‚Sein oder Nichtsein‘ (1942) – „It would get a laugh“

„Was darf Satire?“ ist eine hierzulande gern gestellte Frage, wenn ein Kunstprojekt, welcher Art auch immer, mit einem heiklen Thema mehr oder weniger geschmackvoll umgeht. Schauen wir zum Beispiel in die Geschichte der Rechtsstreitigkeiten des „Titanic Magazins“ stellen wir fest, dass die Antwort in Deutschland lautet „bei weitem nicht alles“. Wie sieht es aber über den großen Teich aus? In den USA, die sehr stolz auf  ihr Recht auf frei Meinungsäußerung sind? Die Antwort mag großzügiger ausfallen, allerdings war die Empörung, als Ernst Lubitsch 1942 eine Komödie über den Überfall der Nazis auf Polen veröffentlichte riesig.

Die andere große Hollywood „Nazi-Komödie“, Chaplins ‚Der große Diktator‘ war 1940 in den USA noch auf weitgehendes Desinteresse gestoßen. Die größte Kritik war ausgerechnet, dass Chaplin ein Kriegstreiber sei, der die USA in einen Krieg gegen Deutschland verwickeln wollte. In dieser Atmosphäre hat Ernst Lubitsch mit der Arbeit an der Verfilmung des Theaterstücks „Noch ist Polen nicht verloren“ von Melchior Lengyel begonnen. Dann erfolgte aber, während der Dreharbeiten der Überfall des imperialen Japans auf Pearl Harbor. Die Stimmung und die Berichterstattung der Medien änderten sich grundlegend. Die amerikanische Öffentlichkeit war jetzt über die Gräueltaten der Nazis zumindest teilweise informiert. So erschien ‚Sein oder Nichtsein‘ zwar zeitgleich mit jeder Menge Propagandafilmen, brach allerdings zahllose Tabus dieser Gattung. Er erwähnte Dinge wie Konzentrationslager und Kollaboration, die demokratischen Werte der USA fanden nicht einmal Erwähnung und das „Schlimmste“: er war eine Komödie. Nicht wenige witterten hier eine Verhöhnung der Opfer, etwas dem Lubitsch und die Darsteller stets vehement widersprochen haben. Wie sieht der Film aus heutigen Augen aus?

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs proben die Darsteller eines Warschauer Theaters rund um das egozentrische Schauspielerehepaar Joseph (Jack Benny) und Maria Tura (Carole Lombard) für ein antifaschistisches Stück namens „Gestapo“. Allerdings verbietet das polnische Außenministerium die Aufführung, aus Sorge Hitler zu düpieren. So führt die Theatergruppe weiter den „Hamlet“ auf. Jedes Mal, wenn Joseph Tura seinen großen Monolog mit „Sein oder Nichtsein“ beginnt, verlässt allerdings ein polnischer Bomberpilot seinen Platz. Das verletzt den Egomanen Tura zutiefst, obwohl er nicht einmal ahnt, dass Pilot Sobinski (Robert Stack) die Zeit nutzt Maria in deren Umkleide zu treffen. Kurz darauf marschieren die Nazis ein. Das Theater wird geschlossen und Sobinski schließt sich der polnischen Schwadron der britischen Luftstreitkräfte an. So wird er kurz darauf zurück nach Warschau geschickt, um Kontakt zum Widerstand aufzunehmen und ein Treffen zwischen Doppelagent Professor Siletzky (Stanley Ridges) und dem Anführer der Gestapo in Warschau Gruppenführer Ehrhardt (Sig Ruman) zu verhindern, welches das Ende für den polnischen Untergrund bedeuten könnte. Schnell werden die Turas und der Rest der Theatertruppe in die Sache mit hineingezogen. Sie schlüpfen wieder in die Rollen des „Gestapo“-Stücks, diesmal um Siletzky die echte Gestapo vorzuspielen. Nachdem der getötet wird muss Jospeh Tura seine Rolle übernehmen und sich durch ein Farce aus angeklebten Bärten, gigantischen Egos und eines plötzlichen Hitler-Besuchs in Warschau kämpfen.

Das ist einer dieser Filme, für den ich weit mehr Respekt bekommen habe, einfach dadurch, dass ich darüber schreibe. Lubitsch lässt die Geschichte so einfach, so direkt, so logisch wirken, dass zumindest ich erst beim Schreiben gemerkt habe, wie verwinkelt und verworren sie eigentlich ist. Und genau hier liegt auch die große Kunst des Ernst Lubitsch verborgen. Selbst Jude hat er Deutschland bereits lange bevor Hitler an die Macht kam verlassen. 1922 ging er auf direkte Einladung durch Schauspielerin/Produzentin Mary Pickford nach Hollywood. In den 30er Jahren etablierte er sich hier als der Meister der Salon-Komödien. Also leichte Komödien in einem bürgerlichen Milieu, quasi die Vorläufer der „Screwball-Comedy“. Was ihn auszeichnete war seine exakte technische Planung, was er wann dem Zuschauer wie zeigen würde. Was sonst simple Kammerstücke oder gar abgefilmtes Theater hätte sein können erhielt so eine deutliche Cinematische Sprache. Seine Lösungen für bestimmte Szenen gelten als so kreativ und außergewöhnlich, dass sich der Begriff des „Lubitsch-Touch“ etabliert hat. Etwas, dass Billy Wilder in diesem Video besser erklärt, als ich das je könnte:

Was sich Lubitsch in ‚Sein oder Nichtsein‘ zum ersten Mal zu Nutze gemacht hat, ist wie ähnlich sich die Stilmittel zum Aufbau von Spannung und Komik sind. Beide bauen eine Fallhöhe für den Charakter auf, die sich in einem Fall in Lachen entlädt im anderen nicht. Und Lubitsch weigert sich hier strikt in irgendeiner Weise anzudeuten, ob die kommende Szene nun lustig oder eher schrecklich wird. Tatsächlich scheint sein ganzes Ziel das Verwischen dieser Grenzen zu sein. Er nimmt dem Hollywood-Klischee des „Comic Relief“ den „Relief“-Teil, die Erleichterung. Manchmal lacht man und schämt sich schon im nächsten Moment dafür. Er wiederholt bestimmte Sätze und ganze Szenen wieder und wieder in immer neuen Kontexten. Mal sind sie spannend, dann tragisch bis sie durch reine Wiederholung albern und komisch werden.

Das stößt an ein anderes zentrales Thema des Films, das Verwischen der Grenzen zwischen Theater und Wirklichkeit. Nicht nur nehmen die Darsteller im Film die Rollen aus dem „Gestapo“ Stück in der Wirklichkeit wieder auf, auch die Nazis selber werden als widerwärtige, theatralische Schmierendarsteller entlarvt, hinter deren riefenstahlscher Inszenierung und Hugo Boss Uniformen nichts außer kleingeistiger Böswilligkeit steckt. Egomane Tura, verkleidet als Siletzky, kann sich natürlich nicht beherrschen Gruppenführer Ehrhardt zu fragen, ob der „den großen Schauspieler Joseph Tura“ kenne. Ehrhardts Antwort fängt sowohl den Zynismus der Nazis ein und unterstreicht das Thema um Theater und Wirklichkeit: „Den kenne ich. Was der mit Shakespeare gemacht hat, machen wir jetzt mit Polen.“

Ein weiteres zentrales Thema ist der Egozentriker, der sich in den Dienst einer höheren Sache stellen muss. „Jetzt spielen Sie um unser aller Leben“ geben die Theaterkollegen Tura mit auf den Weg. Und Jack Benny ist perfekt für diese Rolle. Lubitsch hat sie ihm auch mehr oder weniger auf den Leib geschneidert. Bei aller Großspurigkeit wird er zu keinem Moment unsympathisch, wie die Leute die ihn umgeben, akzeptieren wir ihn als Zuschauer schnell als das was er ist. Carole Lombards Maria steht ihm in Sachen Egozentrik kaum nach, spielt die hier allerdings sehr zurückgenommen, überlässt Benny das Feld, erlaubt ihm Lacher zu bekommen. Sig Ruman gibt seinen Gruppenführer mit recht überzogenem Spiel und aus dem Kopf quellenden Glubschaugen. Allerdings gelingt ihm genau damit das Kunststück, das seine Rolle vollbringen muss, nämlich sowohl furchterregend als auch lächerlich zu sein. Von den Nebendarstellern möchte ich Felix Bressart als jüdischen Kleindarsteller Greenberg hervorheben, dessen großer Traum es ist einmal den Shylock im „Kaufmann von Venedig“ zu spielen. Er bekommt seine Chance, wenn auch vor dem schlimmstmöglichen denkbaren Publikum.

Eine Verhöhnung der Opfer ist übrigens zu keinem Moment zu erkennen. Wenn Maria Tura während der Proben zum „Gestapo“-Stück im eleganten Abendkleid auftaucht und sagt, das wolle sie während der Szenen im KZ tragen, dann ist das schlicht dazu da etwas über die weltfremde Selbstverliebtheit dieses Charakters auszusagen. Ihre Kollegen reagieren entsprechend auch schockiert bis empört. So gilt Lubitschs böser Spott rein den Nazis. Selbstverliebte Schauspieler bekommen zwar auch etwas Häme ab aber diesen gesteht er immerhin ein gewisses Wachstum zu und führt sie am Ende als Vertreter der Kultur zu einem zumindest symbolischen Sieg gegen die als Über-Kultur verkleidete Unkultur. In den USA wurden ihm dennoch das unpassend empfundene Thema, sowie die gewollte Vermischung von ernsten und komischen Themen zum Verhängnis. Selbst Bennys Vater soll erzürnt das Kino verlassen haben, als er seinen Sohn in Naziuniform gesehen hat.

In Deutschland wurde der Film 1959 im Rahmen der zweiten Auslobung des Ernst Lubitsch-Preises (den Preis nach Lubitsch zu benennen geht übrigens auf eine Idee von Billy Wilder zurück) gezeigt und kam hier auf Anhieb sehr gut an. Heute genießt er weltweit einen Ruf als Klassiker und vermutlich Lubitschs Meisterwerk. Er funktioniert auch aus heutiger Sicht noch ganz hervorragend, insbesondere wenn man sich klar macht, in welcher Zeit er entstanden ist und was für eine Grenzüberschreitung er dort darstellte.

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4 Gedanken zu “‚Sein oder Nichtsein‘ (1942) – „It would get a laugh“

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