Reisetagebuch: ‚Capote‘ (2005)

Reiseziel #56: Schaue ein Biopic über eine männliche Person

Es wird langsam mal wieder Zeit für eine weitere Etappe auf der Filmreise Challenge. Und da ich gerade dabei bin mir noch unbekannte Filme mit Philip Seymour Hoffman nachzuholen, passt es doch, dass meine größte Hoffmann-Lücke, sein Oscar-Gewinn für die Darstellung Truman Capotes, sich gut mit der Filmreise Challenge ergänzt.

Ich schreibe hier ja gerne darüber, dass ich Filmbiographien bevorzuge, die sich auf eine bestimmte Zeit im Leben ihres Protagonisten beschränken und uns anhand seines Umgangs mit einer gegebenen Situation mehr über ihn verraten, anstatt den aussichtslosen Versuch zu unternehmen ein Leben oder auch nur eine Karriere in zwei Stunden unterzubringen. Insofern kam mir ‚Capote‘ von Anfang an entgegen, beschreibt der Film doch „nur“ Truman Capotes Recherche für seinen Tatsachenroman ‚Kaltblütig‘, der ihn einerseits zu Weltruhm führen sollte, andererseits das letzte Buch bleiben würde, dass er je vollendet hat.

Der Film führt in seinem ersten Drittel auf eine etwas falsche Fährte. Schnell meint man seine Erzählweise durchschaut zu haben. Truman Capote liest in der Zeitung vom brutalen Mord an der vierköpfigen Farmerfamilie Clutter. Er ist von dem Fall fasziniert und bietet dem „New Yorker“ an darüber zu schreiben. Im hell erleuchteten, modernen New York des Jahres 1959 ist Capote das magnetische Zentrum jeder Literatenparty, ein wegen seines Charmes und seines Humors gern gesehener Gast. Als er aber zu Recherche in das ländliche Kansas reist, dass hier mit bleigrauen Himmeln und kahlen Bäumen weit von der Idee der goldenen, endlosen Weizenfelder entfernt ist, muss er schnell feststellen, dass er hier der absolute Außenseiter ist. Seine lispelnde Fistelstimme, seine zahllosen Manierismen, seine gelegentlich offen zu Schau getragene, städtische Überheblichkeit, seine Direktheit und nicht zuletzt seine (für 1959) recht offen ausgelebte Homosexualität machen die Interaktion mit der Bevölkerung schwierig. Neben seinem Charme hilft ihm aber auch die weit bodenständigere Harper Lee (Catherine Keener), die ein wenig einfühlsamer mit der Situation umgeht und mit den betroffenen Menschen auf Augenhöhe spricht. Der örtliche Untersuchungsbeamte Alvin Dewey (Chris Cooper) beginnt bald sogar Capotes Bücher zu lesen, obwohl die Dorfbibliothek ‚Frühstück bei Tiffanys‘ verboten hat. Der Film scheint ‚Kaltblütig‘ also ein Stück weit umzudrehen. Anstatt zu beschreiben, wie die Stadt und die Betroffenen mit den Morden umgehen, zeigt er wie Capote es tut.

Dann allerdings ändert sich die Erzählung spürbar, wenn die beiden Täter, Dick Hickok (Mark Pellegrino) und Perry Smith (Clifton Collins Jr.) in Las Vegas gefasst werden. Capote interviewt beide umfangreich. Seine Beziehung zu Hickok bleibt dabei distanziert, er bringt ihm Bücher und das gelegentliche Pornoheft ins Gefängnis, im Ausgleich für Informationen. Zu Perry Smith entwickelt er hingegen eine weitaus engere Beziehung. Ob das Freundschaft ist, wie Dewey ihm unterstellt, oder Verliebtheit wie sein Lebensgefährte Jack Dunphy (Bruce Greenwood) ihm vorwirft, oder ob er sich in dem Mann mit der schweren Kindheit, der sich sein Leben lang nach Respekt gesehnt hat ein Stück weit wiedererkennt, bleibt weitgehend offen. Was immer es ist, es hält Capote nicht davon ab Smith für sein Buch auszunutzen. Mit zahlreichen Lügen und Fehlinformationen gelingt es ihm eine genaue Beschreibung der Mordnacht aus dem jungen Mann herauszuholen. Die  Brutalität dieser Szenen entfaltet im ansonsten sehr ruhigen Film eine erschreckende Wirkung. Als ihm dies gelungen ist, informiert er Smith, dass er leider keinen Anwalt für ein Gnadengesuch auftreiben konnte und lässt ab dann dessen zahllose Briefe unbeantwortet.

Spätestens jetzt ist es an der Zeit über die Darstellung Philip Seymour Hoffmans zu sprechen. Er imitiert Capote nicht einfach (was bei einem derart exaltierten Charakter auch schnell zu Karikatur verkommen könnte), er kanalisiert ihn geradezu. Sein Capote ist in jedem Moment gleichzeitig involviert und distanziert. Wenn er Smalltak mit Dewey und dessen Frau betreibt, dann merkt man, dass er gleichzeitig mit dem wissenschaftlichen Auge des Anthropologen dessen Haus analysiert. In der Beziehung zu Smith wird diese Mischung aus Empathie und Apathie dann aber zu einem Problem. Wenn er dem Mörder, den er einerseits sehr mag, andererseits ins Gesicht lügt, sich später gar endlich dessen Tod wünscht dann nagt das nicht einfach nur an ihm, Hoffman spielt es so, dass man das Gefühl haben muss er weiß, dass er seine eigene moralische Grundfesten zerstört. Und er ist bereit das zu tun für sein Buch. Das Buch wird für ihn zum absolut wichtigsten Lebensinhalt, dem alles andere geopfert werden muss. Wenn Capote sagt, dass es das wichtigste Buch aller Zeiten würde, dann ist das nicht nur Egozentrik (von der er einiges mitbringt), er meint das absolut ernst. Und der Rest der literarischen Welt scheint ihm Recht zu geben. Als gegen Ende Harper Lee zur Stimme seines Gewissens wird, dann ist es zu spät, sein Absturz in den Alkoholismus ist nicht mehr aufzuhalten. Letztlich stellt der Film also die Frage, ob Kunst (oder eher deren Erschaffung) über der Moral stehen kann.

‚Capote‘ ist zu jedem Moment Hoffmans Film. Keine Szene ohne ihn und doch sieht man ihn in keiner Szene, sondern nur Capote. War ich bisher beeindruckt von ihm als Darsteller, bin ich jetzt überwältigt. Das dürfte seine beste Rolle und ein absolut verdienter Oscar sein. Daneben gehen andere Figuren leider etwas unter. Von Catherine Keeners faszinierender Harper Lee hätte ich gerne mehr gesehen und besonders Bruce Greenwood, als Capotes Partner bleibt eine Nebenrolle mit kaum mehr als 5 Sätzen Text. Die zweite Nebenrolle hat eindeutig Clifton Collins Jr., dem der Spagat seiner Rolle zwischen waidwundem Reh, einem verletzten Mann auf der ehrlichen Suche nach Freundschaft und tatsächlich kaltblütigen Mörder sehr gut gelingt.

Auch abseits des Schauspiels ist der Film gelungen. Obwohl ein Erstlingswerk, gelingt es dem routinierten Werbefilmer Bennet Miller und Kameramann Adam Kimmel den Film nicht zur Hoffman-One-Man-Show zu machen, sondern durchaus auch durch ihre Bilder zu sprechen. Es wäre faszinierend zu analysieren, wie unterschiedlich New York, Kansas und die Cost Brava hier ins Bild gesetzt werden. Aber ich bin eh schon wieder viel zu lange am Schreiben…

Ein absolut sehenswerter Film, der sich ganz hervorragend mit Capotes Buch ergänzt. Eine Glanzleistung von Hoffman und ein großartiger Erstling von Miller, der dieser Art der Erzählung über reale Personen anhand eines Geschehnisses in ‚Moneyball‘ und ‚Foxcatcher‘ treu bleiben sollte.

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3 Gedanken zu “Reisetagebuch: ‚Capote‘ (2005)

  1. Pingback: ‚Schloß des Schreckens‘ OT: ‚The Innocents‘ (1961) – generischer Titel, großartiger Film | filmlichtung

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