Es war einmal in Italien: ‚Für eine Handvoll Dollar‘ (1964)

Wie zufrieden Clint Eastwood im Frühjahr 1964 mit dem Verlauf seiner Karriere war weiß ich nicht. Er hatte eine Rolle als hitzköpfiger Viehtreiber in der erfolgreichen TV-Serie ‚Tausend Meilen Staub‘ aber der gewünschte Filmerfolg wollte sich, von einigen Winzauftritten abgesehen, für den Mittdreißiger einfach nicht einstellen. Und wenn die Serie Pause machte musste er immer noch Hausmeistertätigkeiten übernehmen oder Kindern Schwimmunterricht geben damit die Kasse stimmte. Aber in der Frühjahrspause des Jahres 1964 hatte er etwas anderes vor. Er hatte von einem Italiener das Angebot bekommen die Hauptrolle in einem Western zu spielen. Sein Agent hatte ihm zwar entschieden abgeraten, doch nach Europa wollte er eigentlich immer schon mal. Und 15.000 Dollar gäbe es auch. Also, warum nicht?

Auf der anderen Seite des Atlantiks war sich eben dieser Italiener derzeit recht unsicher. Der kleine, stämmige Mann namens Sergio Leone hatte seine Filmerfahrung in den letzten Zügen des großen „Sandalenfilm“-Booms gesammelt. Als die Cinnecita Studios in Rom quasi zum europäischen Arm Hollywoods wurden, um den Hunger des Publikums nach biblischen und römischen Epen zu stillen. Hier hatte sich Leone einen Ruf als verlässlich und technisch versiert erarbeitet. Aber nun wollte er endlich den Film drehen, von dem er schon lange träumte: einen Western. Das war für das europäische Kino der damaligen Zeit nicht so ungewöhnlich wie man meinen sollte. Allein in Italien waren zwischen 1960 und 63 gut 20 Western entstanden. Die folgten allerdings allesamt dem amerikanischen Muster und waren wenig erfolgreich. Erfolgreich waren andererseits die deutschen ‚Winnetou‘ Verfilmungen. Die waren Leone allerdings viel zu brav, seine Idee war eine Westernversion von Akira Kurosawas ‚Yojimbo‘ (1961) in dem ein entehrter Samurai zwei kriminelle Banden gegeneinander ausspielt und dabei stets nahe der Grenze zum Antihelden bleibt. Eine düstere, dreckige Geschichte sollte es werden.

Diese Idee stieß bei italienischen Produzenten auf wenig Gegenliebe. Schließlich hatte Leone aber doch Erfolg. Sein Film sollte als Nebenprodukt eines anderen Western produziert werden. Er durfte dessen Bauten in der spanischen Wüste von Almeria zweitverwerten. Für alles andere erhielt er 200.000 Dollar. Das ist nicht eben viel und 15.000 davon lobte er für die Hauptrolle aus. Er erstellte eine Liste mit allen seinen Westernhelden mit denen er gern arbeiten würde. Henry Fonda, Lee Marvin, James Coburn und Charles Bronson. Für die Gage war allerdings keiner von denen zu haben. Wer nun den Namen Clint Eastwood ins Spiel gebracht hatte ist nicht mehr ganz klar. Als der aber zusagte ließ sich Leone eine Folge der Serie besorgen. Was ihm auffiel ist Eastwoods Langsamkeit. Das müsste man ändern, ansonsten sollte man mit dem aber arbeiten können. Doch er blieb unsicher.

Die Innenaufnahmen entstanden in den römischen Cinnetcita Studios. Hier hatte Architekt Carlo Sini (der ein langjähriger Mitarbeiter Leones werden sollte) für wenig Geld authentisch mexikanische Interieurs entworfen. Schnell wurde allerdings ein großes Problem klar, das Sprachgewirr. Deutsche und italienische Schauspieler machten den Großteil der Darsteller aus, dazu kam der Amerikaner Eastwood und spanische Statisten. Das Drehbuch existierte folglich in 4 Sprachversionen und Leone konnte mit den meisten Darstellern nicht direkt sprechen. Schnell ging er dazu über die Szenen so vorzuspielen, wie er sie sich vorstellt. Eastwood ignorierte das allerdings völlig und spielte die Szenen wie er sie für richtig hielt. Nämlich mit völliger, stoischer Ruhe, die in plötzliche Ausbrüche heftiger Gewalt übergehen konnte. Das war weit weg von dem energetischen, nervösen Helden, den Leone und die Produzenten sich vorgestellt hatten. Leone erkannte allerdings bald an, dass es die einzig richtige Art war diesen (Anti-)Helden zu spielen. Er sorgte dafür, dass Eastwood einen Titel als Ko-Autor bekommt. Dialogaufnahmen waren unter den gegebenen Umständen sinnlos, da der Film ohnehin synchronisiert werden müsste und es eine „Originalsprache“ gar nicht gibt (das macht die Aussage des Trailers „…Ein lebensechter, deutscher Western, mit großer Besetzung…“allerdings nicht weniger blödsinnig).

Dann ging es für die Außenaufnahmen nach Almeria. Den Lehmbauten des Westerns ‚Die Letzten Zwei vom Rio Bravo‘, die hier zweitverwertet werden sollten, hatte das harte Wüstenklima arg zugesetzt. Leone gefiel das, unterstrich es doch die apokalyptische Atmosphäre, die er für seine fiktive Ortschaft San Miguel wünschte. Das gesamte Filmteam war bald geeint in ihrem Zorn auf den Pedanten Leone, der sie in glühender Hitze Szenen wieder und wieder spielen ließ. Und der zu Wutausbrüchen neigte, wenn etwas nicht funktionierte – und vieles funktionierte nicht. Einen Toilettenwagen gab es nicht, Elektrizität war Mangelware am Set. Clint Eastwood achtete genau auf jeden Teil seiner Ausstattung. Einiges davon, nicht zuletzt die berühmten Virginia-Zigarillos, hatte er selbst mitgebracht. Ebenso seine Hosen vom Set von ‚Tausend Meilen Staub‘. Wenn hier etwas verloren ginge, gäbe es in Almeria gewiss keinen Ersatz. Und dann ging der Produktion das Geld aus. Die technische Crew trat in Bummelstreik, die spanischen Statisten kamen einfach nicht mehr wieder – was dem Film später gut tun sollte, wurde San Miguel so doch immer mehr zur Geisterstadt.

Doch auch die fürchterlichsten Dreharbeiten gehen einmal zu Ende und Eastwood setzte sich in den Flieger nach Hause, zumindest um einige Erfahrungen reicher, denn aus dem Film konnte nichts werden, oder? Sergio Leone machte sich zusammen mit Cutter Roberto Cinquini an die Postproduktion. Zu ihnen stieß ein dritter Mann, über den sich Leone zunächst gar nicht freute. Die Produzenten hatten ihren Stammkomponisten Dan Savio engagiert, der die Musik zu all ihren Westerns machte. Und die war furchtbar generischer Mist, wie Leone findet. Zu seiner Überraschung kannte er Savio allerdings. Aus der Grundschule. Sein richtiger Name ist Ennio Morricone und der eröffnete dem alten Schulfreund sofort, dass er das Nachäffen amerikanischen Westernsounds selbst Leid war. So entwickelte er hier einen gänzlich neuen Stil, bei dem sich E-Gitarren und Maultrommeln ergänzten, Platz einräumten für Trompetensoli und der angereichert wurd mit Pistolenschüssen, Peitschenknallen, Kojotengeheul und menschlichem Stöhnen und Schreien. Jeglicher Gesang wurde durch Pfeifen ersetzt. Weiter entfernt vom amerikanischen Westernsound konnte man nicht mehr sein.

Und dazu passend setzten Leone und Cinquini nun die Bilder um. In einen Poncho gekleidet reitet der Fremde (Eastwood) auf einem Maultier aus der Wüste heran. Von weitem gesehen mag man fast denken wieder in einem Bibelfilm zu sein. An einem Brunnen rastend beobachtet er desinteressiert wie einige Männer einen kleinen Jungen und dessen Vater misshandeln. Kurzzeitig wird sein Interesse geweckt als er die schöne Marisol (Marianne Koch) an einem Fenster erblickt. Als die seinen Blick bemerkt schlägt sie schnell den Fensterladen zu. Nun reitet der Fremde weiter nach San Miguel. Die Totenglocke läutet, als er unter einem Galgenstrick hindurch in die Stadt reitet. Aus der Stadt heraus reitet eine Leiche, die jemand aufs Pferd gesetzt und ihr ein Schild mit „Adios Amigo“ darauf an den Rücken geheftet hat. Vom Saloonbetreiber (Jose Calvo) erfährt der Fremde, dass zwei Banden, eine um Sheriff John Baxter (Wolfgang Lukschy) und eine um Ramon Rojo (Gian Maria Volonte), die Stadt unter sich aufgeteilt haben. Alle anderen Bewohner sind nur noch Opfer. Ein Mann der zu töten bereit ist könne allerdings schnell reich werden. Wer sich fragt, was es braucht damit der Fremde tötet, der schaue auf den Titel des Films. Doch bald stellt sich heraus, dass er die beiden Gangs gegeneinander ausspielt. Er befreit Marisol und gänzlich selbstlos auch ihren kleinen Sohn und ihren Mann. Der Fremde scheint einem Wertesystem zu folgen, allerdings keinem, das einfach zu durchschauen ist. Wenn er am Anfang aus der Wüste selbst zu entstehen scheint und die Kamera später zwischen den epischen Landschaftsaufnahmen und Großaufnahmen des Gesichts des Fremden wechselt, dann wirkt er beinahe wie eine Manifestation der rauen, launischen Landschaft, die den Schandfleck San Miguel nicht mehr erträgt.

Dieser Film ähnelte nichts, was das Westerngenre bisher ausgemacht hatte. Er war düster, brutal und fies. Moralische Ansätze waren bestenfalls stückhaft erkennbar, ein strahlender Held nicht zu finden. Nun galt es nur noch ihn auf dem Filmfestival von Sorrent an interessierte Verleiher und Kinoketten zu verkaufen. Es folgte ein böses Erwachen. Absolut niemand wollte diese dreckige Kleinstproduktion haben. Wer zur Hölle war Clint Eastwood? Wer um alles in der Welt sollte Sergio Leone sein? Was war das für ein Unsinn? Warum klang das so komisch? Der verzweifelte Versuch Leones Namen in „Bob Robertson“ und Morricones zurück zu Savio zu ändern, um eine amerikanische Produktion vorzutäuschen half nicht. Ein einziges schmuddeliges Bahnhofskino in Florenz zeigte den Film. Es ging bloß keiner hin. So liess die Produktion in einem letzten Versuch Freikarten verteilen. Und endlich kam die Mundpropaganda in Gang. Drei Monate lief der Film schließlich mit größtem Erfolg in Florenz. Nun war das Interesse der Verleihe doch noch geweckt. Im November 1964 fand eine große Prämiere in Rom statt und der Erfolg war nicht mehr aufzuhalten. Der Rest, so möchte man sagen, ist Geschichte. Der Film wurde ein großer Triumph. Auch eine Klage Kurosawas, der zuviele Elemente aus seinem ‚Yojimbo‘ wiederentdeckte konnte den explosiven Erfolg nicht stoppen. Clint Eastwood wurde zum weltweiten Superstar. Er kehrte noch zwei Mal zu Leone zurück, für die folgenden Teile der Dollartrilogie. Er fasste auch in Hollywood Fuß, Regisseur Don Siegel gelang es sein stoisches Image auf den amerikanischen Film zu übertragen. Und als Eastwood 1992 für seinen eigenen revisionistischen, dreckigen Western ‚Erbarmungslos‘ den Oscar gewann, erinnerte er sich, wem sein erster Dank zu gelten hatte. Eben jenem kleinen, stämmigen Italiener. Und der würde noch mit all seinen Helden von seiner Liste arbeiten können und schließlich für ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ sogar im Monument Valley drehen, heiligem Boden für Westernfans. Doch auch für den Film erstellte er die meisten Außenaufnahmen in Almeria, wenn er nun auch mehrere Tonnen Sand aus Arizona einfliegen ließ. Der Authentizität wegen. Ennio Morricone würde zu einem Workaholic von Komponisten, der niemals wieder generischen Vorgaben zu folgen hätte.

Und nicht zuletzt war der Italowestern geboren. 500 Filme sollte der in 10 Jahren hervorbringen (das gibt den vielen Klagen über ca. 5 Superheldenfilme pro Jahr vielleicht etwas Perspektive). In diesen 10 Jahren wurden die Zutaten verfeinert (aber nie wesentlich verändert), ein Höhepunkt der Qualität erreicht, überschritten und der Moment unfreiwilliger und freiwilliger Parodie erreicht. Mitte der 70er war die Luft vollkommen raus. Allerdings hat der Italowestern die Schauspiel-Karriere eines schwergewichtigen, ehemaligen Olympiaschwimmers namens Carlo Pedersoli und seines filmischen Kompagnons mit den stahlblauen Augen namens Mario Girotti, der die Rolle im ersten gemeinsamen Film ‚Gott vergibt… Django nie!‘ nur bekommen hat, weil er Django-Darsteller Franco Nero ein wenig ähnlich sieht, befeuert. Unter ihren amerikanischen Pseudonymen, die Ihr sicherlich alle kennt, wurden sie zu ihrem eigenen Genre. Aber das ist eine andere Geschichte aus Italien für ein anderes Mal.

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3 Gedanken zu “Es war einmal in Italien: ‚Für eine Handvoll Dollar‘ (1964)

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