Das Wort im Bild verdreht: Autoren, die mit der Verfilmung Ihrer Bücher unglücklich sind

Buch und Film sind zwei Medien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein Buch arbeitet rein über das Wort, über die Beschreibung, über seine Prosa. Film ist ein optisches Medium, ein Film zeigt, er muss zeigen, dass macht ihn aus. Literarische Stilmittel sind unmöglich 1 zu 1 auf den Film übertragbar, die Verfilmung eines Buches kann also stets nur versuchen die Essenz der Vorlage einzufangen. Ein weiterer wichtiger Unterschied, der uns hier beschäftigen wird ist, dass ein Buch üblicherweise der Ausdruck der künstlerischen Vision einer einzelnen Person ist, ein singuläres Werk. Selbst der größte Vertreter der Auteur-Theorie wird aber wohl zugeben, dass ein Film fast immer ein kollaboratives Werk ist. Manche Regisseure oder Produzenten können einem Film sicherlich gut sichtbar ihren Stempel aufdrücken, doch am Ende kommen auch sie nie ohne Darsteller, Kameraleute, Beleuchter oder Komponisten aus. Dass Autoren gelegentlich ihre eigene, singuläre Vision in einem Film nicht mehr wiederfinden überrascht also nicht. Heute will ich mir mal einige herausragende Fälle ansehen. Und um Missverständnissen vorzubeugen: Die im Folgenden wiedergegebenen Ansichten der Autoren sind nicht die meinen.

Beginnen wir mit einer Auseinandersetzung, die derart heftig geführt wurde, dass sie selbst zu einem Film geworden ist, nämlich ‚Saving Mister Banks‘. Autorin P.L. Travers und Studiochef Walt Disney sind nicht unbedingt Freunde geworden. Travers hatte zahlreiche Anmerkungen zur Verfilmung von ‚Mary Poppins‘ (1964). Sie fand die Musik furchtbar, mochte die animierten Sequenzen so gar nicht und fand selbst die Besetzung mit Julie Andrews falsch. Sie war ihr nicht streng genug. Disney ignorierte all diese Anmerkungen und Travers bekam keine Einladung zur Prämiere. Sie kam trotzdem und soll während der Vorführung in Tränen ausgebrochen sein. Sie wollte Disney nie wieder die Rechte an einem ihrer Werke verkaufen. 14 Jahre später schien sie allerdings ihren Frieden mit dem Film gemacht zu haben. Travers: „Ich habe ihn ein- zweimal gesehen[…]es ist für sich genommen ein guter Film, hat aber nichts mit meinen Büchern zu tun.“[1]

Etwas schneller versöhnlich zeigte sich Anne Rice. Zumindest bei ‚Interview mit einem Vampir‘ (1994). Hier war sie über die Besetzung des Vampirs Lestat mit Tom Cruise geradezu entsetzt. Sie forderte die zahlreichen Fans ihrer Bücher öffentlich auf dem Film fernzubleiben, sehr zum Missfallen von Produzent David Geffen. Als sie allerdings den fertigen Film sah, änderte sie ihre Meinung schlagartig und schaltete auf eigene Kosten ein ganzseitige Anzeige im Magazin „Variety“ in der sie Cruises Leistung lobt und zum Ansehen des Films auffordert. ‚Queen of the Damned‘ hingegen hasst sie bis heute und betrachtet ihn als Verstümmelung ihres Buches.

Anthony Burgess hat nie ein gutes Wort für Stanley Kubricks Verfilmung seines Romans ‚A Clockwork Orange‘ (1971) gefunden. Er war der Meinung die Darstellung im Film glorifiziere die Bande von Vergewaltigern und Mördern um Alex De Large. Er sagte zwar nie, dass Kubrick das Buch missverstanden hätte, war allerdings der Meinung, der Film würde es seinerseits dem Publikum sehr leicht machen die Aussage des Buches misszuverstehen. Allerdings fand er später auch wenige freundliche Worte für sein Buch selbst. Es sei seinem jugendlichen Wunsch nach einem gewissen Berüchtigtsein entsprungen und zu didaktisch um wirklich Kunst zu sein.

Kubricks Vision traf auch nicht die Idee von Autor Stephen King. In ‚Shining‘ (1980) sei es Kubrick nicht gelungen das unmenschliche Böse des Hotels einzufangen oder auch nur zu verstehen. Stattdessen habe er nach dem Bösen in den Charakteren gesucht. Machte eine familiäre Tragödie daraus, die alle übernatürlichen Elemente zur Seite drängen würde. Auch für Jack Nicholsons Darstellung hat King nicht viel übrig. Er hätte sich gewünscht, das klar wird, dass Jack Torrance anfangs ein guter Mensch ist, eben bis er ins Hotel kommt. Nicholson spielte ihn allerdings von Anfang an etwas neben der Spur. Kurz ‚Shining‘ sei ein „großer, wunderschöner Cadillac ohne einen Motor darin.“[2] 1997 drehte King gemeinsam mit Regisseur Mick Gariss eine Version fürs Fernsehen, die eher seiner Idee entsprach.

Bret Easton Ellis mag kaum eine Umsetzung seiner Bücher. Besonders unzufrieden ist er aber mit ‚American Psycho‘. Ein Film, so meint er, könne nie dieselbe Ambiguität hervorrufen, wie ein Buch. Am Ende sollen wir unsicher sein, wie viel an Patrick Batemans Geschichte nun Wahrheit und wie viel Fantasie ist, was bei einem Film zu Frustrationen führt. Außerdem sieht er Regisseurin Mary Harron als Fehlbesetzung. Frauen könnten keine Filme drehen, dafür brauche es den „male gaze“, den männlichen Blick. Abgesehen davon schauten Frauen Filme auch anders als Männer, aufgrund dessen wie sie „gebaut“ seien.[3]  Nachdem ich hierfür ein wenig von und über Ellis gelesen habe frage ich mich, ob er Patrick Bateman als den Helden seines Buches betrachtet…

Manchmal haben die Auseinandersetzungen zwischen Autoren und Filmemacher aber auch ganz handfeste Hintergründe. Winston Groom, Autor der Vorlage zu ‚Forrest Gump‘ (1994) war nicht sehr glücklich damit, dass seine Sprache bereinigt wurde und die eine oder andere Sexszene „hollywoodisiert“ wurde. Ernsthaft sauer wurde er allerdings, als die vertraglich zugesicherten 3% Beteiligung am Gewinn des Filmes ausblieben. Aus Ärger wurden Klagen wurden Aussagen des Studios der Film habe nach Abzug der Werbekosten eigentlich gar keinen Profit eingespielt. Eine letzte Beleidigung war dann, dass Groom in keiner der sechs Dankesreden für gewonnene Oscars auch nur mit einem Wort erwähnt wurde. Kann man ihm da verdenken, dass er Forrest die Buchfortsetzung ‚Gump and Co.‘ mit den Worten „Don’t never let nobody make a movie of your life’s story“ eröffnen lässt?

Und dann ist da noch Richard Matheson. Sein Roman „Ich bin Legende“, um den letzten Menschen auf einer von Vampiren bevölkerten Welt wurde bereits drei Mal verfilmt. Zum ersten mal 1964 mit Vincent Price in der Hauptrolle als ‚The Last Man on Earth‘. Matheson sah Price als Fehlbesetzung an. Eine weitere Verfilmung folgte 1971 als ‚Der Omega Mann‘ mit Charlton Heston in der Hauptrolle. Der Film hatte allerdings, so Matheson, mit seinem Buch quasi nichts mehr zu tun. 2008 folgte dann ‚I Am Legend‘ mit Will Smith. Matheson: „Ich weiß nicht warum Hollywood so fasziniert von meinem Buch ist, wenn sie es nie hinbekommen es vernünftig umzusetzen.“[4]

Und nun zum eigentlichen Grund für diesen Artikel. Vor einiger Zeit habe ich mal wieder „Die Unendliche Geschichte“ gelesen. Und, wohl zum ersten Mal seit der Kindheit, kurz darauf den Film gesehen. Obwohl ich den Film mag dachte ich mir, dass Michael Ende damit nicht zufrieden sein kann. Der ganze zweite Teil, der Wiederaufbau Phantasiens, Bastians eigentliche Herausforderung fehlt. Stattdessen erschreckt er am Ende ein paar Bullies mit Fuchur. Das ist etwas billig und da geht ein wenig das Herz des Buches verloren. Ich ahnte nicht wie Recht ich hatte. Ende hasste den Film, anders kann man es nicht ausdrücken. Nachdem Ende die Filmrechte für seinen weltweit erfolgreichen Roman an Bernd Eichingers „Neue Constantin Film GmbH“ verkauft hatte schrieb er selbst eine erste Fassung des Drehbuchs. Als er dann eine überarbeitete Fassung zurückbekam, sah er sein Werk derart entstellt, dass er erfolglos versuchte die Rechte zurückzukaufen. Noch vor der Premiere erhielt er eine erste Vorführung des Films. Was er dort sah bezeichnete er als „Ein gigantisches Melodram aus Kitsch, Kommerz, Plüsch und Plastik.“[5] Er verbietet seinen Namen im Zusammenhang mit dem Film zu erwähnen und reicht gemeinsam mit dem K.Thienemanns Verlag Klage gegen die Neue Constantin ein. Sie verlieren und vor allem die Urteilsbegründung erzürnt Ende weiter. Ende: „Es sei zwar richtig, dass es sich um eine grobe Entstellung meines Buches handle, doch da der Film sich vorwiegend an ein jugendliches Publikum wende, spiele das keine Rolle.“[5] Der Prozess kostete Ende schließlich mehr als er für die Filmrechte bekommen hat und er hat nie seinen Frieden mit Wolfgang Petersens Film, geschweige denn den schwachen Fortsetzungen gemacht.

Gibt es Buchverfilmungen, die Euch (ob Ihr nun selbst die Autoren seid oder nicht) besonders sauer aufgestoßen sind? Oder welche, die Ihr ganz besonders gelungen findet?

 

 

[1] http://www.historyvshollywood.com/reelfaces/saving-mr-banks.php

[2] http://blogs.indiewire.com/theplaylist/stephen-king-says-stanley-kubricks-the-shining-is-like-a-big-beautiful-cadillac-with-no-engine-inside-it-20160203

[3] http://calitreview.com/9109/bret-easton-ellis-film-requires-the-male-gaze-female-directors-need-not-apply/

[4] http://iamlegendarchive.blogspot.de/p/richard-matheson-interview.html

[5] http://www.michaelende.de/autor/biographie/das-unendliche-filmdebakel

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36 Gedanken zu “Das Wort im Bild verdreht: Autoren, die mit der Verfilmung Ihrer Bücher unglücklich sind

  1. Ich fand Needfull Things, von Stephen King, gut getroffen.
    PULSE (auch King), war, trotz Top Schauspieler, einer der schlechtesten Filme, die ich je sah. Ich fand das Buch Hammer, konnte den Film aber, aufgrund seiner Schlechtigkeit, nicht zu ende sehen

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  2. Sehr interessanter Artikel. Da die Autoren häufig jahrelang mit ihren Werken beschäftigt sind, Herzblut einbringen und die Figuren und Handlung nach ihren Anliegen und Vorstellungen entwerfen, muss es schwierig sein, zu sehen, wie all dies teilweise völlig entstellt wird, um es einem Zielpublikum gerecht zuzustutzen.

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    • Auf jeden Fall. gerade die „Hollywoodisierung“, der Versuch das breitest-mögliche Publikum zu erreichen, muss sehr schmerzhaft sein. Beim ‚Interview mit einem vampir‘ war tatsächlich angedacht die Rolle des Louis (Brad Pitt im endgültigen Film) aufgrund der damals noch weit homophoberen Gesellschaft durch eine Frau zu ersetzen. Angeblich war wohl sogar Cher schon gecastet, als man beschloss doch ein Risiko einzugehen.

      Die Rechte fortzugeben und dann „marktkonforme“ Veränderungen zu sehen muss wahnsinnig frustrierend sein. Es gibt eine sehr schöne Kurzgeschichte von Neil Gaiman „The Goldfish Pool and Other Stories“ in der er persönliche Erlebnisse mit Filmproduzenten und Geschichten aus der goldenen Ära Hollywoods verknüpft. Gibt es leider nicht (offiziell) online. Hätte ich sonst gerne im Artikel verlinkt.

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      • Aber cool ist ja, dass Frau Rice ihre Vorurteile gegenüber Tom Cruise revidieren konnte. Die Änderungen, die du erwähnst, hätten den Film garantiert nicht besser gemacht. Ich weiß gar nicht, ob Autoren sich in Verträgen gewissen Mitspracherechte sichern können. Allerdings müssten die Filmverantwortlichen wohl schon sehr interessiert an dem Stoff sein, denn wäre es für sie sicher nachteilig, einem Autor solche Rechte zuzugestehen.

        Wo gibt es denn die genannte Kurzgeschichte? Klingt interessant.

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  3. Sehr interessantes und spannendes Thema, einige der Beispiele kannte ich noch gar nicht. King kann ich übrigens zustimmen, als Verfilmung ist Kubricks „Shining“ wirklich nichts geworden. Es ist aber dennoch ein grandioser Film.
    Kings TV Fassung macht leider den elemantaren Fehler, zuviel auf Dialoge zu setzen. Es ist nunmal kein Buch, sondern ein visuelles Medium. Schade drum, der „neue“ Jack Torrance hat mir z.B. wirklich gut gefallen.

    Ob ich weitere Beispiele kenne? Ja, ich verweise auf meinen Blog. Meine Güte, hat mich „The Dark Tower“ aufgeregt. 😀

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  4. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (14-08-17)

  5. Was American Psycho angeht bin ich gespannt. Hast du eine Quelle wo Ellis das gesagt haben soll? Nach allem was ich von ihm weiß (hab mich im Studium mit ihm etwas beschäftigt) mochte er den Film sehr wohl. Abgesehen von Bales Moonwalk, wenn er Paul Allen in Stücke hackt. Wobei ich diese Szene liebe 😉

    Ich kann es natürlich nicht beweisen. Aber ich vermute, dass Pierre Boulle sich im Grab umdrehen würde, wenn er sehen könnte was Tim Burton mit seinem Planet der Affen angstellt hat.

    Scorseses Shutter Island (Roman von Dennis Lehane) ist hingegen sowohl als Film als auch als VERFILMUNG genial. Zumindest meiner Meinung nach. 🙂

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  6. Super Artikel und wirklich sehr interessantes Thema 🙂 !
    Hast du den alle Filme gesehen und die dazugehörigen Filme gesehen?

    Also ich war zum Beispiel sehr enttäuscht von der filmischen Adaption der Divergent-Reihe….die Bücher sind nämlich wirklich berührend, spannend und absolut lesenswert und in den Filmen wird daraus der übliche JA Einheitsbrei und die Geschichte mit jedem Teil immer weiter verunstaltet!

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    • Die Filme habe ich, bis auf die erste ‚I am Legend‘ Fassung, alle gesehen. Von den Büchern kenne ich nur ‚Die Unendliche Geschichte und eben ‚I am Legend‘. Ich habe z.B. erst hierdurch erfahren, dass ‚Forrest Gump‘ auf einem roman beruht. Aber da ich ja die Meinungen der Autoren und nicht meine wiedergebe halte ich das für legitim.

      Der ‚Hunger Games‘ Erfolg hat ja in den letzten jahren einen richtigen Run auf YA Dystopien ausgelöst, wundert mich nicht, dass da nicht alles Gold ist. Divergent habe ich nicht gesehen aber ich glaube einen etwas merkwürdigen Ausschnitt wo Leute aus einem Zug springen…

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      • Klar ist das legitim…hab nur aus Interesse gefragt 😉!

        Ja, der Hype um YA Bücher samt dazugehörigen Verfilmung ist in den letzten Jahren wirklich explodiert und leider ist nur weniges wirklich gut…aber Hunger Games war eigentlich bis auf den ersten ganz okay

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        • Ich hab nur die ersten 2 gesehen und fand den ersten besser… 😉 müsste ich mal zuende führen.

          Ich hab das Gefühl das flaut aber auch schon wieder ab, weil keiner ausser den Hunger Games der Mega Erfolg geworden ist.

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          • Mir hat der zweite besser gefallen…beim ersten fand ich das Spiel der meisten Mimen ziemlich hölzern und hatte immer das merkwürdig Gefühl, dass etwas von der Geschichte fehlt 🤔

            Ja stimmt…an die Hunger Games kam keiner sonst ran

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          • Ich glaube bei mir wars nur, dass ich and en ersten mit sehr geringen Erwartungen rangegangen bin und positiv überrascht wurde. Beim zweiten hatte ich dann ne Erwartungshaltung, die nur so gerade eben erfüllt wurde.

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          • Bei mir war es genau umgekehrt…wegen einer Freundin hatte ich an den ersten sehr hohe Erwartungen und weil mir der dann eigentlich nicht wirklich gefallen hat dafür dann beim zweiten gar keine😉

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  7. Pingback: Goldees Lesezeichen: August 2017 | Ma-Go Filmtipps

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