Coming to trademark your (Pop-)Cultura: The Walt Disney Company

Wir müssen über Disney reden. Ob man sich nun für Filme oder irgendeinen anderen Aspekt der Popkultur interessiert, das ist etwas, das sich nicht mehr vermeiden lässt. Denn Disney gehört jetzt die Popkultur. Nach der Akquise von 20th Century Fox mehr denn je. Zum einen kommen damit natürlich die Fantastic Four und das X-Men-Universum (vermutlich, denn eigentlich gehören die Rechte der Constantin Film und Fox hat nur Vertriebsrechte aber da wird es mir zu komplex) ins Marvel Cinematic Universe. Aber ob das nun gut oder schlecht ist, darüber möchte ich heute gar nicht reden. Viel wichtiger ist, was Disney nun noch so alles gehört.

Im Science Fiction Bereich wären da das ‚Alien‘ und das ‚Predator‘ Franchise. Und ‚Independence Day‘, wenn sich das noch lohnt. Falls es aktueller sein soll ‚Avatar‘ (und damit die putativen Milliardeneinnahmen aus den kommenden Teilen) und die neuen ‚Planet der Affen‘ Filme. Oder Einzelfilme, wie ‚Der Marsianer‘. Im Actionbereich erweitern sie ihr Portfolio um die klassische ‚Stirb Langsam‘ Serie und die erfolgreichen ‚Kingsman‘ Filme. Aber auch der familienfreundliche Bereich erweitert sich um die erstaunlich langlebigen ‚Ice Age‘ und ‚Alvin und die Chipmunks‘ Serien. Sieben der zehn erfolgreichsten Filme aller Zeiten sind nun Disney-Filme, ‚Titanic‘ und ‚Avatar‘ (die beiden mit dem höchsten Einspielergebnis) ergänzen ‚Star Wars: Das Erwachen der Macht‘, ‚Avengers‘, Avengers: Age of Ultron‘, ‚Die Eiskönigin‘ und ‚Die Schöne und das Biest‘ (2017) (der dürfte von ‚Die Letzten Jedi‘ rausgekegelt werden aber es bleibt ja im Haus). Und das waren nur die Filme. Im Serienbereich haben sie nun die Rechte an den ‚Simpsons‘, ‚Futurama‘, ‚Family Guy‘, ‚Akte X‘, ‚Buffy‘, ’24‘, ‚Modern Family‘ und einer Menge mehr.

Ist das gut? Disney ist bei aller familienfreundlicher Fassade kein liebenswerter Konzern (sofern es so etwas überhaupt geben kann). Vorwürfe der Geschichtsklitterung der „Disneyfizierung“ gibt es gegen klassische Disneyfilme immer wieder. Aber kaum etwas disneyfiziert Disney so sehr, wie die eigene Firmengeschichte. Nehmen wir ‚Saving Mr. Banks‘, ein Disneyfilm um die zähen Verhandlungen der Rechte an Mary Poppins zwischen Disney und Autorin P.L. Travers. Nicht nur wird der Hyperkapitalist Walt Disney hier vom lebenden Sympathiebonus Tom Hanks verkörpert, wir sehen den Kettenraucher Disney auch nie mit einem Glimmstängel (das würde auch der Disney Firmenpolitik widersprechen, die Zigaretten in Filmen zu zeigen verbietet). Die „problematische“ Person bei den Verhandlungen ist allein die von Emma Thompson verkörperte Travers. Tage verbringt Disney mit ihr, besucht sogar Disneyland im Versuch sie zu überzeugen. In Wirklichkeit waren es einige Minuten, bevor er sie an Untergebene delegierte. Ich will nicht sagen der Film sei nicht sehenswert, das ist er schon allein wegen Hanks und Thompson, man sollte sich nur bewusst sein die Disneyversion der Realität zu sehen.

Aber die Disneyfizierung geht natürlich über filminterne Handlung hinaus. Disney verweigert jegliche Veröffentlichung des Films ‚Song of The South’/’Onkel Remus‘ Wunderland‘ von 1946. In dem Film zeigt eine Realfilm-Rahmenhandlung, wie sich der alte Plantagenarbeiter (oder Sklave, der Film ist da offenbar bewusst uneindeutig) Remus (James Baskett) mit einem kleinen, weißen Jungen anfreundet und ihm Geschichten erzählt, die dann als Animation gezeigt werden. Dem Film wurde schon bei seinem Erscheinen Rassismus vorgeworfen, eine Kontroverse, die Disney wohl als rufschädigend betrachtet und somit Kino, Heimkino und sogar Fernsehausstrahlungen untersagt (in Deutschland lief er zuletzt 2001 im Fernsehen). Ähnlich ist es bei den alten Cartoons. Im Zuge des Zweiten Weltkrieges entstanden bei Disney einige Propaganda-Filme. Diese fehlen auf den deutschen Cartoon-Sammlungen vollständig, wohl deshalb, weil die Nazi-Symbolik eine Freigabe ohne Altersbeschränkung hier unmöglich gemacht hätte. So entgeht dem Interessierten zum Beispiel der Oscar-Gewinner ‚Der Fuehrer’s Face‘, in dem Donald Duck den Alptraum hat im „Nutzi-Land“ leben zu müssen.

Aber wir müssen gar nicht so weit zurückgehen für Disneyfizierung. 2013 wollte Disney, im Rahmen der Werbekampagne für einen damals noch unbenannten Film, ein Handelszeichen auf die Phrase „Dia de Los Muertos“ anmelden, dass ihnen exklusive Vermarktungsrechte für Filme, Videospiele und alles von Rucksäcken bis Turnschuhen gebracht hätte. Nun ist der Tag der Toten aber ein nationaler Feiertag in Mexiko und wird auch in zahlreichen anderen lateinamerikanischen Ländern begangen. So formierte sich blad ein lautstarker Protest gegen dieses irrsinnige Trademark auf einen Feiertag. „Unsere Kultur steht nicht zum Ausverkauf“ wurde zum Schlagwort und führte zu der berühmten „Muerto Mouse“ Karikatur von Lalo Alcaraz, auf die sich meine Überschrift bezieht. Disney zog den Antrag zurück und verschob den Film um mehrere Jahre, bis die Kontroverse vergessen wäre. ‚Coco – Lebendiger als das Leben‘ ist derzeit im Kino zu sehen und soll sehr respektvoll mit der Tradition des „Dia de Los Muertos“ umgehen. Es ist beinahe erstaunlich, dass es zu der Kontroverse überhaupt kommen konnte, hatte Disney 2011 doch bereits eine ähnliche ausgelöst, als sie ein Handelszeichen auf „SEAL Team Six“ beantragten, das Spezialkommando der US-Navy, das Osama bin Laden getötet hat. Das löste in den USA einen wahren Proteststurm aus, bis Disney „aus Respekt vor den Truppen“ davon Abstand nahm.

Und was geschah letztes Jahr, als ein LA Times Reporter einen kritischen Artikel über den politischen Einfluss, den der Disney-Konzern im kalifornischen Anaheim, der Heimat von Disneyland, ausübt? Disney belegte die Filmkritiker der Zeitung mit einem Embargo für alle Pressevorführungen ihrer Filme. Damit löste der Konzern allerdings solidarische Boykottankündigungen bei einem Großteil der USamerikanischen Presse aus und musste eiligst zurückrudern. Ein Zeichen dafür, dass mit allzu heftiger „Disneyfizierung“ auch ein „Streisand Effekt“ einhergehen kann.

Nun könnte man sagen, ähnliche Geschichten ließen sich sicherlich auch über jedes andere Hollywood-Studio finden. Das kann durchaus sein, nur habe zumindest ich das Gefühl, die anderen Studios sind bei ihrer eigenen Version der „Disneyfizierung“ ein wenig subtiler. Auch bin ich der Meinung Disney verdient als der Moloch der Popkultur, den er nun einmal darstellt besondere Aufmerksamkeit. Ich habe ja die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass die Enthüllungen der Skandale um Harvey Weinstein und Konsorten den Effekt haben werden, dass andere, neue Stimmen eine größere Chance in Hollywood erhalten. Dem steht aber die Homogenisierung des Blockbusters, der bald vermutlich zu gleichen Teilen aus Nicht-Disney und Disney Filmen bestehen wird, absolut entgegen. Monopolisierung und Homogenisierung sind in der Kunst, als die ich den Film und auch jede – formulieren wir es mal diplomatisch – Kommerzkacke ansehe, immer bedenklich.

Aber wie gesagt, mir geht es nicht um die Superhelden. Mir geht es gar nicht so sehr um die Blockbuster. Die größten Sorgen mache ich mir um das Unterstudio Fox Searchlight Pictures, bei dem Fox ungewöhnlichere, niedrig bis mittel budgetierte Filme produziert hat. Darunter spannende Produktionen wie ‚Birdman‘, ‚Black Swan‘, ‚Martha Marcy May Marlene‘, ‚Tree of Life‘, ‚Stoker‘, ‚Grand Budapest Hotel‘ und viele weitere. Mir stellt sich die Frage ob der Gigant Disney, der bereits ein „Downsizing“ bei den Fox Studios angekündigt hat, überhaupt noch ein Interesse an Filmen haben wird, die keine Chance haben, jemals in die Liste der Erfolgreichsten zu kommen. Und selbst wenn, hätte ein Film um eine romantische Beziehung zwischen einer Frau und einem Fischmann oder ein Ausflug in die schwärzeren Regionen der Seele eine Chance bei Disney produziert zu werden? ‚The Shape of Water‘ und ‚The Billboards Outside Ebbing, Missouri‘ sind zwei Oscaranwärter von Fox Searchlight dieses Jahr. Ich habe sie noch nicht gesehen, es sind aber die Filme auf die ich gespannt bin, wie auf kaum andere. Fox Searchlight wäre aus meiner Sicht ein gigantischer Verlust für die Filmwelt und ehrlich gesagt sehe ich nicht eben zuversichtlich in ihre Disney-Zukunft.

Aber hey, bei allem Bedenkenträgertum, immerhin hat Disney nun auch die Heimkino-Rechte an den ‚Star Wars‘ Filmen, die bislang noch bei Fox lagen. Also Disney, was muss ich tun, um die originalen, unbearbeiteten Versionen der Originaltrilogie auf BluRay zu bekommen? Palpatine die Fußnägel schneiden? Ich mach’s, Micky! Ich mach’s!!

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6 Gedanken zu “Coming to trademark your (Pop-)Cultura: The Walt Disney Company

  1. Ich versuche mich ja in der Regel bei solchen Themen in der Öffentlichkeit (also in Kommentaren wie diesen hier) zurückzuhalten. Aber da wir ja hier gewissermaßen unter uns sind, leg ich jetzt mal los. Ich sehe „Monopolisierung und Homogenisierung“ prinzipiell als großes Problem unserer Zeit an. Egal ob es um das Thema Ernährung, Gesundheit, Wirtschaft oder eben Film geht, diktieren die großen Konzerne uns was „gut“, „richtig“ und „wahr“ ist. Und wir schlucken das in der Regel einfach. Ich hatte mal eine Diskussion mit einer 10-jährigen, die der Meinung, nein der ÜBERZEUGUNG war, dass die grimmsche Version von Dornröschen falsch ist, weil es im Disneyfilm anders ist. Ich glaube im Kern ging es um einen Drachen, der am Ende auftaucht und den Prinzen angreift.

    Das mag nun ein sehr kindliches Beispiel sein, wie ein Konzern (Disney) unsere Ansichten und Haltungen prägen. Das lässt sich aber problemlos auf andere Konzerne übertragen. Studien belegen dies und das. Was ist gesund? Was ist ökologisch? Wer hat die Studien in Auftrag gegeben Bayer und VW. Google entscheidet welche News mir zuerst angezeigt werden, weil sie besonders relevent und wahr sind.
    Auf gleiche Weise beeinflussen (das kann natürlich auch auf positive Weise passieren) Filme unser Verständnis von der Welt und uns darin. Dass die Japaner die Bösen sind, dürfte jedes Kind mittlerweile aus zahlreichen Filmen gelernt haben. Genauso sind wir Deutschen im Herzen alle Nazis, Frauen nervige Zicken, die rosa Zeug mögen und Männer souveräne Helden, die nie weinen.

    Fox Searchlight wäre auch meiner Meinung nach ein herber Verlust für das Filmgeschäft. ABER! Ich bin davon überzeugt, dass bei einer Einstampfung andere Studios in die frei gewordene Nische kriechen und diese bedienen. Das ist Evolution, Baby 😉 Früher oder später können sich kleinere Kinos die Blockbusterriesen nicht mehr leisten und MÜSSEN auf kleiner Perlen zurückgreifen. Dann liegt es an uns Zuschauern eben auch darauf zurückzugreifen. „Das (Film)leben findet immer einen Weg.“

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    • Es ist immer wichtig und gut zu allem eine weit gefächerte Bandbreite an Standpunkten zu kennen. Das gilt für Filme und auch für wichtige(re) Dinge. Ich sehe aber natürlich auch ein, dass das nicht immer möglich ist.
      Das Internet, das eigentlich den Vorteil bringt, dass es keinen Filter mehr zwischen Nachricht und Rezipient gibt (Tageszeitung, Fernsehnachrichten) könnte ein Vorteil sein aber dazu bräcuchte es deutlich mehr Medienkompetenz als derzeit verbreitet ist. Eine Bandbreite an Standpunkten ist gut aber man muss auch wissen, welche Ansichten eine gleichwertige Auseinandersetzung einfach nicht mehr wert sind. Wenn man das nicht kann und alle Nachrichten, die Twitter oder Facebook oder Google einem anschleppt als gleichwertig akzeptiert (oder die größeren Medien gar noch als „Fake News“ betrachtet), dann hat man am Ende Ideen, dass die Erde flach ist, das Klima sich nicht ändert, Zigaretten eigentlich doch ganz gesund sind und Donald J. Trump ein fähiger Präsident ist.
      Ich glaube wir reden nicht über die exakt gleichen Dinge aber immerhin verwandte. 😉
      Medienkompetenz ist jedenfalls ein Stichwort, das bereits in vergangenen Jahren in der Bildung viel größeres Gewicht hätte finden müssen. Alles ist es wert kritisch hinterfragt zu werden.

      Zu Searchlight: das ist durchaus möglich aber nicht jeder hat die finanziellen Möglichkeiten von FOX im Rücken. Aber so ein Independent wie Blumhouse, z.B., die ihre Paranormal Activity Millionen anscheinend sinnvoll nutzen wollen, hat ja in den letzten Jahren mit Filmen wie Whiplash oder Get Out gezeigt, dass sie in genau die Nische wachsen, stimmt schon.

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