‚Personal Shopper‘ (2017) „Are you here? Or is it just me?“

Bevor ich zu dem eigentlichen Film komme, erlaubt mir ein paar Worte zu Kristen Stewart zu sagen. Vor Jahren habe ich sie in der netten Tragikomödie ‚Adventureland‘ gesehen und fand ihre sehr zurückgenommene Spielweise dort sehr passend. Von dem ganzen „Twilight“ Rummel habe ich höchstens mal die Trailer oder ein paar Clips gesehen, merkte allerdings, dass sie hier ebenso zurückgenommen spielte. Dann bin  ich irgendwie in ‚Snow White and the Huntsman‘ geraten und habe endlich eingesehen: das ist kein zurückhaltendes Spiel, das ist die Steven Seagal-Schule der Schauspielerei, ein Gesichtsausdruck für alle Lebenslagen.  Nochmal ein paar Jahre vorgespult und ich sehe Olivier Assayas‘ ‚Die Wolken von Sils Maria‘ und erlebe eine ziemliche Überraschung. Das ist eigentlich Juliette Binoches Film aber jedes Mal, wenn Stewart im Bild erscheint, geht von ihr eine beinahe magnetische Kraft aus, die es unmöglich macht irgendetwas anderes anzuschauen. Sie beherrscht hier das Bild, wie ich das nur von wenigen Schauspielern erlebt habe. Obwohl ich mich nun umso mehr wundere, was sie in den anderen Filmen gemacht hat, musste ich meine Meinung bezüglich ihres Talents vollständig revidieren. Ich bin wohl nicht der Einzige, der das so gesehen hat und Stewart erhielt, als erste Amerikanerin, den begehrten französischen César-Preis. Kein Wunder also, dass ich mir die nächste Zusammenarbeit von Assayas und Stewart fest im Kalender vorgemerkt habe. Den Film dann doch im Kino zu verpassen, ist etwas, dass wohl nur mir passieren kann. Aber kommen wir zur Sache.

Maureen Cartwright (Stewart) lebt in Paris und arbeitet als „Personal Shopper“ für Kyra (Nora von Waldstätten), einer dieser Berühmtheiten, die dafür berühmt sind berühmt zu sein. Sie hasst Kyra und hasst den Job, doch hilft er die Miete zu zahlen, während sie wartet. Denn Maureens Zwillingsbruder Lucas ist vor drei Monaten an einem Herzleiden gestorben, welches sie teilt. Da beide spiritistisch interessiert sind, haben sie ausgemacht, wer zuerst stirbt schickt dem Überlebenden eine Nachricht aus dem Jenseits. Darauf wartet Maureen jetzt, nachts in dem Haus, das ihr Bruder gerade renoviert hat, als er starb. Als sie gerade auf dem Weg nach London ist, um ein Kleid für Kyra abzuholen, meldet sich ein merkwürdiger Fremder auf ihrem Telefon, der Vieles über sie zu wissen scheint.

Spielte sie im letzten Film noch eine Nebenrolle, lädt Assayas diesmal den ganzen Film auf Stewarts Schultern. Kaum eine Szene in der ihr Charakter nicht im Mittelpunkt stünde und das obwohl Maureens ganzes Leben daraus besteht sich am Rande aufzuhalten. Selbst fast geisterhaft eilt sie auf ihrer Vespa durch die High Society Boutiquen von Paris, kauft Kleider, die sie nicht anziehen darf und macht Deals, die ihre abwesende Chefin bricht. Ihr Freund arbeitet in Oman, bittet sie wieder und wieder zu ihm zu kommen. Sie lehnt das ab, bis sie ein Zeichen von Lucas bekommt, vertieft sich stattdessen in die spiritistischen Ideen der Künstlerin Hilma af Klint und Victor Hugos. Das alte, leere Haus nimmt schnell bedrohliche Züge an, die Textnachrichten des Fremden werden schnell fordernd, dann befehlend. Ihre einzige wirkliche Bezugsperson ist Lucas‘ Freundin Lara (Sigrid Bouaziz). Als die ihr verkündet, sie habe bereits einen neuen Freund versucht Maureen alles, um den Eindruck zu erwecken, sie habe keinerlei Problem damit.

Wie auch schon ‚Die Wolken von Sils Maria‘ ist ‚Personal Shopper‘ ein schwierig zu kategorisierender Film. Ist er einerseits ein Geisterfilm, scheint ihm das doch andererseits immer wieder peinlich zu sein und macht selbst darauf aufmerksam, dass das ein wenig albern ist. Dann wildert er wenig im Bereich des Thrillers, was einige Leute zu arg weit hergeholten Hitchcockvergleichen getrieben hat, bleibt aber auch hier immer etwas distanziert, scheint sich nicht auf die typischen Spannungsklischees einlassen zu wollen. Assayas ist sicherlich nicht an einem Spannungsaufbau im hitchcockschen Sinne interessiert, dafür bleiben seine Ideen, seine Ziele immer etwas zu diffus. Am Rande schwingen hier wieder Ideen mit, die auch den Rand von ‚Wolken‘ beherrscht haben. Berühmtheit, der Wunsch danach aber auch eine gewisse Verachtung, für die Infantilisierung, die damit einhergeht vom täglichen Leben befreit zu sein. Was aber letztlich klar im Mittelpunkt steht, ist ein Portrait von einer jungen, einsamen Frau, die den Tod eines für sie sehr wichtigen Menschen verarbeiten muss, der sie gleichzeitig auf extreme Weise mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert, leidet sie doch an dem selben, genetischen Defekt. Die Zukunft wird für sie zu einem Abstrakt, Risiken und Rücksichtslosigkeiten erscheinen normaler, das Einzige worauf sie noch wartet ist das Zeichen von ihrem Bruder.

Dass der Film, trotz tonaler Umschwünge und gelegentlich mangelndem Fokus der Handlung dennoch gut funktioniert ist, neben Stewarts wiederum gelungener Vorstellung, Assayas selbstbewusster Bildsprache zu verdanken, mit der er das Elegante, das Unheimliche und das Verführerische gleichermaßen einfängt und zu einem kohärenten Ganzen zu fügen schafft. Das er willens ist, seine Geheimnisse zu wahren, eben nicht alle Antworten auf den Tisch zu legen bereit ist, dürfte ebenso viele Leute faszinieren wie frustrieren. Ich gehöre insgesamt mehr zum ersten Lager, wünschte mir teilweise aber doch mehr Fokus und Substanz. Aber vielleicht ist genau das mein Fehler, bei einem Film, in dem es um Geister geht.

 

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3 Gedanken zu “‚Personal Shopper‘ (2017) „Are you here? Or is it just me?“

  1. Pingback: Personal Shopper – Kritik – Filmexe – Blog über Filme und Serien

  2. Ich fand den Film auch sehr gut. Kristen Stewart gehört für mich in die Kategorie Schauspieler, die einen dann überraschen, wenn man es am wenigsten erwartet. Zu DIE WOLKEN VON SILS MARIA fiel mir damals wenig ein. Mir gefiel der Film, aber konnte nicht genau sagen, warum. Da eine Filmkritik zu veröffentlichen, ergibt wenig Sinn. PERSONAL SHOPPER hingegen ist einfacher gehalten, auch wenn er genauso voller Symbolik und Interpretationsspielraum ist wie WOLKEN. Da fiel mir das schreiben wesentlich einfacher.

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    • Ja, da geht es mir ganz ähnlich wie Dir. Ich hätte große Schwierigkeiten über Wolken treffend zu schreiben, obwohl er mir insgesamt, glaube ich, sogar besser gefallen hat als Shopper.
      Ich glaube sowohl Faszination als auch Schwierigkeit in der Beschreibung haben damit zu tun, dass Wolken den Zuschauer sehr lange auf einer falschen Fährte lässt (ohne für potentielle zukünftige Seher hier zuviel verraten zu wollen).

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