Reisetagebuch: ‚JCVD‘ (2008) – Jean-Claude Van Damme hat die Post überfallen!

Reiseziel #59: schaue einen Film in einer Dir fremden Sprache

Französisch hatte ich zwar mal in der Schule gelernt, die Sprache ist mir also eigentlich nicht ganz fremd, doch würde ich heute ohne Untertitel heute sicher durch keinen französischsprachigen Film mehr kommen. Insofern zähle ich den einfach mal für die Filmreise Challenge.

Jean-Claude Van Damme (Jean-Claude Van Damme) ist ein 47 Jahre alter Action Star. Das Geld ist knapp, gute Rollenangebote kommen kaum noch und die weniger guten schnappt ihm der ewige Rivale Steven Seagal weg. Er droht das Sorgerecht für seine kleine Tochter zu verlieren, nicht zuletzt weil er ihr peinlich ist. In dieser Situation will Van Damme ein paar Tage Urlaub in seiner alten Heimat Brüssel-Schaerbeek verbringen. Als er eine Postbank betritt, um eine dringend benötigte Überweisung abzuholen, fallen kurz darauf Schüsse. Es scheint klar, dass Van Damme in einer Verzweiflungstat die Post überfallen und Geiseln genommen hat. In Wirklichkeit ist er in eine laufende Geiselnahme geraten und wird von den Tätern nun als Sprachrohr und Sündenbock gebraucht.

In den ersten Szenen sah es so aus, als würde es ein typischer, ironisch distanzierter, augenzwinkernder Blick auf die Karriere des Hauptdarstellers. In einem langen One-Take kämpft sich Van Damme durch enge Gassen, bevor einige Effekte nicht zünden und eine Wand umfällt. Die Gassen sind das Set eines Billigfilms. Van Damme beschwert sich beim Regisseur des Films im Film, der fragt, was er glaubt hier zu drehen, ‚Citizen Kane‘? Seagal bekommt ein paar Seitenhiebe ab, Hollywood auch, vor allem aber John Woo. Doch dann wird schnell klar, dass sowohl Van Damme, als auch Regisseur Mabrouk El Mechri hier mehr schaffen, wahrhaftiger sein wollen.

Van Damme geht fast härter mit sich ins Gericht, als irgendeiner seiner Kritiker das tun würde. Untreue, Verantwortungslosigkeit, Drogensucht und Arroganz sind nur einige Vorwürfe, die der Film erhebt. Als Van Dammes (anscheinende) Tat bekannt wird, zeigen Fernsehsender peinliche Interviews mit dem Star. Trotz Todesangst kann eine von Van Dammes Mitgeiseln nicht umhin über ihn zu lachen. Van Damme tritt hier als ein Mann auf der einmal ganz oben war, jetzt aber ganz weit unten ist. Und dann tut der Film etwas wirklich Unerwartetes. Die Kamera und Van Damme scheinen nach oben zu schweben, bis zu den Gerüsten und Lichtern des Studios. Die Künstlichkeit des Films wird enttarnt und plötzlich durchbricht Van Damme die vierte Wand. Er wendet sich direkt an den Zuschauer und für 6 Minuten ohne Schnitt reflektiert er über sein Leben und seine Fehler, fragt sich, ob er je etwas erreicht hat, spricht über seine Angst vor Karriereende und Tod. Mittendrin beginnt er zu weinen. Der Effekt ist einer von Wahrhaftigkeit. Hinter Van Damme, Weltstar einerseits, Witzfigur andererseits steht immer noch ein Mensch.

Dies ist dann wohl auch der Moment, um Van Dammes Darstellung zu loben. Ich spare mir hier launige Bemerkungen, darüber, dass er „nur“ sich selbst spielt, denn das ist bei weitem nicht so leicht wie es klingt. Und es ist definitiv die Metaerzählung um Van Damme und dessen Darstellung, die mich als Zuschauer durch den Film gezogen hat. Der Rest ist zwar durchaus gut konstruiert, der Film macht mehrere Zeitsprünge und erzählt Szenen aus verschiedenen Perspektiven erneut, allerdings konnte mich die Handlung um die Geiselnahme nicht wirklich fesseln. Zu sehr folgen die Räuber den üblichen Archetypen, der Psychopath, der Vernünftige und der Van Damme Fan (okay, der ist kein Archetyp). Der Film ist dann am besten, wenn er von Van Damme erzählt oder wenigstens komisch ist, der Spannungsaufbau gelingt nicht wirklich. Die komischen Elemente dafür umso mehr. Die gesamte Situation ist wunderbar bizarr und das wird nur noch erhöht, wenn Fans aus Van Dammes ehemaligen Viertel zusammen kommen und seinen Namen skandieren und Polizisten ausjohlen.

El Mechri erzählt seine Geschichte in extrem desaturierten Bildern, die zum Geschehen passen und dem Film eine beinahe pseudodokumentarische Note verleihen. Er sagte später nur etwa 70% des Films entsprächen dem Drehbuch, den Rest habe Van Damme improvisiert.

Es ist erstaunlich, dass Van Damme aus seiner Arbeit in diesem Film, die manche Kritiker gar mit Heath Ledgers Darstellung des Jokers aus demselben Jahr verglichen, keinen neuen Karriereschub herausholen konnte. Womöglich ist aber die Zusammenarbeit mit den „Muscles From Brussels“ wirklich so schwierig, wie seine zahlreichen öffentlichen Fehden mit anderen Action-Darstellern aus der zweiten bis dritten Reihe vermuten lassen. Wie auch immer, diesen Film kann ihm keiner nehmen.

Die Idee eine reale Person in eine fiktive Situation zu schicken, um auf diese Weise mehr über sie (und womöglich Film an sich) zu erfahren ist spannend und unverbraucht genug, wirkt beinahe wie etwas, dass sich Jean-Luc Godard einfallen lassen würde (den El Mechri denn auch als Vorbild nennt). Und Van Dammes Darstellung ist so sehenswert, dass sich der Film zehn Jahre nach Erscheinen auf jeden Fall noch lohnt, auch wenn nicht alle Elemente rundherum funktionieren. Dafür ein „Oss!“

6 Gedanken zu “Reisetagebuch: ‚JCVD‘ (2008) – Jean-Claude Van Damme hat die Post überfallen!

  1. Der klingt echt interessant. Von dem habe ich bisher noch nichts gehört. Da französisch für mich eine absolut fremde Sprache ist, könnte ich den auch verwenden. Muss mal schauen was meine Liste zu diesem Thema sagt.

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  2. Cooler Film, den ich vor Jahren mal im Rahmen des Fantasy Filmfest gesehen habe; glücklicherweise mit englischen Untertiteln.
    Diese Fähigkeit zur Selbstironie steht JCVD wirklich gut. Ich habe mehrmals laut gelacht. Und das auch an den Stellen, an denn es auch vom Regisseur vorgesehen war. Kann ich nur wärmstens empfehlen.

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  3. Pingback: Newslichter Ausgabe 67: Cage ist Cage, Herzog weint und Sis(s)i kehrt zurück | filmlichtung

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