Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 2: Geister

Hier sind die Regeln, wie ich sie verstehe: der 31. Oktober war einmal der Reformationstag. Nun ist er Halloween und Halloween ist nicht nur ein Tag, sondern ein Monat und dieser Monat ist gruselig! Ein guter Zeitpunkt also unser furchtsam zuckendes Auge auf ein paar Spuktakuläre Filmmonster zu richten!

Die Idee von Totengeistern existiert in beinahe jeder Kultur. Und das ist nicht verwunderlich, dürfte doch jeder von uns schon einmal ein Gespenst gespürt haben. Nicht gesehen oder gehört, sondern gespürt. Jenen stechenden Moment, wenn wir die Abwesenheit eines geliebten Menschen ganz akut fühlen. Ist diese Abwesenheit nur temporär, dann vergeht auch das Gespenst bald wieder, ist sie aber endgültig, so müssen wir lernen mit ihm zu leben. Da verwundert es nicht, dass Volksglauben und  Literatur beinahe überquellen vor Geistererscheinungen. Manche sind Seelen, die einfach den Weg ins Jenseits nicht finden oder krampfhaft an ihrem materiellen Besitz festhalten. Manche wollen nur harmlosen Schabernack treiben, andere grausame Rache für erfahrenes Unrecht nehmen. Andere wollen Angehörige oder Freunde vor einer schrecklichen, drohenden Gefahr warnen oder können, ebenso wie ihr lebender Gegenpart nicht von einem geliebten Menschen lassen. Neben diesen Totengeistern existieren in Literatur und Aberglauben auch noch Geister, die nicht menschlichen Ursprungs sind, so z.B. Poltergeister oder Dschinn. Diese werden hier ebenso Erwähnung erfahren. Ausdrückliche Dämonen kommen hier nicht vor, erhalten aber vielleicht ihr eigenes Kapitel.

Geister haben denn auch nicht lange gebraucht ihren Weg in die bewegten Bilder des Films zu finden. 1895 stellten die Gebrüder Lumière im Keller des Grand Café am Boulevard des Capucines in Paris ihren Cinématographe vor. Ein Jahr später spukte es bereits im ‚Le Manoir du diable‘ von Filmpionier Georges Méliès, ein Film, der heute selbst wie der Geist einer längst vergangenen Zeit wirkt:

Méliès blieb dem Thema treu und drehte zahlreiche weitere Geisterfilme. Zu den Frühwerken gehört auch ein Film des Briten George Albert Smith (dem „Erfinder“ der Nahaufnahme!) namens ‚Photographing a Ghost‘ (1898), in dem ein Mann genau das versucht und mehrfach scheitert. Diese frühen Geisterfilme dienen natürlich vor allem als stolze Präsentation der vielen visuellen Tricks, die der Film möglich macht. Dennoch, nur ein Jahr nach dem dokumentarischen Realismus der Lumières war bereits das phantastische Kino entstanden.

Die am häufigsten verfilmte Geistergeschichte dürfte wohl „A Christmas Carol“, von Charles Dickens 1843 veröffentlicht, sein. Darin wird der Geizhals Ebenezer Scrooge sowohl vom Totengeist seines ehemaligen Geschäftspartners als auch den Geistern des Weihnachtsfestes selbst heimgesucht und schließlich geläutert. In den 20 Jahren zwischen 1908 und 1928 entstanden allein 7 Adaptionen. 1935 folgte der erste Tonfilm ‚Scrooge‘ mit Seymor Hicks in der Hauptrolle. Seitdem sind es zwar im Kino weniger direkte Verfilmungen geworden, 10 nämlich, doch wird die Zahl angereichert mit zahllosen Fernsehverfilmungen, Pastichen, Hommagen und Parodien. So spielte Dagobert Duck natürlich bereits den Ebenezer Scrooge und Michael Caine tat selbiges umgeben von allerlei Muppets.

Ein früher sehr guter und ernsthafter Geisterfilm ist der schwedische ‚Der Fuhrmann des Todes‘ von 1921. Die Verfilmung einer gleichnamigen Novelle von Selma Lagerlöf setzt das der Letzte der im alten Jahr stirbt für das nächste als der Fuhrmann des Todes dienen muss und die Seelen der Verstorbenen einsammelt. In einer komplexen, von Rückblenden getragenen Filmstruktur erzählt der Film gleichzeitig eine packende Geschichte und macht auf soziale Missstände, die aus der unkontrollierten Industrialisierung entstanden sind, aufmerksam. Der Film sollte einen erheblichen Einfluss auf das Werk Ingmar Bergmanns haben.

Die 30er und 40er Jahre waren in Hollywood eher die Zeit „handfester“ Monster. Geister  hatten ihr Zuhause in der Komödie. Ob Micky Maus in ‚Einsame Geister‘ (1937), Dick und Doof in ‚Fauler Zauber‘ (1942) oder Abbott und Costello in ‚Vorsicht Gespenster!‘ (1941), Begegnungen mit Geistern waren eher albern als unheimlich. Es sollte bis zu den späten 50er Jahren dauern, nachdem sowohl die Monster als auch die ihnen nachfolgenden Außerirdischen ihren Biss verloren hatten, dass die Geister ihren eigenen kleinen Boom erfuhren. ‚Das Geheimnis des schreienden Schädels‘ (1958), William Castles ‚Das Haus auf dem Geisterhügel‘ (1959) und ‚Das unheimliche Erbe‘ (1960) oder der großartige ‚Bis das Blut gefriert‘ (1962), eine Verfilmung des Shirley Jackson Romans „Spuk in Hill House“. Geister und vor allem das Geisterhaus/Spukhaus waren mitten im Mainstream angekommen, ob die Geister nun immer „echt“ waren oder auch nicht. Allerdings hielt der Boom nicht lange vor und es wurde bald wieder stiller um die Gespenster.

International gab es immer wieder einmal Auftritte für Geister, so zum Beispiel in der japanischen Anthologie ‚Kwaidan‘ von 1965. Während die Hammer Studios sich nicht viel um geister geschert haben, gab es mit ‚Tanz der Totenköpfe‘ (1973) durchaus Kino-Vertreter aber Bedeutung erlangte vor allem die Fernseh-Anthologie-Serie „A Ghost Story for Christmas“, die jährlich genau das lieferte, was der Name verspricht. Die besten Vertreter sind ‚Whistle and I’ll Come to You‘ (1968) und ‚The Signalman‘ (1976).

Ende der 70er Jahre meldeten sich die Geister dann vorsichtig zurück in Hollywood. 1979 erschien der auf mehr oder weniger wahren Tatsachen beruhende ‚Amityville Horror‘, der es in der folgenden Zeit auf 17(!) Fortsetzungen, Reboots etc. brachte, die auf dem Wunsch nach mehr Geld beruhten. Die frühen 80er waren dann eine endgültige Renaissance der Gespenster. In ‚Das Grauen‘ (1980) zeigen Regisseur Peter Medak und George C. Scott als verwitweter Musiklehrer, dass es keine spektakulären Effekte braucht, um Grauen zu erzeugen. John Carpenter lässt Geisterpiraten aus seinem ‚Der Nebel‘ auftauchen, während Jack Nicholsons alkoholischer Autor im Overlook Hotel in Kubricks ‚Shining‘ von allerlei Geistern heimgesucht wird. In Sidney Furies umstrittenem ‚Entity‘ (1982) wird ein Geisterwesen sexuell brutal übergriffig, in Tobe Hoopers ‚Poltergeist‘ ein normales Vorstadthaus zur Spukzentrale. 1984 treten dann die natürlichen Feinde des Geistes auf. Die ‚Ghostbusters‘ (1984) verhelfen der Begeisterung für alles gespenstische zu ungekannten Höhenflügen, einer Fortsetzung (1989) und einer äußert langlebigen Zeichentrickserie. In ‚Nightmare on Elm Street‘ tritt der ungewöhnliche Geist Fred Krüger auf. Ein Kindermörder, der sich für seinen eigenen, gewaltsamen Tod rächen will. Das kann er allerdings nur in Träumen, hier ist er jedoch allmächtig. Über die Fortsetzungen, die ihn mehr und mehr zu einer Art Bugs Bunny machen breiten wir einmal den Mantel des Schweigens. In ‚Ghost – Nachricht von Sam‘ (1990) bleibt ein Geist aus romantischen Gründen im Diesseits.

In den 90ern wird es wieder ruhiger in der Geisterwelt, bis der Westen Ende der 90er mit ‚Ring‘ (1998) die unbekannte Welt der japanischen Geister in großem Umfang entdeckt, eine ganze Reihe Erfolge an den Kinokassen einfährt und Hollywood direkt viele Remakes anfertigt. Mit ‚The Sixth Sense‘ (1999) und ‚The Gift‘ (2000) wird der Geist dann vom getriebenen Wesen mehr und mehr zum komplexen Charakter mit eigenen Motivationen, die über simplistische Bedürfnisse hinausgehen. Und während das Spukhaus zu einem guten Teil von dämonischen Wesenheiten übernommen wurde (‚Insidious‘ (2011), ‚Paranormal Activity‘ (2007)) hat das Geisterhaus doch auch immer noch große Erfolge, so z.B. mit dem ‚Conjuring‘ Franchise (seit 2013).

Heute sind wir aber auch näher denn je an der Idee, die ich eingangs erwähnt habe: zu lernen mit dem Geist zu leben. War es bislang üblich den Geist zu „besiegen“, zu erlösen oder ihn endgültig ins Jenseits zu schicken, haben Filme wie ‚Lake Mungo‘ (2008), ‚Der Babadook‘ (2014), ‚Crimson Peak‘ (2015), ‚Under The Shadow‘ (2016) oder ‚Personal Shopper‘ (2017) gezeigt, dass das nicht immer möglich oder auch nur wünschenswert ist. Geister haben uns womöglich etwas sinnvolles zu sagen, egal wie antagonistisch sie erscheinen mögen. Mit ihnen umzugehen kann helfen zu wachsen. Das scheint mir eine gute Richtung, ist es doch der einzige Weg für uns mit unseren Geistern zu leben.

Das war meine kurze Reise durch das Reich der Geister und auch wenn diese nie die Produktivität der Vampire erreicht haben, kann ich doch auch hier wieder nur einen winzigen Ausschnitt zeigen. Mancher Auslassungen, wie Geisterfilmen für Kinder (‚Casper‘) oder vielen, vielen nichtwestlichen Vertretern („kein ‚Chinese Ghost Story‘? Wertloser Artikel!“) bin ich mir durchaus bewusst, verlasse mich hier aber wie üblich auf Eure hilfreichen Kommentare. Was sind eure Geister-Lieblinge/Lieblings-Geister? Oder gehört Ihr zu der Gruppe, die mit Geistern einfach gar nichts anfangen kann? Falls ja, könnt Ihr hier noch über Vampire lesen! In dem Sinne…. Buuuuhhhhuuuuhhhh *Kettenrassel* *Kettenrassel*

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3 Gedanken zu “Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 2: Geister

  1. Ich finde Geistergeschichten total spannend. Außer Poltergeist, der ist extram lahm und unfassbar doof. 😉
    Das Wort Geist beschreibt im Deutschen zumindest ja nicht nur das herumspukende Überbleibsel eines Lebenden, sondern auch die Gedankenwelt oder der Intellekt eines Lebenden. Diesen Artikel könnte man zum Beispiel als sehr „geistreich“ bezeichnen. Könnte man. Muss man aber nicht 😉

    Wie du das auch schon im Artikel schreibst, hat wahrscheinlich jeder schon mal die Stimme der Eltern, Großeltern oder Freunde im geistigen Ohr gehört, die einen davon abhalten will (oder eben antreiben) etwas zu tun oder zu lassen. Auch wenn das eine wenig gruselige Erscheinung ist, begleiten uns die Geister dieser Menschen also ständig.

    „Der Geist der Weihnacht“ im Christmas Carol ist das perfekte Beispiel. „Weihnachten“ ist ja bekanntlich keine Person gewesen, die nach ihrem Tod als ruhelose Seele herumwandern könnte. Es geht um den Grundgedanken, eine Idee, die Scrooge heimsucht und letztendlich bekehrt.

    Am meisten mag ich Geistergeschichten, bei denen der Geist aus den Hauptfiguren selbst entspringt. Denn die Gefühlswelt eines Menschen kann unheimlicher sein als jede Horrorkreatur. Gefühle wie Schuld, Trauer oder Angst können uns verfolgen und unser Leben bestimmen. Und wie du sagst, um zu wachsen gilt es sich diesen Geistern zu stellen und sie hinter sich zu lassen. Aber das kostet Kraft und Mut. Der Babadook wäre da ein wirklich gutes Beispiel, das für mich zu den besten Horrorfilmen der letzten Jahre, wenn nicht sogar aller Zeiten gehört.

    Filme, in denen Geister einfach nur rumspuken, Sachen kaputt machen und die Bewohner eines Hauses nerven, finde ich meist einfach nur langweilig. Mit Ausnahme der beiden Conjuring Filme. Die sind einfach so gruselig, dass die Story eigentlich egal ist 😉

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    • Mt Conjuring bin ich nie wirklich warm geworden. Ich habe irgendwann mal die Geschichte der wirklichen Leute, auf deren Erzählungen die Filme halbwegs beruhen, gelesen und kann bei den Filmen nicht anders als die ganze Zeit „aaargh, elende Scharlatane“ zu denken. Die „vielleicht solltet ihr eure Kinder taufen lassen, wenn ihr nicht wollt, dass sie von dämonen belästigt werden“ Szene hat mir dann den Rest gegeben. Scheiß auf der Exorzist, das sind religiöse Platitüden, wie ich sie „liebe“… Ich kann aber sehen, was Leuten daran Spaß macht. Der beste „Rumspuk“ Film ist und bleibt für mich Poltergeist. Der hält sich gar nicht lange mit Stimmungsaufbau auf, der Baum legt direkt los. 😉

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  2. Pingback: Spuktakuläre Filmmonster Kapitel 2: Geister — filmlichtung | Treffpunkt Phantastik

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