Reisetagebuch: ‚Dogtooth‘ (2009) – „Ein Zombie ist eine kleine, gelbe Blume“

Weltreise Ziel #9

Diese Etappe der Filmreise Challenge führt mich nach Griechenland zu einer abgelegenen Villa. Eine ziemliche weite Wanderung über Stock und vor allem Stein. Ob ich durch die dichten Hecken und über die Zäune überhaupt was sehen kann? Finden wir es heraus in Yorgos (oder Giorgos, ich habe beide Schreibweisen gesehen) Lanthimos‘ haarsträubendem ‚Dogtooth‘.

Es könnte so normal sein: der Film beginnt mit sonnendurchfluteten Aufnahmen einer Villa auf dem Land mit hohen Mauern und Hecken. Im Inneren, drei Kinder, die der Bandaufnahme einer Lektion lauschen. Aber die Lektion ist Unsinn. „Das Meer“ sei ein Sessel, wie der im Wohnzimmer. „Eine Exkursion“ sei ein harter Bodenbelag und so weiter. Die „Kinder“ sind bei genauerem Hinsehen auch ungefähr Mitte 20. Namen haben sie keine. Sie sind die ältere (Angeliki Papoulia) und die jüngere Tochter (Mary Tsoni), sowie der Sohn (Hristos Passalis). In vielerlei Hinsicht sind sie allerdings völlig infantil, ihre Gespräche haben eine gestelzte, abgehackte Qualität, häufig nach Worten ringend. Die Zeit vertreiben sie sich mit wenig auf Sicherheit bedachten Durchhaltetests. Wer kann am längsten die Hand unter heißes Wasser halten? Wer wacht nach einer Dosis Betäubungsmittel am schnellsten wieder auf? Die Gründe für all das werden schnell offensichtlich: Vater (Christos Stergioglou) und Mutter (Michele Valley) erziehen ihre Kinder ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Die Welt hinter den Mauern der Villa sei eine menschenfeindliche Ödnis, erzählen sie ihnen, voll von schrecklichen Monstern, wie menschenfressenden Katzen. Diese Hölle könne man nur mit Hilfe von Vaters braunem Mercedes durchqueren. Die „Lektionen“ dienen dazu versehentlich von den Eltern fallengelassenen Referenzen zur Außenwelt einen innerfamiliären/innerhäuslichen Bezug zu geben. Gutes Verhalten der Kinder wird mit Aufklebern belohnt, schlechtes Verhalten mit distanziert-sadistischer Gewalt bestraft.
Der Vater bringt regelmäßig Christina (Anna Kalaitzidou), eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes der Fabrik, in der er eine leitende Position innehat, mit verbundenen Augen zur Villa, damit sie gegen Bezahlung Sex mit dem Sohn hat. Letztlich bringt aber Christina den Apfel mit, der dieses pervertierte Paradies zum Einsturz bringen würde: Filme. ‚Rocky‘ und ‚Der Weiße Hai‘. Die ältere Tochter, die die Filme heimlich schaut, verändert ihr Verhalten völlig und verlangt, dass man sie nun „Bruce“ nennen solle. Das führt dazu, dass der Vater, im Versuch die Situation zu erhalten, einen Schritt zu weit geht.

Der Film erzählt seine Geschichte in letztlich erstaunlich normalen Bildern, die die Villa und den großen Garten samt Pool in geradezu idyllisches Licht setzen. Ein gewollter Kontrast zu den ungeheuerlichen Geschehnissen, die der Film zeigt. Manchmal ist die Kamera dann aber auch verstörend nah dran am Geschehen. So nah, dass die Köpfe der handelnden Personen abgeschnitten werden, was diesen Momenten eine unangenehm, klaustrophobische Atmosphäre gibt. Starre, wiederholende Kamerapositionen geben den Aufnahmen weiterhin etwas voyeuristisches, wie Aufnahmen aus einem „Big Brother“ Haus. Einen eigentlichen Soundtrack gibt es nicht, nur diegetische, im Film gespielte Musik. So legt der Vater eine Sinatra Platte auf, erklärt den Kindern, das sei ihr Großvater und „übersetzt“ die englischen Worte als Lobpreisung der Familie.

Die Tatsache, dass Lanthimos keine Antworten für das „Warum“ des Handelns der Eltern gibt eröffnet natürlich allerlei Interpretationsmöglichkeiten hinsichtlich politischer und sozialer Allegorien. Ich sehe den Film mehr als Begleitstück zu Lanthimos‘ ‚The Lobster‘. Während der Film die Linse eines satirisch verzerrenden Mikroskops auf die romantische Beziehung richtet, tut ‚Dogtooth‘ dasselbe für die klassische Familie. Lanthimos zeigt den, ins Schreckliche überzogenen, elterlichen Wunsch die Kinder vor den Gefahren der Welt und der Verderbnis der Gesellschaft zu schützen. „Mögen auch Deine Kinder unter schlechten Einfluss geraten“ sagt der Paterfamilias vorwurfsvoll zu Christina, in Bezug auf die Videos – nachdem er sie mit einem Videorekorder niedergeschlagen hat. Die verdrehten Lektionen, die die Kinder erhalten, können als direkte Parodie auf elterlichen Hausunterricht gesehen werden. Letztlich kann aber auch das familiäre Gefängnis die Neugier auf die Außenwelt, den Wunsch sich von den Idealen und Vorstellungen der Eltern zu lösen, als notwendigen Bestandteil des Erwachsenwerdens nicht verhindern.

Lanthimos erinnert mich hier, weit mehr als in ‚The Lobster‘ an die Arbeit von Michael Haneke. Anders als der Österreicher zeigt Lanthimos aber auch hier schon eine Verspieltheit und zumindest gelegentlichen Humor, der nicht von abgrundtiefer Schwärze geprägt ist. Gegen Ende zeigt sich gar ein leiser Hoffnungsschimmer. Zumindest ein Hinweis sei noch auf die seltenen aber heftigen Gewaltspitzen gegeben. Gerade die Szene selbst zugefügter Gewalt, die dem Film den Titel gibt ist recht schwer erträglich und Katzenfreunde sollten den Film wohl nur unter Vorbehalt sehen.

Wer mit ‚The Lobster‘ nichts anfangen konnte, der wird wohl auch mit ‚Dogtooth‘ nicht allzu glücklich werden. Wem der Film aber gefallen hat (oder auch nur dessen erste Hälfte), der findet hier einen etwas „roheren“ Film, der aber ähnlich gut funktioniert. Und ich bin jetzt um so mehr auf ‚Killing of a Sacred Deer‘ gespannt. Jetzt aber erst mal ein lecker Bifteki, wo ich schon mal hier bin.

14 Gedanken zu “Reisetagebuch: ‚Dogtooth‘ (2009) – „Ein Zombie ist eine kleine, gelbe Blume“

  1. „Killing of a sacred deer“ steht bei mir auch noch auf dem Programm. „Dogtooth“ hab ich bisher noch nicht gesehen. „The Lobster“ war was die Idee dahinter betrifft intelligent, wenn auch der Film selbst mitunter ein wenig schwer verdaulich war.

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