Spuktakuläre Filmmonster Bonuskapitel: Hexen

Hier sind die Regeln, wie ich sie verstehe: der 31. Oktober war einmal der Reformationstag. Nun ist er Halloween und Halloween ist nicht nur ein Tag, sondern ein Monat und dieser Monat ist gruselig! Ein guter Zeitpunkt also unser furchtsam zuckendes Auge auf ein paar Spuktakuläre Filmmonster zu richten!

Die Hexe hat ihren Stammplatz im Kinder-/Märchenfilm und ein weiteres recht sicheres Standbein in der Beziehungskomödie. Im Horror wird sie hingegen recht stiefmütterlich behandelt, wenn sie allerdings auftritt, dann hinterlässt sie zumeist einen bleibenden Eindruck. Ich werde mich hier auf Hexenfilme, die zumindest annähernd dem Horror zuzuordnen sind beschränken, die Wahrscheinlichkeit, dass ich Euren Lieblingsfilm nicht nenne ist folglich höher denn je. Ich entschuldige mich im Voraus und freue mich auf Eure Kommentare.

Der Glaube an zaubermächtige Frauen ist deutlich älter als das Christentum. Mit Circe und Medea haben wir zwei eindrucksvolle Beispiele aus der griechischen Mythologie. Beide nahmen in ihren Fertigkeiten, Verwandlungen, Verwünschungen, Flüche und Umgang mit Giften, bereits die Fähigkeiten späterer, angeblicher Hexen vorweg. Im Christentum waren Hexen dann Frauen, die, im Gegenzug für magische Macht, einen sexuellen Pakt mit dem Teufel eingingen.  Solche Vorwürfe erhielten Bedeutung mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. 1402 in Schaffhausen gibt es den ersten Hinweis zu einem „hegsen brandt“, einer Hexenverbrennung. Zwischen 1550 und 1650 entfaltete sich in Europa dann geradezu ein Hexenwahn, getrieben von katholischen und reformatorischen Priestern und befeuert von unter Folter abgegeben, falschen Geständnissen.

Hier entwickelte sich das Bild der Hexe einerseits als schwarz gekleidete, alte Frau mit ungesunder Gesichtsfarbe, Warzen und schlechten Zähnen, die auf einem Besen reitet. Andererseits hielt sich aber auch das Bild der Hexe als hübscher Verführerin. Zogen sich Hexenprozesse in Europa und den amerikanischen Kolonien teilweise noch bis ins 18. Jhdt., wanderte die Vorstellung von der Hexe doch eher in dem Bereich des Märchens, wo sie als Verwandlungskünstlerin und Giftmischerin das Erbe von Circe und Medea antritt und gemeinsam mitt dem Großen Bösen Wolf zu einem der ersten Monster wird, mit dem wir unsere Kinder konfrontieren.

Im Film taucht die Hexe zum ersten Mal im großen Stil in Benjamin Christensens ‚Häxan‘ von 1922 auf. Der Film des Schweden gibt sich als Dokumentation der Hexerei und des Hexen-Aberglaubens durch die Zeit, allerdings sind einige Vignetten dabei so intensiv inszeniert, dass man Christensen (der selbst als Teufel auftritt) durchaus Horror-Ansprüche unterstellen kann. Sein Bogenschlag von Hexen-Aberglauben zum Umgang mit „hysterischen“ Frauen in den 20er Jahren war sicherlich gut gemeint, wirkt heute allerdings arg großväterlich.

Spätestens 1939, mit ‚Der Zauberer von Oz‘ nimmt die Hexe dann ihren wichtigen Platz in der Filmhistorie ein, doch auch wenn die böse Hexe des Westens Kindern durchaus angst machen kann, hat sie sich damit zunächst aus dem Bereich des Horror verabschiedet. Hier taucht sie, wenn ich nichts Wesentliches übersehen habe, erst 1960 mit Mario Bavas großartigem ‚Die Stunde, wenn Dracula kommt‘ (idiotischer deutscher Titel, siehe hier) wieder auf. Barbara Steele gibt hier eine Hexe, die von ihrem eigenen Bruder auf den Scheiterhaufen gebracht wird und sich 200 Jahre später rächen will. In Roman Polanskis erstem Hollywoodfilm ‚Rosemarys Baby‘ von 1968. Rosemary (Mia Farrow) glaubt, dass ihre Schwangerschaft von einem Hexenzirkel bewirkt wurde und sie den Antichrist gebären würde.

‚Der Hexenjäger‘ ebenfalls von 1968 wählt einen anderen Ansatz. Er macht den Horror der Hexenverfolgung zum zentralen Element. Vincent Price gibt den namensgebenden, grausamen, selbstsüchtigen Hexenjäger und löste somit ein kurzlebiges, vor allem im deutschen Raum erfolgreiches Exploitation-Genre der Hexenjagd aus, mit Vertretern mit klangvollen Namen, wie ‚Hexen bis aufs Blut gequält‘ (1970). 1977 kam dann der bekannteste Film von „Giallo-Papst“ Dario Argento in die Kinos. In diesem kommt eine junge Amerikanerin nach Freiburg im Breisgau, um auf eine Ballettschule zu gehen, gerät aber bald in einen Strudel aus Geschehnissen um Schlafmittel, Mord und Hexerei. Gemeinsam mit ‚Horror Infernal‘ (1980) und ‚Mother of Tears‘ (2007) bildet der Film Argentos „drei Mütter“ Trilogie und somit die vielleicht wesentlichste Hexen-Filmreihe.

Ebenfalls 1977 erschien der wunderbar irrsinnige, japanische ‚Hausu‘, in dem eine Gruppe Schülerinnen unwissend im Haus einer Hexe Ferien machen und sich mit fliegenden Melonen, blutkotzenden Katzengemälden und gewalttätigen Pianos konfrontiert sehen. 1982 enttäuschte ‚Halloween III‘ zahlreiche Fans durch die Abwesenheit von Michael Myers. An seiner Stelle will ein irischer Hexenmeister die Köpfe amerikanischer Kinder mithilfe magischer Masken und Fernsehsignalen in Käfer und Schlangen verwandeln… Verantwortlich für einen ganz bösen Ohrwurm!

In den 80ern und frühen 90ern war es ansonsten horrormäßig recht ruhig um die Hexe, obwohl sie mit Filmen wie ‚Die Hexen von Eastwick‘ (1987), ‚Hexen hexen‘ (1990) oder ‚Der Hexenclub‘ (1996) stetig zumindest am Rande des Horrors vertreten waren. 1999 sollte dann aber eine Hexe das Gesicht der Filmindustrie entscheidend verändern. ‚Blair Witch Project‘ machte mit einer viralen Werbekampagne im frühen Internet auf sich aufmerksam und verhalf dem „Found Footage“-Genre zum Durchbruch. Während Found Footage Erfolge einfuhr wurde es um die Hexe erneut ruhig. Zwar war sie mit Filmen wie ‚Der Verbotene Schlüssel‘ (2005) oder Lucky McKees völlig unterschätztem ‚The Woods‘ (2006) ordentlich vertreten, allerdings waren das nicht eben vielgesehene Filme.

Die 2010er hingegen sind die vielseitigsten Film-Jahre für Hexen seit langer Zeit, wenn nicht aller Zeiten. 2013 kam Rob Zombie mit ‚Lords of Salem‘ einem atmosphärischen Horrorfilm sehr, sehr nahe, verfiel dann in den ungünstigsten Momenten aber immer wieder in Musikvideoästhetik, dennoch ein sehenswerter Film. Ebenfalls 2013 bemühte sich der Spanier Álex de la Iglesia in seinem ‚Witching & Bitching‘ ebenso um Provokation wie Unterhaltung. Eine Gruppe ziemlicher Trottel, die Frauen für alle ihre Probleme im Leben verantwortlich macht, landet auf der Flucht vor der Polizei in einem Haus voller Hexen, die alle Karikaturen von Frauen, die sie sich vorstellen können, noch übertreffen.

In ‚The Witch‘ (2015) von Regisseur Robert Eggers wird eine puritanische Familie im Amerika des 16. Jhdts. aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen. Religiöser Wahn, Einsamkeit und feindselige Umwelt bringen sie schnell an den Rand der Verzweiflung. Über die Fortsetzung zum ‚Blair Witch Project‘ des von mir ansonsten geschätzten Adam Wingard habe ich mich an anderer Stelle umfänglich ausgelassen und will mich, meinem Blutdruck zur Liebe, nicht noch einmal aufregen. Anna Billers ‚Love Witch‘ (2016) hingegen ist eine liebevolle Hommage an den „Camp“ der 60er Jahre, nutzt die Hexe gleichzeitig als Metapher für die Verkörperung der männlichen Angst vor Frauen und seziert den „Femme Fatale“ Stereotyp.

So viel von mir zur Hexe, die zwar nicht die produktivste Vertreterin im Bereich des Horrorfilms ist, diesen Mangel aber recht problemlos durch die weitgehend hohe Qualität ihrer Auftritte wieder wett macht und sich somit ihren Platz im Pantheon der Filmmonster problemlos verdient. So, ich muss dann auch Schluss machen. Meine Nachbarin hat mich gebeten einen tiiiiefen Blick in ihren Backofen zu werfen, der geht wohl nicht, oder so. Dabei hat sie so nett gekichert, dass ich nicht nein sagen konnte.

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8 Gedanken zu “Spuktakuläre Filmmonster Bonuskapitel: Hexen

  1. Interessante Übersicht. Ich bin mal kurz in mich gegangen und mir ist außer Blair Witch Project und The VVitch kein einziger Hexenfilm (Horror) bekannt. Letztes Jahr wollte ich mir den britischen Film „Don’t knock twice“ anschauen. Darin soll es auch um eine gehen. Der Film hat aber eher so mittelgute Kritiken erhalten. Kennst du den?

    Gefällt 1 Person

    • Dont knock twice kenne ich nicht. Ich habe zar davon gehört aber nicht wirklich viel (oder irgendwas) Gutes. 😉
      Aus der nähren Vergangenheit würde ich ‚Lords of Salem‘ und ‚Witching & Bitching‘ empfehlen. Das sind beides bei weitem keine perfekten Filme aber als jemand der weder Zombie noch Iglesias normalerweise besonders erträglich findet haben sie mich sehr positiv überrascht…. Hm, ist es sowas, was die Engländer mit „damning with faint praise“ meinen? 😉

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (23-10-17)

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