Ein Hoch auf den Regen (im Film)!

„Manche Menschen können den Regen spüren. Andere werden nur nass.“
– Bob Marley

Bevor demnächst wieder alle vom Schnee schwärmen, möchte ich heute mal eine Lanze brechen für ein weitgehend ungeliebtes Wetterphänomen: den Regen. Zugegeben, kaum jemand gerät gern in einen Regenschauer, tritt in Pfützen oder fühlt die kalte Nässe in den Kragen rinnen. Als Norddeutscher muss man allerdings einen Weg finden, sich mit ihm zu arrangieren, ihm seine guten Seiten abzugewinnen, denn am Ende gewinnt er ja doch. Wenn man dem Regen eines nicht nehmen kann, dann ist es seine cinematische Wirksamkeit. Oh sicher, Regisseure und Kameraleute mögen von der „Golden Hour“, der Zeit um Sonnenauf und -untergang schwärmen. Deren besondere Schönheit an der amerikanischen Westküste mag einer der Gründe sein, warum Hollywood überhaupt in Hollywood ist. Aber wirklich unvergessliche Filmszenen spielen, wenn es so richtig schön schüttet. Seid ehrlich, Ihr alle habt schon so eine Szene im Kopf, oder?

Ist es der Moment aus ‚Blade Runner‘ (1982), wenn Kunstmensch Roy Batty seinem Jäger Rick Deckard auf einem Hochhausdach zeigt, was es bedeutet ein Mensch zu sein, bevor alles was er ist verloren geht „like tears… in the rain“? Oder ist es der Moment in ‚Jurassic Park‘ (1993), wenn die Wagen vor dem T-Rex Gehege liegenbleiben und Spielberg bei strömendem Regen einen der beeindruckendsten, nächtlichen Tierangriffe der Filmgeschichte inszeniert? Inklusive halbiertem Anwalt und „panischem“ Mathematiker.

Oder denkt Ihr an die Szene aus ‚Die Verurteilten‘ (1994), wenn der zu Unrecht inhaftierte Andy Dufresne dem Gefängnis entkommen ist und eine wahre Sintflut an Regen ihn reinwäscht? Nicht nur vom Gestank des eben durchkrochenen Abwassertunnels, sondern von Jahren der Misshandlung und Erniedrigung. Ist es die Szene aus Todd Brownings umstrittenen ‚Freaks‘ (1932), wenn sich die bislang sympathische Darstellung der Mitglieder des Kuriositätenkabinetts während eines Sturzregens ändert und sie monstergleich durch Wasser und Schlamm kriechen, um sich an der mörderischen, „normalen“ Trapezkünstlerin Cleopatra zu rächen.

Akira Kurosawa wusste mit jeder Art von Wetter umzugehen. Sei es der Schnee in ‚Ikiru‘ (1952) oder die Hitze in ‚Stray Dog‘ (1949).  Aber oftmals waren seine Filme voll von Schlamm, Nebel und Regen. Der Regen, wenn der geheimnisvolle Fremde in ‚Yojimbo‘ (1961) in die umkämpfte Stadt kommt oder die Sturzbäche des apokalyptischen Finales von ‚Die Sieben Samurai‘ (1954). Oder der Regen wird gar zum auslösenden Element der Handlung, wenn der Schauer in ‚Rashomon‘ (1950) die Charaktere in der Ruine des gleichnamigen Tors zusammenführt, wo sie die verschiedenen Versionen vergangener Geschehnisse darlegen.

Im Gangsterdrama ‚Road to Perdition‘ (2002) öffnet der Himmel bei quasi jedem Mord seine Schleusen und spätestens die Szene, wenn sich Michael Sullivan an seiner Vaterfigur John Rooney rächt wird unvergesslich. „Ich bin froh, dass Du es bist.“ Oder aber die Gedanken schweifen direkt zum verregnetsten Film von allen. In ‚Sieben‘ (1995) ist es höchst selten mal trocken. Und Serienmörder John Doe weiß dies für sich zu nutzen, hat Polizist Mills sogar schon vor dem Lauf seiner Waffe, verschwindet stattdessen aber lieber im dichten Regen und bereitet Mills später einen weit schlimmeren Moment – ironischerweise in der staubtrockenen Wüste.

Vielleicht denkt Ihr aber auch an eine von unzähligen Kuss-Szenen im Regen. Beispielhaft sei hier nur ‚Spider-Man‘ (2002) genannt. Eine Szene, die nicht nur wegen des Regens im Gedächtnis bleibt, sondern auch weil man sich fragt, wie Spider-Man es schafft, dass ihm eben dieser nicht in die Nase läuft. Superheld halt! Aber die vermutlich berühmteste Regenszene spielt nach einem Kuss. In ‚Singin‘ in the Rain‘ (1952) ist Gene Kellys Don Lockwood so glücklich seine Kathy wiedergefunden zu haben, dass er im dichtesten Regen zu singen und zu tanzen beginnt. So ausufernd patscht er durch die Pfützen, dass zwar nicht der Arzt aber immerhin die Polizei aufkreuzt.

Kann es ein besseres Symbol für das klassische Hollywood geben? Ein dreitägiger, knochenharter Dreh und ein Gene Kelly mit so hohem Fieber, dass er heute nicht arbeiten dürfte, verwandeln sich in eine Szene, die in Sachen leichtfüßiger Lebensfreude kaum zu übertreffen ist.

Was sie aber auch zeigt ist die Vielseitigkeit des Regens als „Nebendarsteller“. Er kann einen Moment der Trauer unterstreichen oder eben, wie in ‚Singin‘ in the Rain‘ als Kontrapunkt zu einer äußerst glücklichen Szene fungieren. Er kann reinigende Wirkung haben, wie in ‚Die Verurteilten‘ oder, in ganz ähnlicher Funktion, Verborgenes oder Verdrängtes zum Vorschein bringen. Den Indianerfriedhof in ‚Poltergeist‘ (1987) zum Beispiel oder die Mordlust/Rachsucht Bill Munnys in ‚Erbarmungslos‘ (1992), wo er wie am Ende von ‚Die Sieben Samurai‘ zusätzlich zum Symbol für Zerstörung wird.

Er kann die Bedrohlichkeit einer Szene wie der aus ‚Jurassic Park‘ oder der Schlacht um Helms Klamm in ‚Die Zwei Türme‘ (2002) unterstützen, unheimlich ist nicht was wir sehen, sondern was wir, des Regens wegen, nicht sehen. Aber er kann auch die Verliebtheit zweier Charaktere unterstreichen, die eben so verliebt sind, dass sie nicht 30 Sekunden mit dem Küssen warten können, sondern es hier und jetzt passieren muss, was soll’s, wenn sie dabei klitschnass werden. Stimmt’s ‚Straßen in Flammen‘ (1984)?

Stimmt!

Was sind Eure liebsten Regen-Szenen im Film? Ich konnte hier ja nicht mal einen Bruchteil nennen. Oder mögt Ihr etwa gar keinen Regen, nicht einmal im Film? Was sind Eure liebsten, filmischen (womöglich unterschätzten) Wetterphänomene? Erzählt es mir in den Kommentaren!

Advertisements

12 Gedanken zu “Ein Hoch auf den Regen (im Film)!

  1. Da fällt mir automatisch Skyfall ein. Der Regen in London zeigt Bonds Stimmung.
    Dann natürlich wie schon erwähnt Singing in the Rain und Sieben.
    Aber irgendwie auch der Actionfilm Hard Rain, mit diesen Sinnflutregen, der eine eigene Atmosphäre mit sich bringt und die Handlung bestimmt.

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (04-12-17)

  3. Kurosawa ist für mich in dieser Disziplin schwer zu toppen. Aber ich nominiere mal zwei Beispiele mit indischem Monsun: Erstens DER GROSSE REGEN (THE RAINS OF RANCHIPUR). Ein schwül dampfendes Melodram vor exotischer Kulisse.

    Und zweitens der einsetzende Monsun am Ende von BLACK NARCISSUS. Eigentlich geht der Film ja trostlos aus – Scheitern auf ganzer Linie. Doch dann beginnt der Regen, während die Karawane der Nonnen die Hänge des Himalaja herabzieht. Und sagt uns: Hoppla, wir sind ja in Indien. Da gibt es sowas wie Anfang und Ende einer Geschichte gar nicht, das ist nur Illusion. Es gibt nur die ewige zyklische Wiederkehr. Und wenn es diesmal nicht geklappt hat, dann vielleicht in 10 oder 100 Jahren.

    Gefällt 1 Person

    • Danke für die Anregungen! Das war jetzt die dritte, unabhängige Erwähnung von Black Narcissus in zwei Tagen. Ich sollte das wohl als Zeichen nehmen mich endlich mit dem Film oder Powell und Pressburger insgesamt mal zu beschäftigen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s