscar-Nominierung kann ich so zwar nachvollziehen aber ich denke, das ist nicht die Art von Film die ihn gewinnt. Ciro Guerra sagt der Film ist entstanden als er sich eine Karte seines Landes angesehen hat, die große Fläche, die das Amazonasgebiet darstellt und sich gefragt hat wie viele Völker mit ihrer Kultur, ihren Geschichten, ihren Ritualen hier verschwunden sind und ein großes Verlustgefühl gespürt hat. Dieses transportiert auch der Film, doch endet er mit einer mehr als hoffnungsvollen Note. Vielleicht finden wir nicht unbedingt immer das was wir wollen aber vielleicht ist es manchmal exakt was wir brauchen. Oder was ein anderer braucht.

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