‚Tödliche Entscheidung – Before the Devil Knows You’re Dead‘ (2007)

Wie letzte Woche bin ich immer noch dabei mir bislang unbekannte Filme mit Philip Seymour Hoffman nachzuholen. Das führt mich heute zum letzten Film einer anderen Größe des Kinos: Sidney Lumet. Ich kann nicht behaupten mich in seiner annähernd 6 Jahrzehnte umfassenden Filmografie besonders gut auszukennen, doch was ich gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt, insbesondere ‚Die zwölf Geschworenen‘ (1957) oder ‚Serpico‘ (1973). Ob das seinem letzten Film, den er mit 83 Jahren, vier Jahre vor seinem Tod gedreht hat auch gelingt, lest Ihr hier. Und dann rupfe ich ein paar Hühnchen mit der deutschen Version…

Der beruflich erfolgreiche New Yorker Andy Hanson (Philip Seymour Hoffman) braucht (mehr) Geld. Nicht nur glaubt er, ein Umzug nach Rio de Janeiro würde seine, mit der Ehe unzufriedene, Frau Gina (Marisa Tomei) glücklicher stimmen, er hat auch ein Heroinproblem. Außerdem unterschlägt er Geld in seiner Firma, was herauszukommen droht. Sein jüngerer und weit weniger erfolgreicher Bruder Hank (Ethan Hawke) braucht ebenfalls Geld. Vor allem weil er mit den Alimenten bereits ein paar Monate im Rückstand ist. Und selbst für den Ausflug der Tochter zum „König der Löwen“ Musical kann er nicht bezahlen. Deshalb sagt er nicht sofort nein, als Andy mit einem Vorschlag zu ihm kommt: einen „Mom & Pop“ Juwelierladen zu überfallen. Die Mom & Pop in diesem Fall sind allerdings ihre eigenen Eltern. Hank soll den Überfall allein durchziehen, da Andy in der Gegend zu bekannt sei. Hank bekommt es mit der Angst und zieht den Ganoven Bobby in die Sache mit hinein. Der bringt, entgegen der Abmachung, eine echte Waffe mit. Als sie im Laden statt auf eine alternde Angestellte auf die resolute Mutter Nanette Hanson (Rosemary Harris) treffen, kommt es zur Katastrophe. Während Andy und Hank versuchen ihre Spuren zu verwischen, beginnt ihr verzweifelter Vater Charles (Albert Finney) eigene Untersuchungen anzustellen.

Auch wenn sich diese Inhaltsangabe umfassend liest, habe ich hier doch nur den auslösenden Moment beschrieben. Kelly Mastersons Drehbuch nutzt den Thriller oder Heist-Movie, um eine verwinkelte Familientragödie zu erzählen. Und Lumet macht einen Neo-Noir daraus, der die zerstörerische Kraft des Verbrechens verwendet, um ein Charakterdrama auszulösen. Die beiden zentralen Charaktere der Brüder sind letztlich klassische Noir Archetypen. Andy ist der Schmied zahlloser „todsicherer“ Pläne, die natürlich stets nur an der Unfähigkeit Anderer scheitern. Und Hank ist zu naiv, zu gutmütig und letztlich zu verzweifelt um im richtigen Moment nein zu sagen. Es ist keine einfache oder leicht verdauliche Geschichte, die Lumet hier in desaturierten Bildern erzählt und sie dreht sich nicht eben um sympathische Charaktere. Allerdings zeigt er in seiner Erzählweise so viel Mitgefühl, dass wir als Zuschauer den Figuren nicht entziehen können und doch wissen wollen, was passiert, auch wenn wir die handelnden Personen nicht unbedingt mögen. Und hier weiß er bis tatsächlich in die letzte Szene noch zu überraschen. Überhaupt ist der ganze dramatische dritte Akt eine Folge von gezielten Schlägen in die Nierengegend.

Der Film ist derart energetisch, dass ich niemals angenommen hätte, dass er von einem Mann in seinen 80ern stammt. Gelegentlich merkt man aber doch, dass Lumet einer älteren Generation des Filmemachens entstammt. Da ist zum einen sein sehr offener Umgang mit Nacktheit, was im neueren Hollywood Kino ja schon fast wie ein Fremdkörper wirkt. Auch neigt er dazu Szenen mit Carter Burwells etwas aufdringlichem Score zu unterlegen, die ein modernerer Filmemacher wohl still gelassen hätte. Dass sein New York mehr an das filmische New York der 70er und 80er erinnert, mit seinem Ruß und Dreck, der sich mehr auf die Seelen der Menschen als auf die Gebäude legt und den kein noch so elegantes Apartment verbergen kann ist hingegen wohl mehr der Erzählung als seinem Alter geschuldet. Ob die nichtlineare Erzählweise in verwinkelten Rückblenden nun ein Tribut an die Moderne oder ein Versuch war zu beweisen, dass Lumet keinesfalls alt sei, weiß ich nicht. Nötig ist ein solcher Beweis nicht, allzu viel beitragen tut die Nichtlinearität meiner Meinung nach aber nicht und wird im dritten Akt denn auch unzeremoniell aufgegeben.

Was ‚Tödliche Entscheidung‘ aber vor allem ist, ist ein Schauspieler-Film. Hoffman ist perfekt besetzt als Andy, der seine Verzweiflung hinter einer ebenso schmierigen wie hauchdünnen Fassade geschäftstüchtiger Professionalität verbirgt. Ethan Hawke ist demgegenüber verletzlich, als Hank, der seine Verzweiflung überhaupt nicht verbergen kann. Es ist erstaunlich, wie glaubwürdig die beiden als Brüder wirken. Schon in ihrer ersten Szene wirken sie, wie zwei Männer, die sich seit Kindheitstagen kennen, der eine herrschsüchtig, der andere konfliktscheu, doch hinter den Fassaden ist die Beziehung weit komplexer. Ein wenig die Schau stiehlt in seinen Szenen Albert Finney, der als liebender und trauernder Ehemann einerseits, als völlig abwesender Vater andererseits überzeugt. Und Marisa Tomei gelingt es, in dem ansonsten sehr männlich geprägten Film, mit einer geradezu magnetischen Darstellung die zerbrechliche Gina zu einem zentralen Element der Handlung zu machen.

So ist ‚Tödliche Entscheidung‘ ein nicht ganz einfacher, teilweise sogar unangenehmer aber wahrhaftiger Film. Der Schwanengesang eines Künstlers, der weder sich selbst noch irgendjemand anderem noch etwas beweisen musste. Ein gelungener Neo-Noir, ein New York Film abseits des Glamours. Der Originaltitel ‚Before Te Devil Knows You’re Dead‘ bezieht sich übrigens auf einen irischen Trinkspruch: „May your glass be ever full. May the roof over your head be always strong. And may you be in heaven half an hour before the devil knows you’re dead“ In diesem Film ist der Teufel allen Charakteren allerdings um mindestens zwei Stunden voraus.

Das bringt mich zu den zu rupfenden Hühnern mit der deutschen Version. Ich habe mich hier ja schon einmal über dämliche, deutsche Titel ausgelassen aber warum bekommt dieser Film im Deutschen einen Titel, der an einen Steven Seagal Direct-to-Video Film denken lässt? Natürlich kennt hier kaum jemand den Trinkspruch, das dürfte in den USA aber nicht anders sein und der Titel evoziert doch auch so schon bestimmte Vorstellungen und das Englisch ist auch mit reinen Schulkentnissen verständlich. Damit aber nicht genug: auf dem Cover der Blu-Ray prangt ein Sticker, der den Film als Feierabend Filmtipp deklariert. Vielleicht verstehe ich da was falsch, unter einem Feierabendfilm verstehe ich einen, von dem ich mich nach einem harten Arbeitstag ein wenig leicht unterhalten lassen kann. ‚Tödliche Entscheidung‘ braucht nicht nur einiges an Aufmerksamkeit, er ist auch eine emotionale Achterbahnfahrt (mit allen Teilen der Achterbahn, die Aufwärts führen herausgenommen), somit für den Zweck völlig ungeeignet. Vielleicht liegt es an dieser merkwürdigen Vermarktung, dass mir dieser tolle Film 10 Jahre lang entgangen ist.

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2 Gedanken zu “‚Tödliche Entscheidung – Before the Devil Knows You’re Dead‘ (2007)

  1. Den fand ich auch toll. Wenn ich mich recht entsinne, war das der zweite Film zu dem ich damals auf meiner Seite etwas geschrieben habe. Damals noch als „Streng geheimer Filmtipp“. Nach der Veröffentlichung habe ich dann festgestellt, dass der Film nicht wirklich „streng geheim“ ist. Ich glaube den Artikel gibt es leider nicht mehr.

    Jedenfalls kann ich den nur auch noch mal empfehlen. Auch wenn es wahrlich kein „Feierabendfilm“ ist. Und das Wort „wahrlich“ im Alltag leider wahrlich zu selten benutzt wird, wie ich gerade feststelle…

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    • Naja, er war streng geheim genug, um an mir bis jetzt vorbei zu gehen. 😉

      Aber ja, bei der Besetzung und der Bekanntheit Lumets ist wohl kein Geheimtipp, aber der deutsche Verleih wusste offensichtlich (wahrlich!) nix damit anzufangen.

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