Sind Vorwissen und Erwartung die Feinde der Freude? Die Last des „Spoilers“

In meiner Besprechung zu ‚I Am Not A Serial Killer‘ vor ein paar Wochen habe ich mich sehr darüber gefreut, den Film ohne großes Vorwissen und damit ohne große Erwartungen gesehen zu haben. Das ist eine Empfindung, die keinesfalls nur ich empfinde. Die Angst vor zu viel Vorwissen treibt viele Filmfreunde um. Und das verwundert nicht, Blockbuster veröffentlichen lange Trailer und ganze Filmsequenzen schon vor der Veröffentlichung, um Appetit auf mehr zu machen. Zahllose Filmseiten und Filmblogs berichten über absichtlich oder unabsichtlich erschienene Neuigkeiten zu allen möglichen Filmen und dann gibt es da noch die Informationssturzflut (die stets auch einiges an Desinformationsschlamm mit sich bringt) der Sozialen Medien. Auf Twitter konnte ich anlässlich des derzeitigen Erscheinens von ‚Star Wars: Die Letzten Jedi‘ sehen, wie sich Nutzer lange Blocklisten zu allen möglichen Begriffen, die mit den Sternenkriegen in Zusammenhang stehen erstellten, nur um bloß keine unerwünschte Information und damit verbundene Erwartungen zu erhalten. Aber in wie weit kann man Vorwissen eigentlich entgehen und welchen Einfluss hat es auf die Erwartung und letztlich den Genuss des Films?

Natürlich kann man sich entscheiden einen Trailer nicht zu schauen. Dafür muss man im Kino vielleicht die Augen zu schließen und die Finger in die Ohren stecken, aber es ist ja dunkel, das sieht schon keiner. Man kann im Vorhinein keine Rezensionen oder andere Artikel lesen und quasi problemlos das Ansehen längerer Clips vermeiden. Man kann sich, wie oben erwähnt auch in den Sozialen Medien weitgehend schützen oder einfach mal von denen fernhalten. Aber allen Informationen wird man nicht entgehen können.

Wer spielt die Hauptrollen? Til Schweiger? Julia Roberts? Kurt Russell? Wer führt Regie? Michael Bay? Lynne Ramsay? Fatih Akin? Mag man die Filmografien der Beteiligten? Hat sich einer der Beteiligten etwas zuschulden kommen lassen oder war aus anderen Gründen in den Medien? Welchem Genre ist der Film zuzuordnen? Science-Fiction? Musical? Western? All das ist ganz entscheidendes Vorwissen, dass ganz grundlegende Erwartungen weckt und meistens erst zur Entscheidung führt, ob man den Film überhaupt sehen möchte. Die Auswahl eines Filmes macht ein gewisses Vorwissen bereits nötig. All die oben erwähnten Leute, die ihre ‚Star Wars‘ Blocklisten erstellen, gehen mit Sicherheit sowohl mit gigantischem Vorwissen und ebenso gigantischen Erwartungen an den neuen Film heran. Acht bisherige Filme, TV Serien, Romane, Comics, Videospiele, zumindest einiges davon werden sie kennen und daraus Vorwissen und Erwartungen ableiten.

Und selbst, wenn man beinahe allem Vorwissen entgeht, ganz unvoreingenommen geht man doch nicht an den Film. Wer meine Besprechung zu ‚I Am Not A Serial Killer‘ weiterliest wird feststellen, dass ich im weiteren den Film dafür lobe, dass er Erwartungen unterläuft, die sowohl der Titel, als auch der eine Satz Umschreibung, den ich kannte, in mir geweckt haben. Sprich, allein den Titel eines Filmes zu kennen ist genug, um eine Erwartungshaltung zu schaffen. Kein Film steht im luftleeren Raum und je mehr Filme man kennt, umso mehr Kontext wird man auch bei minimalem Vorwissen herstellen können. Mal ganz davon abgesehen, dass man problemlos argumentieren könnte, dass die Idee einen Film möglichst unvoreingenommen zu sehen eine ganz eigene Erwartungshaltung mit sich bringt. So oder so bringt aber jeder Zuschauer immer ein ganzes Paket seiner philosophischen, ideologischen und geschmacklichen Präferenzen in jeden Film mit. Und damit auch Erwartungen.

Nun könnte man also argumentieren, dass die ganze Sorge vor Vorwissen und Erwartung eigentlich eine dumme ist. Ein wirklich guter Film funktioniert schließlich beim dritten oder vierten Ansehen sogar besser, als beim ersten, da man Zusammenhänge erkennt, die einem zuvor entgangen sind, den Aufbau und die Vorbereitung von Szenen nachvollziehen kann, weil nicht mehr die gesamte Aufmerksamkeit der reinen Handlung gilt. Das mag auch völlig richtig sein, allerdings würde ich dagegenhalten, dass das erste Ansehen eines Filmes ein besonderes ist, vor allem eines das nicht wirklich replizierbar ist. Ich werde zum Beispiel Andrzej Żuławskis ‚Possession‘ niemals wieder zum ersten Mal sehen können. Sicher ist der Film gut und ungewöhnlich genug, mich auch bei jeder erneuten Sichtung abholen und mitnehmen zu können aber diese ungläubige Überraschung der ersten Sichtung ist niemals zu wiederholen.

Wie also umgehen mit Vorwissen? Ich für meinen Teil habe aufgegeben mich einer überzogenen „Spoiler“-Panik hinzugeben. Wenn ein Film wirklich dadurch zu ruinieren ist, dass man ein Detail kennt, dann wäre er vermutlich so oder so nie besonders gut gewesen. Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel, wenn mir im Vorhinein jemand gesagt hätte, wer Keyser Söze ist oder das Ende von ‚The Sixth Sense‘ vorweggenommen hätte, wäre ich wohl schon sauer gewesen. Natürlich mische ich mich nicht aktiv in Gespräche über Filme ein, die ich noch sehen will ein aber ich renne nun auch nicht panisch aus dem Raum oder erstelle gar irgendwelche Blocklisten, das ist mir dann doch zu viel Arbeit. Auf das Lesen von Rezensionen zu Filmen, die ich ohnehin sehen will verzichte ich aber vor der Sichtung. Denn da besteht das Problem, dass gerade wenn die Rezension wirklich gut und treffend ist, ich womöglich nur sehe, was der Rezensent gesehen hat und mein eigener Blick verstellt wird.

Wie seht Ihr das? Stört Euch zu viel Vorwissen? Ist es Euch gleich? Wollt Ihr sogar vorher möglichst viel über den Film wissen? Oder muss jeder Film für sich, möglichst sogar ohne jeden Kontext gesehen werden? Und wenn ja, wie kriegt Ihr das hin?

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10 Gedanken zu “Sind Vorwissen und Erwartung die Feinde der Freude? Die Last des „Spoilers“

  1. Ich sehe das wie du. Ganz ohne Vorwissen geht es gar nicht. Allerdings versuche ich schon Trailer und Besprechungen von Filmen, die ich sehen möchte zu meiden. Der Aussage „Wenn ein Film wirklich dadurch zu ruinieren ist, dass man ein Detail kennt, dann wäre er vermutlich so oder so nie besonders gut gewesen“ stimme ich nur zum Teil zu. Ich habe eigentlich schon vor den neuen Star Wars zu sehen. Wenn ich jetzt bei Twitter (wo ich nur sehr sporadisch unterwegs bin) beispielsweise lesen würde, dass in den ersten 30 Minuten alle etablierten Figuren sterben, würde mich das schon ärgern. Habe ich ja aber zum Glück nicht… 😉

    Aber selbst wenn es so wäre, vermute ich einfach mal dass das Ableben von Luke, Leia, Chewbacca und co jetzt nicht unbedingt tragend für die Handlung sein dürfte.
    Im Umkehrschluss würde es ja bedeuten, dass man Filme, deren Handlungselemente man durch die erste Sichtung schon kennt, kein zweites mal sehen muss. Und ich will nicht wissen wie oft ich Pulp Fiction oder Jurassic Park schon gesehen habe.

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    • Das „Problem“, wenn man eine einzelne „gespoilerte“ Information zu einem Film hat, ist vermutlich, dass die dann bestimmt, wie man den ganzen Film sieht. Wenn ich vor „Das Imperium schlägt zurück“ nur gewusst hätte, dass Vader Lukes Vater ist, hätte das sicher einen Einfluss darauf gehabt, wie ich den Film sehe, insofern, dass ich bei jeder Szene erwarten würde, es habe große Bedeutung.

      Aber es würde den Film nicht ruinieren. Das kann ber, wie oben gesagt, bei manchen „Whodunnits“ oder Filme, die an ihrem Twist hängen schon ein Problem sein. Wobei ich ‚The Sixth Sense‘ auch bei folgendem Ansehen sehr gut fand.

      Und man schaut eibnen Film ja nicht rein der Handlung wegen, auch nicht wie oben gesagt nur um seine Struktur zu ergründen. Ich habe z.B. den LEGO-Movie seit Erscheinen bestimmt fünfmal gesehen und das ist nun sicher kein Film, der als komplex eingestuft würde. Aber ich genieße einfach die Atmosphäre und den Humor. Und ich wollte ihn Leuten zeigen, von denen ich wuste sie würden ihn mögen, ihn aber ohne Überzeugungsarbeit nicht geschaut hätten.

      PS: die Einführung von ALF im neuen Star Wars ist aber wirklich brillant. Hoffe nur es wird keine Special Edition geben, in der die Katze zuerst schießt!

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      • „Und man schaut eibnen Film ja nicht rein der Handlung wegen, auch nicht wie oben gesagt nur um seine Struktur zu ergründen.“

        Da hast du sicher Recht. Wobei es meiner Erfahrung nach doch sehr ausgeprägte Tendenzen bei den jeweiligen Zuschauern gibt. In meiner Familie und engerem Bekanntenkreis ist es beispielsweise üblich einen Film (oder eine Serie, ein Buch…) nur ein mal zu schauen, weil ein zweites mal bei bekannter Handlung uninteressant ist. Deswegen stehen bei uns zuhause auch so gut wie keine Bücher oder DVDs. Ich selbst bin nicht ganz so radikal. Tendeziell aber auch eher ein Story-Gucker. 🙂

        „die Einführung von ALF im neuen Star Wars ist aber wirklich brillant. Hoffe nur es wird keine Special Edition geben, in der die Katze zuerst schießt!“

        Die Einführung wurde ja in der offiziellen Analyse zum 12. Teaser-Trailer ausführlich behandelt. 😉

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        • Ja, das ist in meiner Umgebung ähnlich und ich kann es ehrlich gesagt kaum nachvollziehen. Manche Filme hätten sich mir gar nicht erschlossen, wenn ich sie nicht mehrfach gesehen hätte oder, in einigen Fällen, ihnen eine zweite Chance gegeben hätte. Aber sowas ist wohl einer der Gründe, warum man Filmblogs schreibt. 😀

          Einen bekanntwen Film mit jemandem zu schauen, der oder die ihn nicht kennt ist außerdem die beste Möglichkeit dem Erlebnis der eigenen Erstansicht so nahe wie möglich zu kommen. Außer wenn die anderen eine ganz andere Reaktion auf den Film haben… das ist dann blöd. 😉

          Welche Analyse ist noch gleich die Offizielle? Ist das der SWNerdcast? Oder die Star Wars Fanalysis? Oder der Every Minute of Star Wars Ever Analyzed in Extremely Excruciating Detail Blog?

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          • Die genannten Anbieter sind mir allesamt zu oberflächlich. Ich rede von der einzig wahren Seite tellingthewholestoryina2minutestrailerinpainfuldetailandanalyzeit.com

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  2. Ich habe vor vielen Jahrzehnten mal aus Versehen „Sympathy for the Devil“ mit und über die Rolling Stones gesehen, während ich mich in einem ganz anderen Film wähnte (dessen Name ich vergessen habe, ich hab ihn schließlich nicht gesehen). Es war furchtbar! Langweilig. Noch langweiliger. Unfassbar langweilig. Es hat eine längere Weile gedauert, bis überhaupt bemerkt wurde, dass das nicht der gebuchte Film war. Dann dauerte es eine Weile, bis man merkte, dass da keine Handlung ist und auch wirklich keine mehr kommen wird. Dieses Erlebnis hat mich ein wenig traumatisiert. Ich lese sowohl bei Filmen als auch bei Serien gerne mal voraus. Wenn es zu spoilerig ist, warte ich, bis ich das meiste wieder vergessen habe.

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  3. Pingback: Filmforum Bremen » Das Bloggen der Anderen (18-12-17)

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