„The ape blows or I clam“ – ‚Brick‘ (2005)

Rian Johnson hat einen recht dicken Stein bei mir im Brett. Er arbeitete als Cutter an Lucky McKees ‚May‘ mit, einem Film den ich sehr mag (leichte Untertreibung). Folglich freue ich mich auf ‚Star Wars Episode VIII The Last Jedi‘ (Episode IX heißt dann wohl „No wait, we found another one!“), daran kann auch ein relativ lahmer Teaser-Trailer nichts ändern. Immerhin hat der mich dazu gebracht mal wieder etwas von Johnson sehen zu wollen. Ich hätte endlich ‚Brothers Bloom‘ nachholen können. Oder ‚Looper‘ noch eine Chance geben können, bei dem bin ich nämlich in der Minderheit und finde ihn höchstens okay. Stattdessen bin ich zurück zu seinem Erstlingswerk als Regisseur gegangen, dem Neo-Noir ‚Brick‘. Und das nicht nur weil der eine wunderbar unauffällige Anspielung auf ‚May‘ enthält*.

Als Highschool-Schüler Brendan Frye (Joseph Gordon-Levitt) einen Zettel mit einer Bitte um ein Treffen in seinem Schließfach findet, weiß er das etwas nicht stimmt. Denn der Zettel kommt von seiner Ex-Freundin Emily (Emilie de Ravin), die jeden Kontakt zu ihm abgebrochen hat. Schnell stellt sich heraus, dass sie in Schwierigkeiten steckt. Wie tief sie in diesen Schwierigkeiten steckt merkt Brendan leider erst als es zu spät ist. Nun muss er ein gefestigtes Machtgefüge aus Spitzensportlern, Schlägertypen, einer manipulativen Angehörigen der Schauspiel AG und nicht zuletzt dem mysteriösen Drahtzieher The Pin (Lukas Haas) ins Wanken bringen, um so etwas wie Gerechtigkeit für Emily einzufordern. Zur Seite stehen ihm dabei nur der hochintelligente Einzelgänger Brain (Matt O’Leary) und die mysteriöse Laura Dannon (Nora Zehetner).

Ich bin selbst nie auf eine amerikanische Highschool gegangen. Ich kenne sie daher nur aus Filmen und Serien. Und wenn ich denen Glauben schenken darf, dann ist die durchschnittliche amerikanische Highschool ein Ort tiefster Verschwörungen, strengster hierarchischer Ordnung, plötzlich aufflammender brutaler Gewalt, ewiger Liebe und innigster Feindschaften. Von daher erscheint es einen Moment lang beinahe logisch, dass Autor und Regisseur Johnson das Geschehen seines Noir vom typischen Ort des Geschehens, der Gangsterwelt einer amerikanischen Großstadt der 40er Jahre, an eine kalifornische Kleinstadtschule verlegt hat. Selbst die ungewöhnliche Sprache des Films, die sich direkt nach Quellen wie Dashiell Hammet oder Raymond Chandler richtet, wirkt nicht völlig fehl am Platz. Haben doch Jugendsprache und Gangsterslang, egal aus welcher Zeit, grundsätzlich den selben Anspruch. Sie wollen nur für eine eingeweihte Gruppe verständlich sein und den Rest der Gesellschaft nach Möglichkeit ausschließen. Andererseits ist die Idee natürlich auch vollständig absurd. Die typischen Stereotype lassen sich vielleicht noch halbwegs glaubwürdig umpflanzen, doch sobald die Jugendlichen in ihren Dialogen die Gefühls- und Erlebenswelt einer anderen Generation, einer anderen Welt äußern wird es bizarr. Der Film ist sich dessen absolut bewusst und überhöht dies gelegentlich bewusst, z.B. in einer Szene in der Brendan eine Unterredung mit Gangsterboss The Pin in dessen Haus hat und seine Mutter O-Saft und Cornflakes serviert. Diese komischen Momente sind allerdings wohldosiert eingesetzt, der Film nimmt sich und seine Charaktere im Ganzen durchaus ernst, was genau der Grund ist, warum er so gut funktioniert. Die Handlung ist, wie es sich für einen guten Noir gehört, reichlich konvolut und beim ersten Ansehen ist man vielleicht gut beraten nicht alles bis ins Detail nachvollziehen zu wollen und mehr die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen.

Bewundernswert an diesem Film ist Johnsons Ökonomie. Damit meine ich nicht einmal so sehr, dass er einen sehr ansehnlichen Film für weniger als eine halbe Million Dollar produziert hat, obwohl das natürlich auch bemerkenswert ist. Ich meine die erzählerische Ökonomie. ‚Brick‘ ist einer dieser Filme, die kein Gramm Fett mit sich tragen. Alles, jede Szene ist reines Muskelfleisch mit dem einen Zweck die Handlung voranzutreiben. Johnson hat eine wahnsinnig elegante Art Charaktere einzuführen, die an Kurosawa oder auch Sergio Leone erinnert. Er zeigt uns die neue Figur in einer Ganzaufnahme in einer bestimmten Umgebung und in einer bestimmten Körperhaltung. Dann blendet er oftmals auf ein besonderes Detail um, ein Kleidungsstück vielleicht, oftmals Schuhe. Innerhalb von Sekunden wissen wir dank dieser rein visuellen Informationen sofort, wie wir den neuen Charakter einzuschätzen haben. Und Zeit ist in diesem Film ein ganz zentraler, treibender Faktor. Ständig schaut Brendan auf seine Armbanduhr, muss die Zeit bis zum nächsten Termin abschätzen, bis die roten Ziffern eines Radioweckers zu einer geradezu bedrohlichen, lauernden Präsenz werden, die den ganzen Bildschirm einzunehmen scheint.

In stark desaturierten, grauen aber doch noch nicht schwarz weißen Bildern stellt Johnson die doch eigentlich so sonnige kalifornische Kleinstadt dar. Er arbeitet zwar selten mit sehr kontrastreichen Bildern, doch weiß er das typische hell-dunkel des Noir durchaus zu nutzen. Sei es die alles verschluckende Schwärze eines Abwassertunnels, eine Szene in der Brendan einen Spiegel benutzt um – wortwörtlich – Licht ins Dunkel zu bringen oder ein Gespräch zwischen einer Person ganz in schwarz, einer in ganz weiß und Brendan in seiner grauen Jacke dazwischen. Eine wiederkehrende Traumszene gemahnt ein wenig an David Lynch aber das tun gute (Alp-) Traumszenen ja häufig.

Die Musik (aus Kostengründen übrigens von Johnsons Cousin geschrieben) folgt bekannter, typischer Noir Musik, die das Geschehen passend untermalt. Bemerkenswert ist das merkwürdig eingängige Titelthema irgendwo zwischen Carl Orffs „Schulwerk“ und dem Klappern von Geschirr (und jetzt wisst ihr warum ich nicht über Musik schreibe).

Ich muss noch einmal auf die oben erwähnten Dialoge zurückkommen. Wenn die Dialoge der klassischen Screwball-Komödie einem Degengefecht mit wehenden Mänteln entsprachen, dann war das Pendant zum Dialog im Noir eine Messerstecherei in einer dreckigen Seitengasse. In seinen besten Momenten schafft Johnson hier Dialoge, die es problemlos mit den Größen des Noir aufnehmen können. Von daher ist es ein Film, den ich niemals synchronisiert schauen wollen würde. In schlechteren Momenten können sie allerdings durchaus schon einmal gekünstelt wirken. Vor allem einige Dialoge zwischen Brendan und Laura schlagen nicht ganz die Funken, die wohl eigentlich gedacht waren.

Das liegt allerdings keineswegs an den Schauspielern, die durch die Bank verstanden haben woran sie hier arbeiten und sich daran halten. Johnson hat ihnen allerdings explizit untersagt zur Vorbereitung klassische Noirs zu schauen. Und das hat den angenehmen Effekt, das keiner der Darsteller sich in einer bloßen Imitation versucht. Herauszuheben ist hier sicherlich Joseph Gordon-Levitt, der in jeder einzelnen Szene auftritt. Es gelingt ihm in seiner Rolle mühelos zwischen „hardboiled“ und verletzlich zu oszillieren und dabei nie eine direkte Assoziation zu Bogart oder anderen typischen Noir Darstellern aufkommen zu lassen. Kein Wunder, dass er zu einem Stammdarsteller Johnsons geworden ist.

Dieses Erleben jeder Szene durch die Person Brendans führt dann aber auch zum einzigen wirklichen Vorwurf, den ich diesem Film machen kann. Dadurch, dass wir alles durch den Blick einer zynischen, zurückgezogenen Person erleben, bleiben alle anderen Charaktere und alles Geschehen immer ein wenig auf Armeslänge. Wir als Zuschauer beobachten mehr, als dass wir wirklich mitfiebern. Das ist allerdings kein spezifisches Problem dieses Films, sondern eines das auch zahlreiche klassische Film Noir gebeutelt hat. Insofern könnte man durchaus annehmen, dass dies hier so gewollt war.

Der Film Noir hatte im klassischen Hollywood, ebenso wie der Horrorfilm, den Ruch der Billigproduktion. Das hat den erstaunlichen Effekt, dass viele klassische Noirs heutzutage besser funktionieren als teure A-Produktionen derselben Zeit, die von den Studios voll auf den Geschmack des kontemporären Publikums abgestimmt wurden. Und auch diesem Neo-Noir merkt man an, dass hier kein Produzent seinen Senf dazugegeben hat. Johnson hat den Film selbst an seinem Heimcomputer geschnitten. Von Anfangs zwei Stunden bis runter auf den gut 100 Minuten langen, wunderbar schlanken Endschnitt, den wir zu sehen bekommen. Es ist eine persönliche, zwar zurückblickende aber doch zukunftsgerichtete Version des Noir, nicht ganz Hommage und nicht ganz Parodie. Er erreicht nicht ganz das Niveau der Beiträge der Coen-Brüder zu diesem Genre aber stellt doch eine wunderbare Bereicherung des Genres dar. Absolut sehenswert!

Wer möchte kann sich übrigens das Skript des Films oder auch eine zur Novelle umgeschriebene Version auf Rian Johnsons Seite herunterladen.

* man halte bei dem Kostümfest in den ersten Minuten die Augen offen!

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