‚Wild at Heart‘ (1990) – and weird on top

‚Wild at Heart‘ gehört zu den David Lynch-Filmen über die wenig geredet wird. Es ist vermutlich der Lynch-Film, den ich am wenigsten gesehen habe. Sogar ‚Dune‘ habe ich häufiger gesehen. Und den mag ich nicht mal. Nach einem erneuten Ansehen frage ich mich ein wenig warum. Die Verfilmung einer Romanvorlage von Barry Gifford (die ich nicht kenne) ist zwar sicher bei weitem nicht sein bester Film aber, auf gewisse Weise, sein „lynchigster“. Warum? Schauen wir mal!

Der aufbrausende Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern) sind verliebt. Das ist Lulas Mutter (Dianne Ladd) aus mysteriösen Gründen gar nicht recht und sie bezahlt einen Mann, um Sailor zu ermorden. Der schlägt dem Möchtegern-Assassinen aber mit bloßen Händen in Notwehr den Schädel ein. Dafür wandert er kurze Zeit ins Gefängnis. Doch kaum ist er wieder frei holt Lula ihn ab und das Paar macht sich auf zu einer wilden Reise durch die Südstaaten der USA. Von Georgia nach New Orleans bis Texas. Lulas Mutter schickt ihnen zunächst Johnnie Farragut (Harry Dean Stanton) hinterher, einen Detektiv „so gut, dass er einen ehrlichen Mann in Washington finden könnte“. Später noch den Gangster Marcello Santos (J.E. Freeman), der aber durchaus eigne Pläne verfolgt. Auf ihrer Fahrt begegnen Sailor und Lula allerlei bizarren Figuren, darunter der Prostituierten Perdita Durango (Isabella Rosselini) und Kleinganoven und kompletten Widerling Bobby Peru (Willem Dafoe).

Lynch hat einige wiederkehrende Themen, die in vielen seiner Filme zu finden sind. Eines davon ist das Heranreifen eines jungen Mannes bis er in der Lage ist Verantwortung zu übernehmen. Oder genauer gesagt wie jemand die Angst davor Verantwortung übernehmen zu müssen überwindet. In ‚Eraserhead‘ kristallisiert sich diese Angst in Gestalt des grotesken Babys, um das sich Henry plötzlich kümmern muss. In ‚Blue Velvet‘ muss sich Jeffrey der Realität hinter den beschaulichen, weiß getünchten Gartenzäunen stellen. Auch Sailor macht eine solche Entwicklung durch. Anfangs ist er neben Lula nur an einer Sache interessiert, seiner persönlichen Freiheit, repräsentiert durch seine Schlangenlederjacke, wie der Charakter selbst nicht müde wird zu erwähnen. Eines der Probleme der Struktur von ‚Wild at Heart‘ ist, dass diese Entwicklung fünf Minuten vor Ende passiert und vollkommen richtig als mit „eine Fee hat’s gemacht“ umschrieben werden kann.

Die Straße und die Bewegung darauf als Symbol für die Entwicklung der Charaktere ist ebenfalls ein typisches Lynch-Bild. In ‚Lost Highway‘ und ‚Mulholland Drive‘ hat es die Straße sogar in den Titel geschafft. Allerdings würde ich ‚Wild at Heart‘ neben ‚Straight Story‘ als Lynchs  einzigen „echten“ Roadmovie betrachten. Das führt uns direkt zum nächsten Bild, denn Lynch filmt hier sehr häufig den gelben Mittelstreifen der Straße und liefert somit einen Bezug zur „Yellow Brick Road“ und zu ‚Wizard of Oz‘. Ein Film, den er sehr häufig zitiert allerdings selten so offen wie hier. Nicht nur erwähnen Charaktere den Film und Charaktere daraus wieder und wieder, Lulas Mutter wird zur schuldgeplagten Version der „Wicked Witch“. Wo die allerdings ein grünes Gesicht hat schmiert Ladds Charakter ihres mit Lippenstift rot. Und am Ende taucht in einer Vision gar die oben erwähnte gute Fee auf, die nun endgültig direkt dem ‚Wizard of Oz‘ entsprungen scheint.

Auch seiner Liebe für die Musik der 50er Jahre frönt Lynch hier hemmungslos. Nicht nur das die als umfangreiche Ergänzung zu Angelo Badalamentis üblich elegantem Soundtrack dient, Sailor definiert seinen Charakter auch ein Stück weit über Elvis Songs. Eine der wunderbar bizarrsten Szenen des Films spielt auf dem Konzert einer Speed Metal Band, die, nach einer Auseinandersetzung, Sailor in einer Version von Elvis Presleys „Love Me“ begleitet – erstaunlicher Weise zur Begeisterung ihres Publikums.

Der Film enthält also Vieles, das Lynch ausmacht und ist vielleicht durch die Vielfalt seiner Bezüge der „lynchigste“, wirkt aber in seinem Ganzen, wie ein eher ungewöhnlicher Lynch-Film. Mehr als jeder andere Film des Regisseurs nähert sich dieser hier der Grenze des schlechten Geschmacks. Einerseits durch die allzu häufige Vermischung von Sex und Gewalt, andererseits durch seine Lust am bizarren Exzess im Erzählen. An einer Stelle erzählt Lula z.B. eine Geschichte über einen merkwürdigen Verwandten. Die beginnt damit, dass der Weihnachten etwas zu sehr mag und endet damit, dass er sich Küchenschaben in die Unterhose stopft. Oder wenn sie im Radio nach einem Musiksender sucht und zunächst nur Nachrichtensender findet, die sich dann in immer groteskeren Nachrichten über Vergewaltigung, Folter und Mord ergehen. In wieweit dieses, doch recht brutale Road-Märchen für die Welle an überstilisierten, mehr oder weniger brutalen „Liebende auf der Flucht“-Filmen der 90er verantwortlich ist, weiß ich nicht mit Sicherheit zu sagen, ein Stück weit kann man ‚Kalifornia‘, ‚True Romance‘ oder auch ‚Natural Born Killers‘ aber sicher auf Sailor und Lula zurückverfolgen.

Nicolas Cage ist als impulsiver Möchtegern-Elvis übrigens perfekt besetzt, was vermutlich nicht überrascht. Laura Dern darf hier eine für sie – gerade in ihrer Zusammenarbeit mit Lynch – ungewöhnliche Rolle spielen: eine Person, die sich, trotz erlebter Traumata, in ihrer Haut absolut wohlfühlt. Die Show stiehlt allerdings Dianne Ladd (übrigens auch im wahren Leben Derns Mutter). Ihre opernhafte Darstellung der Intrigen-spinnenden, bösartigen Mutter, die von ihrer Schuld eingeholt wird, hat ihr eine verdiente Oscar-Nominierung eingetragen. Daneben geben sich in Neben- und Kleinstrollen typische Lynch-Darsteller die Klinke in die Hand. Neben Harry Dean Stanton erzählt Jack Nance eine Geschichte von seinem bellenden Hund (nicht Toto!), Grace Zabriskie gibt Perdita Durangos mörderische Schwester und Sherylin Fenn stirbt bei einem Autounfall. Und das waren bei weitem noch nicht alle. Etwa der halbe ‚Twin Peaks‘ Cast dürfte hier sein.

Nach diesem Ansehen stehe ich ‚Wild at heart‘ deutlich positiver gegenüber. Es ist ein unterhaltsamer Film, mit vielen typischen Lynch-Elementen, allerdings mit einigen deutlichen Schwächen in der Erzählstruktur. Ein ‚Blue Velvet‘ oder ‚Mulholland Drive‘ wird er für mich wohl nicht mehr.

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