Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 1: Vampire

Hier sind die Regeln, wie ich sie verstehe: der 31. Oktober war einmal der Reformationstag. Nun ist er Halloween und Halloween ist nicht nur ein Tag, sondern ein Monat und dieser Monat ist gruselig! Ein guter Zeitpunkt also unser furchtsam zuckendes Auge auf ein paar Spuktakuläre Filmmonster zu richten!

So nebulös sind die Ursprünge des Vampirs, dass man sich nicht einmal ganz klar ist woher der Begriff ursprünglich einmal kam. Sicherer ist man sich wo der Glaube an den Vampir seinen Ursprung hat: im südöstlichen Europa. Hier glaubte man, manche Leichen würden sich nach ihrem Tod aus dem Grab erheben. Wurde das Grab daraufhin untersucht und es fanden sich untrügliche Spuren vampirischer Umtriebe, wie ein schiefes Kreuz auf dem Grab oder ein (Mause-)Loch in der näheren Umgebung, dann gab es verschiedene Möglichkeiten, dem ein Ende zu setzen. Die Leiche konnte verbrannt oder enthauptet werden oder aber mit einem spitzen Holzpflock an ihrem Sarg festgenagelt werden. All das sollte ihr unhöfliches Verhalten unterbinden. Denn mehr „Herumwandern während tot“ warf man ihnen selten vor. Blutsaufen wurde im Volksglauben nicht mit Vampiren verbunden, sondern mit Strigoi. Diese konnten sowohl untote Widergänger als auch dämonisch besessene Lebende sein. Ihr Name lässt sich zurückführen auf ein römisches Märchen um bluttrinkende Vögel.

Der Vampir als bluttrinkendes Monster tauchte zwar schon vor Abraham „Bram“ Stoker gelegentlich in der Literatur auf, doch verhalf ihm der irische Schriftsteller zum konkreten Weltruhm. Denken wir an Vampire, dann denken wir auch heute noch an seinen Briefroman ‚Dracula‘ von 1897. Hier legte Stoker den massiven Grundstein unseres Bildes vom Vampir, seiner Stärken und seiner erstaunlich zahlreichen Schwächen. Letztlich war Dracula das Verführerische aber auch das Beängstigende des Alten, des Vergangenen das einfach nicht enden möchte. Er wird von einer Gruppe moderner, junger Menschen mithilfe exakter internationaler Fahrpläne und doppelt auf der Schreibmaschine getippten Berichten besiegt. Die Moderne triumphiert über die verderbliche Verführung des Altvorderen.

So mag es überraschen, dass das Wort „Vampir“ im Film zunächst eine andere Bedeutung hatte. In ‚The Vampire‘ von 1913 beschreibt es keinen blutsaugenden Untoten, sondern eine verführerische Frau. Das nimmt Bezug auf ein Gedicht von Rudyard Kipling mit demselben Titel (ebenfalls von 1897). Der Begriff „Vamp“ ist ja auch heute noch geläufig, wenn auch nicht unbedingt gebräuchlich. Der erste „echte“ Vampir tauchte 1922 in F.W. Murnaus ‚Nosferatu‘ auf. In dieser nicht genehmigten Verfilmung des Stoker Stoffes wurde Dracula durch den scheußlichen Grafen Orlok ersetzt. Ein bleiches, kahles, dürres Monster mit langen, spitzen Schneidezähnen, wie eine Ratte. Murnau lieferte nicht nur einen hervorragenden Film ab, er leistete auch einen wichtigen Beitrag zur Vampir-Mythologie: Orlok wird vom Tageslicht zu Staub verbrannt, eine Schwäche, die Dracula bislang nicht besaß.

1932 kam ‚Vampyr‘ vom dänischen Regisseur Carl Theodor Dreyer in die Kinos. Er bediente sich Elementen des Stoker-Vorläufer-Werks ‚Carmilla‘ (1872) von Sheridan Le Fanu, in dem eine lesbische Vampirin eine junge Frau verführt (und damit den Bogen vom Vampir zum Vamp spannt). Der Film war ein großer Misserfolg, gilt heute aber als ein Meisterwerk.

Weit erfolgreicher war Todd Brownings offizielle ‚Dracula‘ Verfilmung (1931), in der Bela Lugosi auf Jahrzehnte das Bild des Vampirs als elegantem Verführer prägen würde. Allerdings weigerte sich Universal das „penetrative“ Element der Verführung zu zeigen, weder ‚Dracula‘ noch die Fortsetzungen zeigten die Vampirfänge oder direkt den Biss. Dracula bekam für die Fortsetzungen eine Tochter und einen Sohn, bevor er selbst zweimal zurückkehrte (gespielt von John Carradine). Lugosi spielte ihn nur noch einmal 1948, als er sich mit dem Komikerduo Abbott und Costello herumschlagen musste. Der klassische Vampir hatte vorerst seinen Schrecken verloren.

Zehn Jahre sollte es dauern, bis er sich wieder erhob. In Form von Christopher Lee als Produktion der britischen Hammer Studios. So erfolgreich wurde ‚Dracula‘ (1958), dass er es nicht nur auf sieben zunehmend albernere Fortsetzungen brachte, sondern Hammer auch noch zahlreiche weitere Blutsauger auf das Publikum losließen. Sei es ‚Der Kuß des Vampirs‘ (1962) oder ‚Der Circus der Vampire‘ (1971), Hammers Vampire hatten Fänge, Blut floss reichlich und in den späteren Filmen zeigten gerade die weiblichen Opfer und Vampire oftmals auch viel Haut. Neben verführerisch war der Vampir nun auch offiziell sexy.

Teil von Hammers Vampir Oeuvre war die Karnstein-Trilogie (ab 1970) um die Vampirin Marcilla Karnstein (Ingrid Pitt), die in der Steiermark jungen Frauen nachstellt. Wiederrum bediente man sich ‚Carmillas‘ als Vorbild, doch stellten in den 70er Jahren lesbische Vampirfilme ein ganz eigenes Exploitation-Genre dar, dass häufig mit Softporno-Szenen beinhaltete. Weitere Beispiele wären Jesus Francos ‚Vampyros Lesbos‘ (1971) oder Jon Houghs ‚Draculas Hexenjagd‘ (1972; ebenfalls Hammer).

Nebenher entstand die Idee einer wissenschaftlichen Erklärung des Vampirismus. So z.B. als Folge einer Virusinfektion, ohne jeglichen mythischen Hintergrund. Zu sehen in der Verfilmung von Richard Mathesons Buch „I Am Legend“ als ‚The Last Man on Earth‘ (1964) mit Vincent Price als Vampirjäger in einer Welt voller Vampire. Ebenso in David Cronenbergs ‚Rabid‘ (1976). In ‚Martin‘ (1978) findet George A. Romero hingegen einen psychosomatischen Zugang. Titelfigur Martin glaubt er sei ein Vampir. Sein Onkel Cuda, der ihn vernichten will glaubt das auch. Macht es da einen Unterschied, dass Martin kein „wirklicher“ Vampir ist? Er mag keine Fänge haben, doch er hat eine Rasierklinge die ebenso gefährlich ist. Und ein Pfahl durchs Herz ist auch für einen Menschen tödlich.

Wenn also die späteren Hammer ‚Dracula‘ Filme auch eine gewisse Selbstironie entwickelten und Filme wie Roman Polanskis ‚Tanz der Vampire‘ (1967) ein humoristisches Auge auf den Mythos werfen, so hatte sich der Vampir nun in der Popkultur doch etwas zu sehr festgesetzt um wieder für längere Zeit zu verschwinden. In den 80ern werden Vampirfilme dann durchaus wild. In ‚Lifeforce‘ (1985) von Tobe Hooper sind sie Außerirdische in einem beinahe klassisch zu nennenden Science Fiction invasionsfilm. In Kathrine Bigelows ‚Near Dark‘ (1987) werden sie zu einem Sinnbild für Abhängigkeit. In ‚Fright Night‘ (1985) ist ein junger Horrorfan überzeugt sein Nachbar sei ein Vampir und bittet einen eher skeptischen Fernsehdarsteller um Hilfe.

In den 90ern kehrt Dracula zurück, sowohl ernsthaft in ‚Bram Stokers Dracula‘ (1992) als auch zutiefst albern in ‚Dracula – Tot aber glücklich‘ (1995). ‚Interview mit einem Vampir‘ (1994) zeigt die Dekadenz des Vampirs und betont die sexuelle Komponente des Bisses. Der stilsichere Thriller ‚Die Weisheit der Krokodile‘ (1998) bezieht sich in seinem Titel auf die Angewohnheit von Krokodilen beim Fressen zu weinen, die sogenannten Krokodilstränen und zeigt einen Vampir zwischen Verlangen und Liebe. Es beginnt aber auch ein Prozess den Vampir zu einem reinen Monster ohne tiefere Beweggründe zu machen. In ‚From Dusk Till Dawn‘ (1996), ‚John Carpenters Vampire‘ (1998) oder später ’30 Days of Night‘ (2007) sind die Blutsauger reine Widersacher auf dem Niveau von Zombies. Auch im Actionbereich sind sie seit den 90ern zu finden. Reihen wie ‚Blade‘ (seit 1998) oder ‚Underworld‘ (seit 2003) zeigen, dass es sowohl gute wie böse Vampire gibt oder diese mit anderen Monstern, wie Werwölfen Krieg führen.

Die ‚Twilight‘ Reihe (seit 2008) hingegen macht den Vampir zum reinen Sehnsuchtsobjekt, macht ihn zum Teil des Genres der Schulromanze. Außerdem glitzert er, oder sowas. Einen nur auf den ersten Blick ähnlichen Ansatz fährt der schwedische Film ‚So finster die Nacht‘ (2008), der die komplexe Beziehung zwischen einer 12jährigen („seit sehr langer Zeit“) Vampirin und einem einsamen Jungen darstellt, ohne diese im geringsten zu romantisieren.

Was wir sicherlich festhalten können ist, dass der Vampir heute im Film so vielseitig ist wie nie zuvor. Ob er nun in einer Wohngemeinschaft lebt, wie in ‚5 Zimmer, Küche, Sarg‘ (2014) oder sie im Tschador auf dem Skateboard durch die iranische „Bad City“ rollt (‚A Girl Walks Home Alone At Night‘ 2014), Vampire werden auch in Zukunft nicht aus dem Film wegzudenken sein und eines der produktivsten Filmmonster bleiben.

Daher konnte dieser Artikel auch nur einen sehr kleinen, von meinen persönlichen Vorlieben gefärbten Überblick geben. Alleine ‚Dracula‘ wurde über 170 mal verfilmt. Und wenn wir uns vom westlichen Vampir entfernen tun sich noch einmal ganz neue Welten auf, z.B. die des chinesischen ‚Jiang Shi‘ Genres, um die hopsende Art des chinesischen Vampirs. Erzählt mir doch von Euren liebsten Vampirfilmen, ob ich sie nun genannt habe oder nicht, während ich mir jetzt zur Sicherheit erst mal ein Stück Brot mit lecker Knobi-Butter mache!

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11 Gedanken zu “Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 1: Vampire

  1. “ Letztlich war Dracula das Verführerische aber auch das Beängstigende des Alten, des Vergangenen das einfach nicht enden möchte. Er wird von einer Gruppe moderner, junger Menschen mithilfe exakter internationaler Fahrpläne und doppelt auf der Schreibmaschine getippten Berichten besiegt. Die Moderne triumphiert über die verderbliche Verführung des Altvorderen.“

    So traurig. Und genau deshalb wäre ich wohl, wenn ich als Monster wiedergeboren werden würde, ein Vampir. Ich fühle mich nämlich auch oft so ie Dracula 😉

    „Weit erfolgreicher war Todd Brownings offizielle ‚Dracula‘ Verfilmung (1931), in der Bela Lugosi auf Jahrzehnte das Bild des Vampirs als elegantem Verführer prägen würde.“

    Stimmt. Wobei das eher an Lugosi als an Browning lag. Ich hatte ja damlals in meiner Universal Monster Reihe schon gesagt, dass die offizielle spanische Parallelproduktion für mich der deutlich bessere Film ist 🙂 Mittlerweile gesehen?

    „Die ‚Twilight‘ Reihe (seit 2008) hingegen macht den Vampir zum reinen Sehnsuchtsobjekt, macht ihn zum Teil des Genres der Schulromanze. Außerdem glitzert er, oder sowas.“

    Ab dem Glitzern hatte sich das Twilight Thema (spätestens) erledigt.

    „Orlok wird vom Tageslicht zu Staub verbrannt, eine Schwäche, die Dracula bislang nicht besaß.“

    Echt nicht??? Das muss ich noch mal nachlesen. Ich dachte, dass van Helsing in Stokers Roman davon spricht. Auch wenn es im Roman nicht dazu kommt. Muss ch noch mal nachlesen…

    Wie bereits angedeutet mag ich Vampire sehr. Allerdings in der Regel nur als Symbol/Allegorie des Vergangenen und Düsteren. Twilight und Co. (damit meine ich übrigens auch Underworld) hat für mich kaum etwas mit Vampiren zu tun. Ich bin schon gespannt, wann der erste Blutsauger im Dark Universe auftaucht….

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    • „So traurig. Und genau deshalb wäre ich wohl, wenn ich als Monster wiedergeboren werden würde, ein Vampir. Ich fühle mich nämlich auch oft so ie Dracula 😉“

      Naja, wenn schon eines der Monster, dann Vampir. Habe keine Lust den Rest meines Lebens bandagiert, im Wasser, unsichtbar oder nach Vollmondnächten mit komischen Resten zwischen den Zähnen zu verbringen…

      „Stimmt. Wobei das eher an Lugosi als an Browning lag. Ich hatte ja damlals in meiner Universal Monster Reihe schon gesagt, dass die offizielle spanische Parallelproduktion für mich der deutlich bessere Film ist 🙂 Mittlerweile gesehen?“

      No, señor! Ist für diesen Oktober geplant, wie so vieles andere. Mal sehen… oder eben nicht.

      „Ab dem Glitzern hatte sich das Twilight Thema (spätestens) erledigt.“

      Bei mir wars zugegeben der erste Trailer. Aber das Thema ist zu wichtig, als dass ich es ganz unerwähnt lassen konnte. 😉

      „Echt nicht??? Das muss ich noch mal nachlesen. Ich dachte, dass van Helsing in Stokers Roman davon spricht. Auch wenn es im Roman nicht dazu kommt. Muss ch noch mal nachlesen…“

      Zitat Kapitel 22 aus Jonathan Harkers Tagebuch: „Today then, is ours, and in it rests our hope. The sun that rose on our sorrow this morning guards us in its course. Until it sets tonight, that monster must retain whatever form he now has. He is confined within the limitations of his earthly envelope. He cannot melt into thin air nor disappear through cracks or chinks or crannies. If he go through a doorway, he must open the door like a mortal. And so we have this day to hunt out all his lairs and sterilize them.“
      Sprich er ist tagsüber ein normaler Mensch (oder Wolf oder Fledermaus) aber keineswegs Asche. Das wirkt im Film natürlich auch deutlich effektiver als es im Buch wäre.

      Hast Du ‚So finster die Nacht‘ gesehen? Für mich der beste Vampirfilm der letzten 10 Jahre. Apropos Underworld; wie kann man einen Film über Krieg zwischen Werwölfen und Vampiren schreiben und dann kämpfen die mit Schusswaffen…. vermutlich weil die Handlung ziemlich wurscht ist, wenn man Kate Beckinsale im Lack und Leder Dress besetzt hat? 😉

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      • Jetzt bin ich aber doch ein bisschen beeindruckt. Zum einen ob deiner unfassbaren spanisch Kenntnisse. Zum anderen ob der Tatsache, dass du die Stelle mal eben so parat hast. Danke!

        Bei „So finster die Nacht“ kenne ich sowohl das Original als auch das Remake (OvsR?) und fand beide nicht sonderlich gut. Aber auch nicht schlecht. Ok halt.

        “ vermutlich weil die Handlung ziemlich wurscht ist, wenn man Kate Beckinsale im Lack und Leder Dress besetzt hat?“

        Spricht da der Fan aus dir? Ich hab einen Kumpel, der steht total auf Selene 😀

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  2. Vielen Danke für die hübsche Übersicht, und einige meiner Lieblinge sind dabei. Ich dachte, Die Weisheit der Krokodile wäre der allgemeinen Vergessenheit anheim gefallen, und Near Dark darf man ruhig immer erwähnen!

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    • Dankeschön!

      Weisheit der Krokodile war eine totale Überraschung für mich. Den habe ich vor über 10 Jahren mal für 3 Euro aus ner Grabbelkistte mitgenommen und wurde absolut positiv überrascht! Und Near Dark ist Bigelows bester Film… ja, das meine ich ernst. 😉

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  3. Pingback: Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 2: Geister | filmlichtung

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