Wenn Kleopatra im Himmelstor baden geht – vom Film-Flop

Was ist das eigentlich, ein Flop? Nur um das gleich klarzustellen, ich rede hier nicht von rein kritischen Flops. Jeder einzelne ‚Transformers‘ Film wurde von der Kritik zerrissen aber niemand denkt über die Filme als „Flop“. Kritikerschelte (und unzufriedenes Publikum) ist ein Teil des „Flop-tums“ aber nicht das Wesentliche. Ordentlich Verlust muss ein Film einfahren, um ein Flop zu sein. Ein kleiner Film kann eigentlich gar nicht floppen, auch wenn gelegentlich in Medien gerne mal Geschichten von Filmen auftauchen, die in einem Land nur 30 Währungseinheiten eingespielt haben. Der Grund dafür ist aber immer der dass die Macher für einen Tag ein kleines Kino gemietet haben, um rechtliche Bestimmungen zu erfüllen, der Film aber eigentlich fürs Heimkino gedacht ist. Nein, eine gewisse Gigantomanie ist für einen „richtigen“ Flop unverzichtbar. Um ein genaueres Bild zu bekommen, was unsere Idee eines Flops ausmacht ist es vielleicht hilfreich auf eine Reihe quasi-mythologischer Flops zu blicken. Einen von denen werdet ihr sicher schon vor Augen haben. Aber während wir das machen, habe ich eine Frage für euch: was ist der (bislang) größte Flop von 2017? Die Antwort gibt es später (nicht spicken!).

Deutlich vor meiner Zeit aber trotzdem ein Sinnbild für den Flop schlechthin ist wohl ‚Kleopatra‘ von 1963 mit Elizabeth Taylor in der Titelrolle. Von 20th Century Fox ursprünglich als recht kleine Produktion geplant, ging von Anfang an alles schief. Das Drehbuch wurde nicht rechtzeitig fertig, die Kulissen und Requisiten im britischen Studio wurden ebenfalls erst mit Verspätung fertig. Die Termine für die Dreharbeiten verzögerten sich so sehr, dass Julius Cäsar und Markus Antonius neu besetzt werden mussten. Taylor als Kleopatra sollte das Zugpferd für den Film werden und konnte nicht neu besetzt werden und so explodierte ihre Gage von anfänglich 1 Million zu unerhörten 7 Millionen (inflationsbereinigt für 2017 sind das 55 Millionen!). Dann erkrankte Taylor schwer und die Dreharbeiten wurden für eine bessere Rekonvaleszenz aus dem nasskalten England nach Rom verlegt. Was bedeutete das alle Kulissen und Requisiten neu erstellt werden mussten. Von anfangs einmal geplanten 2 Millionen war das Budget auf über 31 Millionen (2017 ca. 243 Mil.) angeschwollen. 20th Century Fox befand sich am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Als dann Regisseur Mankiewicz mit einer 6stündigen Schnittfassung ankam, brach den Produzenten endgültig der kalte Schweiß aus. Sie zwangen Mankiewicz (der plädierte den Film in zwei zu teilen) eine vierstündige Fassung zu erstellen. Doch, um die Zahl täglicher Vorstellungen zu erhöhen wurde der Film noch einmal auf 3 Stunden gekürzt – was die Handlung nun kaum noch nachvollziehbar machte. Die Kritiken waren zwar äußert durchwachsen, doch Fox konzentrierte seine Werbung auf den gigantischen materiellen Aufwand der im Film steckte und lockte allein dadurch ein Publikum. Nicht genug um die Produktionskosten sofort wieder einzuspielen aber genug um das Studio zu retten. Inzwischen ist der Film längst profitabel und die 4 Stunden Version weitgehend rekonstruiert.

Fox konnte sich retten aber für ein anderes Traditionsstudio kam jede Hilfe zu spät. United Artists hat den finanziellen Schlag, den ihm ‚Heaven’s Gate‘ (1980) versetzt hat nicht überlebt. Die 70er Jahre waren in Hollywood eine kurze „Auteurs-Zeit“. Die Studios ließen den Filmemachern weitgehend freie Hand, weil Leute wie Woody Allen, Stanley Kubrick, George Lucas oder Steven Spielberg dennoch Millionen in die Kassen spülten. Michael Cimino schien sich in diese prestigeträchtige Reihe einzuordnen. Mit ‚Die durch die Hölle gehen‘ hatte der Neuling 1978 fünf Oscars abgesahnt und so sah man bei United Artists mit großen Erwartungen auf sein Western-Epos, dass eben dieses Studio produzierte. 11 Millionen Budget waren veranschlagt. Doch der Film fiel beinahe sofort hinter seinen Produktionsplan zurück. Der schon immer recht aufschneiderische Cimino (er log regelmäßig über Dinge wie sein Geburtsdatum oder seinen Militärdienst) schien nun bald nicht nur egomanisch, sondern beinah megalomanisch und besessen. Alles musste exakt nach seinen Vorstellungen ablaufen. Als eine Straßenkulisse 2 Meter zu schmal gebaut wurde, ordnete er an sie komplett abreißen und neu bauen zu lassen. Den Hinweis es reiche doch eine Seite abzureißen und zu versetzen ließ er nicht gelten. Einmal sah er einen Baum, der ihm besonders gut gefiel. Er ließ ihn in Scheiben schneiden zum Set transportieren und hier wieder verleimen. Er verschoss mehr Filmmaterial als irgendein anderer Film bis zu dieser Zeit. Die Dreharbeiten streckte sich so sehr, dass John Hurt Zeit hatte „zwischendurch“ den gesamten ‚Der Elefantenmensch‘ abzudrehen. Ein schönes Beispiel für den inszenatorischen Overkill ist die Rollschuhtanz-Szene. Schaut mal wie viel Choreografie, wie viele Statisten und wie viel allgemeiner Aufwand in dieser „kleinen“ Szene stecken (nicht zuletzt der Bau der Halle):

Am Set wurde Cimino gehasst, bekam den Spitznamen „der Ayatollah“ und die Kosten explodierten, natürlich. 44 Millionen (2017 ca. 160 Mil.) standen am Ende zu Buche. Ciminos Schnittfassung war über 5 Stunden lang. Für die USA wurde eine 2 1/2 Stundenversion vom Studio angefertigt. Die Kritiken waren vernichtend und niemand wollte den Film sehen. In Europa kam er (nicht zuletzt dank einer deutlich längeren Schnittfassung) weit besser an, doch das Interesse war auch hier nicht groß genug, um die Kosten annähernd zu decken. United Artists war pleite und wurde von MGM aufgekauft. Heute existiert nur noch der Name. Die kurze Auteurs-Zeit Hollywoods war damit weitgehend beendet.

Der Flop meiner Jugend war ‚Waterworld‘. Darüber habe ich hier aber bereits ausführlich geschrieben und will mich nicht zu sehr wiederholen. Nur so viel: Dreharbeiten auf See sind schwierig, langwierig und teuer. Kevin Costners teilweise arrogantes, teilweise verschwenderisches Verhalten während der Dreharbeiten half ebenfalls nicht, die Kosten explodierten, die Medien witzelten über ‚Kevin’s Gate‘ und machten jedes denkbare „absaufen“-Wortspiel. Der Film wurde ein Verlust, doch ähnlich wie bei ‚Kleopatra‘, half eine Werbestrategie, die direkt auf den gigantischen Kosten aufbaute den Schaden gering zu halten.

Was sind nun die Gemeinsamkeiten dieser „mythischen“ Flops? Explodierende Kosten sicherlich zum einen, wobei zumindest zwei der Filme keine gigantischen Verluste darstellten. Ich denke aber was sie als Flop wirklich interessant macht, ist das man den Fehlschlag (zu Unrecht!) an einer einzelnen Person festmachen kann. Taylor, Cimino und Costner. Schon hat man eine Geschichte persönlicher Überheblichkeit, die bestraft wurde. Einen arroganten Ikarus, der zu nah an die Sonne flog und nun mit geschmolzenen Wachsflügeln ins Meer klatscht. Von den dreien hat zwar nur Cimino, der nach dem Film quasi persona non grata in Hollywood war, Konsequenzen erfahren (Costner konnte sogar direkt noch einen zweiten Flop mit ‚Postman‘ hinterherschieben) aber die Geschichte ist gut. Vielleicht sogar besser als die Filme. Dieses Muster taucht auch bei bekannten „kleineren“ Flops auf. ‚Gigli‘ – Jennifer Lopez, Ben Affleck; ‚Glitter‘ – Mariah Carey; ‚Pan‘ – Joe Wright; ‚Mortdecai‘ – Johnny Depp usw.

Aber wisst ihr was der größte Flop aller Zeiten ist? Ein Dreamworks Film. Die klassische Animation ‚Sinbad – Der Herr der sieben Meere‘ von 2003. Ich gebe zu, ich habe noch nie von dem Film gehört. Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil sich keine starke Einzelgeschichte mit dem Film verbinden lässt. Es war nicht „die Arroganz einer einzelnen Person“, die am Scheitern „schuld“ war. Deshalb lässt sich daraus keine gute Überschrift und keine gute Geschichte machen. Inflationsbereinigt 163 Millionen Verlust hat „Sinbad“ eingefahren. Sein Scheitern und das beinahe zeitgleiche, ebenso schmerzliche, von ‚Titan AE‘ (ca. 140 Millionen Verlust in 2017 Geld) sind jedenfalls einer der Gründe für das Ende des klassischen Zeichentricks aus Hollywood. Das sind vielleicht die wahren Flops, die über die niemand mehr spricht. ‚Die 47 Ronin‘ mit Keanu Reeves? War ein Riesenflop, niemand spricht jemals über den Film. Der ‚Final Fantasy‘ Film oder ‚Lone Ranger‘ sind entweder schon vergessen oder auf dem Weg dahin. Ganz anders ‚Kleopatra‘ und ‚Waterworld‘, die sind immer eine launige Bemerkung wert, die hat man gesehen, gerade weil sie so berühmt für ihr Scheitern sind.

Was mich zu meiner Ausgangsfrage zurück bringt: was war der größte Flop 2017 (bis jetzt)? Naiv dachte ich es sei bestimmt ‚Ghost in The Shell‘. Ein Nischenthema, kontrovers diskutiert, Remake eines (zumindest in der Nische) beliebten Films. Der ist zwar auch ordentlich gefloppt (60 Millionen Verlust), doch bei weitem nicht der größte Flop. Das ist (Trommelwirbel) ‚King Arthur: Legend of the Sword‘, ein Film, ich wage es voraus zu sagen, über den in 2 Jahren niemand mehr sprechen wird. 150 Millionen Verlust (wobei er noch nicht fürs Heimkino vorliegt!). Kontroversen und Flopgerüchte schüren genau das Interesse, das einen eigentlichen Flop verhindern kann. ‚King Arthur‘ aber tauchte auf und verschwand wieder und kaum jemanden hat es interessiert. Floppiger geht’s kaum.

Habt ihr richtig geraten? Wenn nicht würden mich eure Tipps und die Begründungen dafür interessieren! Gibt es ansonsten Flops die ihr faszinierend findet? Oder Filme die Eurer Meinung zu Unrecht gefloppt sind? Für mich ist Letzteres ‚Speed Racer‘. Über meine Liebe zu dem werde ich bald mal ausführlicher schreiben müssen…

5 Gedanken zu “Wenn Kleopatra im Himmelstor baden geht – vom Film-Flop

    • Du hast völlig recht, das hatte ich ja auch in der Einleitung geschrieben, dass es meistens Filme sind, die bei der Kritik (und beim Publikum) nicht besonders gut wegkommen. Heaven’s Gate fand ich ehrlich gesagt besser als erwartet, vermutlich weil ich mit niedrigen Erwartungen rangegeangen bin. Waterworld einfach nur öde und zu den 4 Stunden Kleopatra konnte ich mich bisher nie durchringen.

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      • Am Anfang fand ich Heaven’s Gate sogar ganz gut, weil der Film die Härte des Wilden Westens voll zeigte, mit Menschen als *Pflugtieren*. Irgendwie zog sich alles in die Länge, ich begann die historischen Hintergründe zu googlen und stellte fest, dass die wichtigste Person der Historie, Billy the Kind, im ganzen Film nicht auftaucht. (Oder ich habe habe es vor lauter Langeweile nicht mitbekommen.)

        Cleopatra…ich weiß wirklich nicht, wie man sich solche Ausstattungsfehler wie Männer in Glitzerkostümen und chinesische Ägypterinnen leisten kann. Bei dem ganzen Geld sollte doch noch das Gehalt für einen Historiker dringesessen haben, der beratend zur Seite stand.

        (Wobei so pseudoauthentische Serien wie *Rom* fast noch gefährlicher sind, aber das ist ein anderes Thema.)

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