Reisetagebuch: ‚The Dressmaker‘ (2015) – Kleider richten Unrecht

Reiseziel #01: Schaue einen Film aus Australien

Nach meinem Besuch im verrauchten Paris der 60er im Rahmen der Filmreise Challenge, brauchte ich dringend Frischluft. Und wo könnte man die besser finden als im Land der Beuteltiere und Bumerangs: Australien. Und was soll ich sagen? Die Landschaft hier ist trocken und rau aber schön und… uh, jemand hat mich soeben an die Existenz von Riesenkrabbenspinnen, Inlandtaipanen und Würfelquallen erinnert!! Zeit mich in einen hermetisch verschlossenen Raum zu verdrücken und einen Film zu schauen.

Manchmal liege ich verdammt falsch. Ich habe das Cover von ‚The Dressmaker‘ gesehen und ich habe den Klappentext gelesen und glaubte exakt zu wissen, wo die Reise hingeht. Lasst mich Euch die Ausgangssituation erklären: Mitte der 20er Jahre wird dem Mädchen Myrtle „Tilly“ Dunnage, aus dem australischen Kleinstdorf Dungatar vorgeworfen ihren Mitschüler Stewart ermordet zu haben. Der war der Sohn des Stadtrates und so wird sie des Dorfes verwiesen. Ein Vierteljahrhundert später kehrt Tilly (Kate Winslet), inzwischen eine erfolgreiche Damenschneiderin, zurück nach Dungatar. Augenscheinlich um sich um ihre demenzkranke Mutter Molly (Judy Davis) zu kümmern. Oder steckt doch etwas anderes hinter ihrer Rückkehr? Der Wunsch den Tod Stewarts aufzuklären? Oder gar Rache? Klar ist nur, dass zumindest ihre Kleider bei den Frauen Dungatars schnell Anklang finden. Ansonsten sind nur wenige Dorfbewohner froh Tilly zu sehen. Darunter der Dorfpolizist (Hugo Weaving mit John Waters Strichbärtchen), der Schuldgefühle hegt, weil er Tilly einst fortgebracht hat und eine stille Vorliebe für Crossdressing hat. Und der Außenseiter Teddy (Liam Hemsworth), der mit seinem kognitiv beeinträchtigten Bruder und seiner Mutter in einer Wohnwagensiedlung lebt. Der Rest der Bevölkerung sind mehr oder weniger Karikaturen, die Tilly unterschiedliche Ausprägungen von Hass entgegenbringen.

Von hier aus dachte ich, es wäre doch klar was passiert: Die Dorfbewohner stehen Tilly kritisch gegenüber, doch mit ihren Modekreationen verschönert sie das hinterwäldlerische Dorf, es stellt sich raus, dass ihr größter Kritiker hinter dem Mord steckt, alle lernen eine wichtige Lektion über Vorurteile und am Ende heiratet sie ihre Jugendliebe und alle Frauen tragen ihre Kleider. Hurra! Aber von wegen, dachte sich Regisseurin Jocelyn Moorhouse (und vor ihr die Autorin der Buchvorlage Rosalie Ham). Dass es in durchaus andere Gefilde geht macht der Film innerhalb seiner ersten Minute deutlich. Zu den Tönen einer Italowesternmelodie entsteigt Tilly dem Bus, wie einst Charles Bronson dem Zug, nur mit einer Nähmaschine statt der Winchester unter dem Arm, was vor dem Hintergrund des Outback-Kaffs gar nicht so absurd wirkt. Dann zündet sie sich in ihrem schwarz-weißen Kleid eine Zigarette an und verwandelt sich in jede Femme Fatale eines jeden Noir Films, was vor dem Hintergrund des Outback-Kaffs absolut absurd wirkt.

Der Film will also in allerlei unterschiedlichen Genres funktionieren, womit teilweise extreme Wechsel in der Tonalität einhergehen. Der Umgang mit durchaus ernsten Themen, im Mittelpunkt steht, wie gesagt, der gewaltsame Tod eines Kindes, aber auch häusliche Gewalt, Vernachlässigung, Alkoholismus sowie Demenz und andere Alterserscheinungen, ist zum größten Teil humoristisch. Der tonale Spagat gelingt dabei nicht immer und gelegentlich erscheint der Umgang mit diesen Themen dann doch allzu putzig, wenn nicht gar geschmacklos. Tillys Mutter Molly etwa erkennt ihre Tochter für eine ganze Weile überhaupt nicht, doch ihre Demenz wird zumeist als Grundlage für Humor verwendet, kann im nächsten Moment aber dramatische Züge annehmen. Dass das überhaupt funktioniert liegt meines Erachtens weniger am Drehbuch, als an Judy Davis schauspielerischen Fähigkeiten, die selbst Kate Winslet gelegentlich die Schau stehlen.

Normalerweise erwähne ich keine Kostümbildner, doch da das hier zentrales Element ist muss ich kurz Marion Boyces Kreationen erwähnen, die einerseits glaubhaft 50er Jahre sind, andererseits aber sowohl die Hinterwäldler des Dorfes beeindrucken, als auch mich, der von Mode vermutlich noch weniger Ahnung hat.

Wie dem auch sei, nachdem der Film also schon in den ersten Akten sowohl tonal unerwartet war, als auch einige handlungstechnische Überraschungen bot, so erfahren wir schon nach der Hälfte der Laufzeit, was hinter dem Tod steckt, beginnt dann der dritte Akt, über den ich gerne mehr schreiben würde, doch das wäre unfair. Nur so viel: er tritt eine Reihe von Ereignissen los, teilweise tragisch, teilweise bizarr, aber durchgehend makaber. Nachdem ein bestimmter Charakter gestorben ist, habe ich alle Ideen, ich könne voraussagen, wo es hingeht aufgegeben und mich nur noch auf die wahrlich wilde Fahrt, die Hirse, Cannabis-Kekse und Macbeth mitnimmt, eingelassen. Der Film bricht hier beinahe alle erzählerischen Konventionen und es wird klar, dass Moorhouse fast 20 Jahre nachdem sie ihren letzten Film in Hollywood gedreht hat, keinerlei Interesse hat in ihrer Heimat zum Mainstream zurückzukehren. Am Ende hat der Film sogar noch eine etwas pointiertere Aussage zu Erinnerungen und Vergangenheit, als ich vermutet hätte.

Das Ergebnis ist ein Film, an dem es sicherlich viel zu kritisieren gibt. Der gewollte tonale Spagat gelingt nicht immer, die Erzählweise ist gelegentlich arg simplistisch, wenn nicht gar geschmacklos und viele Charaktere bleiben zu sehr Karikatur um wirklich zu funktionieren. Neben typischen Filmproblemen, wie das Liam Hemsworth für seine Außenseiterrolle ein ganzes Stück zu sauber und gut frisiert ist. Aber seine Hauptaufgabe ist eh gut auszusehen und die erfüllt er natürlich achtbar. Andererseits ist Kate Winslet hervorragend in der Hauptrolle und Judy Davis und Hugo Weaving geben überzeugende, sympathische Nebendarstellungen. Vor allem lohnt sich der Film, meiner Meinung nach aber eben wegen des letzten Drittels, in dem der narrative Zug nicht einfach entgleist, sondern durch das Bahnhofsgebäude kracht und die Hauptstraße herabdonnert. Es ist sicher kein Film, der sich ins Gedächtnis einbrennt, noch wird jeder mit dem tonalen Schleudertrauma zurechtkommen, doch kann ich gar nicht anders als einen Film, der mich so überrascht hat weiterzuempfehlen.

So, nachdem ich mich an die Existenz von Koalas, Wallabys und Schnabeltieren erinnert habe, komme ich dann, allem Giftgetier zum Trotz, wohl doch wieder raus aus meinem Panic Room und bin mal gespannt, wo mich die Challenge nächstes mal hinführt.

3 Gedanken zu “Reisetagebuch: ‚The Dressmaker‘ (2015) – Kleider richten Unrecht

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