Streiflichter Nummer 3: Polizeiwagen und Irische Wälder

Folge 3 der Streiflichter, diesmal nur mit zwei Filmen, ‚Cop Car‘ und ‚The Hallow‘. Weil ich es nicht geschafft habe mich kurz zu fassen. Dafür gibt es eine unerwartete thematische Klammer in Form von „was hat der Regisseur als nächstes gemacht“.

 

‚Cop Car‘ (2015)

Die Jungen Travis (James Freedson-Jackson) und Harrison (Hays Wellford) sind von Zuhause abgehauen. Auf einem einsamen Feld, nahe einem Wäldchen stoßen sie auf ein scheinbar verlassenes Polizeiauto. Nachdem sie sich gegenseitig zu mehreren Mutproben aufgefordert haben, starten sie schließlich das Auto und fahren davon. Das würde sie schon unter normalen Umständen in große Schwierigkeiten bringen, doch das Auto gehört dem korrupten Sheriff Kretzer (Kevin Bacon), der gerade damit beschäftigt war eine Leiche in dem Wäldchen zu entsorgen. Dumm: eine weitere befindet sich noch im Kofferraum seines Dienstwagens. Kretzer unternimmt nun alles, um einerseits zu verhindern, dass seine Kollegen den Diebstahl bemerken und andererseits alles um sein Auto zurückzubekommen. Und mögliche Zeugen zu beseitigen…

Kevin Bacon ist großartig in diesem Film. Er schafft es in seiner Rolle eine komisch anmutende Hilflosigkeit ob des Diebstahls mit gleichzeitiger, grausamer Cleverness und völliger Rücksichtslosigkeit zu verbinden. Als Zuschauer zweifeln wir zu keinem Moment daran, dass dieser Charakter die beiden Kinder ohne eine Sekunde zu zögern ermorden würde. Falls das überhaupt nötig ist. Denn die beiden Jungen sind eine ständige Gefahr für sich selbst. Ob sie nun in Schlangenlinien über einsame Landstraßen fahren oder, noch weit schlimmer, das umfangreiche Waffenarsenal des Wagens finden. Und die beiden Jungschauspieler geben sich dabei so mitreißend, das man gelegentlich scharf Luft zwischen den Zähnen einzieht, wenn sie wieder irgendeinen arg gefährlichen Unsinn anstellen, ohne vom Baconschen Damoklesschwert zu ahnen, dass über ihren Köpfen hängt.

Regisseur Jon Watts gelingt aber das Kunststück das alles so schön schwarzhumorig und dabei so ungemein charmant zu inszenieren, dass man absolut bereit ist sich auf diese zunächst recht düstere Geschichte einzulassen. Er erstellt einen gelungenen visuellen Kontrast zwischen der großen, weiten Einsamkeit  der Mitte der Vereinigten Staaten und der immer drängender werdenden Klaustrophobie durch den, im Laufe des Films allgegenwärtig scheinenden Sheriff Kretzer, der sogar einen Monolog halten darf, der einen Superschurken erröten lassen würde, ohne dass seine Figur dabei Schaden nähme. Da war ich dann sogar bereit dem Film gegen Ende hin eine paar erzählerische Holperigkeiten zu verzeihen.

Wenn es Watts gelingt diese Mischung aus jugendlicher Naivität und bösartiger, tiefschwarzer Komödie auch nur halbwegs auf ‚Spider-Man: Homecoming‘ zu übertragen, könnte das ein ungewöhnlicher Superhelden-Film und einer der besten Spider-Man Filme werden.

 

‚The Hallow‘ (2016)

Ein abgelegener Wald in Irland, der bislang in staatlicher Hand war, soll privatisiert werden. Der Londoner Forstwissenschaftler Adam Hitchens (Joseph Mawle) soll, im Auftrag des neuen Besitzers, den Zustand des Waldes evaluieren. Er zieht dafür mit seiner Frau Claire (Bojana Novakovic) und ihrem gemeinsamen Baby Finn in ein altes Haus nahe des Waldes. Den abergläubischen Anwohnern, allen voran Farmer Donnelly (Michael McElhatten) sind sowohl der Verkauf an sich, wie auch die Anwesenheit der Hitchens ein Dorn im Auge. Als Adam im Wald ein totes Reh findet, befleckt mit einer seltsamen, schwarzen Substanz und am selben Abend jemand in sein Haus einbricht und das Zimmer von Finn verwüstet scheint es aber so, als sei am Aberglauben der Bevölkerung doch etwas dran.

Auf den britischen Inseln gibt es das schöne Genre des Folklore-Horrors. Vertreter vom ‚Wicker Man‘ bis zu ‚Kill List‘ haben hier ihre Finger auf tief sitzende Ängste der britischen Gesellschaft gelegt. ‚The Hallow‘ versprach dieses Genre mit einem gelungenen Monsterfilm und einer ökologischen Botschaft zu verbinden. Herausgekommen ist die frustrierendste Art von Film. Ein Film der beinahe gut ist.

Lässt der Anfang also an Folk-Horror und an Feen, Leprechauns und Banshees denken scheint sich der Film für zu intelligent für so etwas zu halten. Eine „wissenschaftliche“ Erklärung muss her. Die wird zwar nie direkt ausgesprochen aber Adam hält nach etwa 10 Minuten Laufzeit ein unprovoziertes Referat über die insektenparasitären Pilzgattung Cordyceps (wobei er genaugenommen Ophiocordyceps unilateralis beschreibt, der nach einer grundlegenden Änderung der Systematik der Mutterkornpilzverwandten zu den Ophiocordycipitaceae gehört /Biologen Talk Ende) außerdem sehen wir im Laufe des Films immer mal wieder Aufnahmen von Zellen, die andere Zellen mit schwarzen, stachelartigen Auswüchsen pieksen, allgemein akzeptierter, visueller Ausdruck von Parasitismus.

So wird dann nach einer halben Stunde aus dem atmosphärischen Film eine Art Zombiefilm, der jedem Klischee dieser Gattung folgt. Aber auch dieser Spuk ist schnell wieder vorbei und sodann wildert der Film im Forstgebiet von ‚The Shining‘. Solche Genrewechsel können durchaus funktionieren, nur hat es Regisseur und Autor Corin Hardy hier verpasst ein Interesse am Ort der Handlung oder der handelnden Charakter zu wecken. Adam und Claire sind leider nicht vielmehr als Abziehbilder und Plot-Transporteure. Das liegt keinesfalls an den Darstellern und rein am Drehbuch. Wenn ich die Geduld hätte würde ich feststellen wie viel von ihrem Dialog in der zweiten Hälfte des Films aus dem Rufen des Namens des anderen besteht.

So weit so schlecht aber was macht den Film dann „beinahe gut“? Da sind zum einen einige Sequenzen, die in einem besseren Film wirklich effektiv gewesen wären. Vor allem aber das Design der Kreaturen. Es ist anders genug, als typische Horror-Monster, um aufzufallen und funktioniert am besten, solange der Film es sparsam einsetzt. Auch das Hyphengewebe, das nach und nach überall auftaucht und die widerliche, schwarze Substanz schreien förmlich nach einem besseren Film. Das einzig ähnliche, dass mir einfiele wäre ‚Pan’s Labyrinth‘, allerdings ist der Film so viel besser als das hier, das der Vergleich schon beinahe unfair erscheint. Aber meinen letzten guten Willen verspielte der Film dann mit einem absurden Finale, dass nicht nur reichlich dämlich war sondern auch noch sämtlichem Streben der Monster im übrigen Film komplett widersprach.

Hier würde ich jetzt normalerweise schreiben, dass das ja ein Erstlingsfilm war und genug Gutes da war, dass ich gespannt auf Hardys nächsten Film bin. Allerdings weiß ich bereits, dass sein nächster Film der ‚Conjuring‘ Ableger ‚The Nun‘ wird. Insofern kann ich nicht mal das guten Gewissens behaupten.

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2 Gedanken zu “Streiflichter Nummer 3: Polizeiwagen und Irische Wälder

    • Ich finde sooo unterschiedlich sind unsere Fazits (Fazite?) gar nicht. In Zahlen hätte ich ihm wohl 5/10 gegeben. Eben beinahe gut, deswegen frustrierend. Ich habe dem Film nur sein Ende sehr übel genommen. ACHTUNG LESER, ES FOLGEN SPOILER ZUM ENDE DES FILMS!!!

      Da versucht Familie Pilzkopp anderthalb Stunden lang das Baby von Familie Langweilig durch ein Wechselbalg zu ersetzen. Herr Langweilig und seine olympische Sense sorgen aber dafür, dass Frau langweilig doch noch den korrekten Finn mitnimmt. Aber was passiert mit Fake-Finn sobald die Sonne aufgeht? Er zerfällt (in einem zugegeben ganz coolen Effekt) zu Staub… Ich glaube da wäre Frau Langweilig misstrauisch geworden…

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